Weissrussland

Elf Tote bei Bombenexplosion in Minsker U-Bahn

Die Metrostation liegt unweit des Büros des weißrussischen Präsidenten Lukaschenko. Ermittler vermuten einen Terror-Anschlag.

Minsk/Moskau. Bei vermutlich zwei Explosionen in der Metro der weißrussischen Hauptstadt Minsk sind mindestens elf Menschen getötet worden. Dies gab Präsident Alexander Lukaschenko laut Nachrichtenagentur Reuters am Abend bekannt. Nach Medienberichten sind zudem rund 100 Menschen verletzt worden. Dutzende Opfer seien mit Verbrennungen und offenen Wunden auf Tragen von der Haltestelle Oktjabrskaja weggebracht worden. Das meldete die unabhängige Agentur Belapan am Montag.

Die Ursache der Explosion war zunächst unklar. Die russische Nachrichtenagentur Itartass meldete unter Berufung auf das Katastrophenschutzministerium, es handele sich um eine Bombenexplosion. Die Umstände des Unglücks würden noch untersucht. Auch über die Art des eingesetzten Sprengstoffs bestünde noch keine Klarheit.

Die Ermittler in Weißrussland gehen davon aus, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen Terroranschlag handelt. Das meldete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf eine Polizeiquelle. "Ich schließe nicht aus, dass uns dieses Geschenk von außen gebracht wurde, aber wir müssen auch im Inneren suchen“, sagte Lukaschenko bei einer Krisensitzung am Abend.

Der Ausgang der Metrostation Oktjabrskaja liegt direkt am Hauptbüro des autoritären Präsidenten und seiner Residenz. Das Gebäude des Nationalen Sicherheitsrats liegt ebenfalls dort. Die Station verbindet die beiden Hauptmetrolinien der Stadt miteinander.

Augenzeuge: Leichen lagen übereinander

Ein Augenzeuge, Alexej Kiklewitsch, sagte, mindestens ein Teil der Decke der U-Bahnstation sei eingestürzt. Ein Überlebender, der 52-jährige Igor Tumasch, sagte, er sei gerade aus einem Zug ausgestiegen, als er einen großen Blitz gesehen habe, „eine Explosion und viel Rauch. Ich bin auf meine Knie gefallen und gekrochen – Leichen lagen übereinander.“ Er habe einen Mann mit einem abgerissenen Bein gesehen und habe ihm helfen wollen, fuhr er fort. „Aber dann sah ich, dass er tot ist.“

Verletzte seien auf Tragen von der Haltestelle Oktjabrskaja weggebracht worden, berichten Augenzeugen der unabhängigen Agentur Belapan. Schwarzer Rauch steige aus dem U-Bahn-Schacht auf. Die Kleidung vieler Menschen, die von der Metrostation flüchteten, war zerfetzt. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP sah am Abend, wie mehrere zum Teil schwer verletzte Personen aus der U-Bahnstation getragen wurden, darunter eine, der beide Beinen weggerissen wurden. Offizielle Informationen gab es zunächst nicht. Augenzeugen zufolge ereignete sich die Explosion gegen 17 Uhr MESZ in der Station Oktjabrskaja. Amateurvideos zeigten panisch flüchtende Menschen. Verletzte kauerten blutüberströmt in der zentralen Umsteigestation oder auf dem Bürgersteig, wo sie Infusionen erhielten.

Mehrere Krankenwagen und Löschfahrzeugewaren innerhalb von drei Minuten nach Unterrichtung über die Explosion am Unglücksort im Stadtzentrum. Dort trafen auch Mitarbeiter des weißrussischen Geheimdienstes KGB ein. Die Polizei sperrte die Zugänge zu den U-Bahnstationen Oktjabrskaja und Kupalowskaja ab. Ein großer Krater sei am Ort der Explosion zu sehen, hieß es. Laut Itartass haben Augenzeugen berichtet, dass die Menschen nicht nur bei der Bombenexplosion getötet oder verletzt wurden, sondern auch beim Einsturz einer Treppe. Auch zwei weitere Haltestellen wurden gesperrt.

Medwedew bietet Hilfe an

Präsident Lukaschenko machte sich in der betroffenen Haltestelle Oktjabrskaja nahe seiner Residenz ein Bild der Lage und legte Blumen nieder. Er rief eine Krisensitzung ein und befahl, die Sicherheitsvorkehrungen in dem ohnehin scharf kontrollierten Land noch zu verstärken.

Laut Agentur Itartass habe der russische Präsident Dmitri Medwedew mit Lukaschenko telefoniert und Hilfe bei den Ermittlungen und der Behandlung der Verletzten angeboten. Russland sei bereit, den von dem Terroranschlag Betroffenen, alle notwendige Unterstützung zukommen zu lassen, erklärte Präsidentensprecherin Natalia Timakowa laut Itartass.

Politische Spannungen in Weißrussland

Viele Weißrussen sprachen in ersten Reaktionen davon, dass die weißrussische Führung möglicherweise versuche, von den schweren innenpolitischen Problemen des Landes abzulenken. Weißrussland steht vor dem Staatsbankrott und wartet auf einen Milliardenkredit aus dem Nachbarland Russland.

Die politischen Spannungen in Weißrussland haben seit einer Massendemonstration gegen im Dezember zugenommen, bei der mehr als 700 Menschen festgenommen wurden, darunter auch sieben Präsidentschaftskandidaten. Bei der umstrittenen Wahl am 19. Dezember wurde Lukaschenko, der seit 1994 mit eiserner Faust die ehemalige Sowjetrepublik regiert, zum klaren Wahlsieger erklärt. Die angeschlagene Opposition gegen Lukaschenko ist seit Jahren überwiegend friedlich.

Die autoritär regierte Ex-Sowjetrepublik Weißrussland galt bisher nicht als Ziel von Terroristen. Bei einem Bombenanschlag am Tag der Unabhängigkeit im Juli 2008 waren in Minsk etwa 50 Menschen verletzt worden. Wenig später nahm der KGB vier Männer unter Terrorverdacht fest. Die Verdächtigen sollen Mitglieder der nationalistischen Untergrundorganisation Weiße Legion gewesen sein, die sich zur Gewalt im Kampf gegen staatliche Organe bekenne. Der Fall wurde allerdings nie aufgeklärt.

(dpa/afp/dapd)