Afghanistan-Dokumente bei WikiLeaks

Karsai schockiert über veröffentlichte Geheimdokumente

Gefährdet Veröffentlichung von geheimen Afghanistan-Dokumenten Menschenleben? Suche nach der undichten Stelle begonnen.

Kabul. Afghanistans Präsident Hamid Karsai hat die Nennung afghanischer Informanten im Zuge der Veröffentlichung Tausender US-Geheimdokumente zum Afghanistan-Einsatz scharf kritisiert. "Das ist extrem verantwortungslos und schockierend", sagte Karsai gestern in Kabul. "Dabei geht es um Menschenleben, und die sind gefährdet", fügte der Präsident hinzu. Er könne dies "nicht ignorieren".

Auch die internationale Afghanistan-Truppe Isaf verurteilte die Veröffentlichung der geheimen US-Dokumente. Es sei "ausgesprochen unverantwortlich", klassifizierte Dokumente "so zu Markte zu tragen", sagte der Isaf-Sprecher Josef Blotz. Die Weitergabe der geheimen Dokumente sei eine "Straftat" und setze sowohl die internationalen Soldaten als auch die afghanischen Sicherheitskräfte "zusätzlicher Gefährdung" aus. Blotz sagte allerdings, die meisten Angaben in den Unterlagen seien bereits bekannt gewesen. In vielen Fällen handele es sich außerdem lediglich um Material ohne größere Bedeutung.

Das auf Enthüllungsgeschichten spezialisierte Internetforum WikiLeaks hatte Zehntausende geheime Unterlagen zum Afghanistan-Einsatz veröffentlicht. WikiLeaks -Gründer Julian Assange wies Kritik zurück, die Veröffentlichung gefährde afghanische Informanten. WikiLeaks habe sich vor der Veröffentlichung an das Weiße Haus gewandt, um "die Gefahr so gering wie möglich zu halten, dass unschuldige Informanten namentlich genannt werden", habe aber keine Antwort erhalten, sagte er der britischen Tageszeitung "The Times". Diese hatte zuvor berichtet, kurze Recherchen in den Akten genügten, um Dutzende Namen von afghanischen Informanten zu finden. Das US-Verteidigungsministerium prüft nun, ob ein Strafverfahren eingeleitet wird, sagte US-Justizminister Eric Holder. Sein Ministerium arbeite mit dem Pentagon zusammen, um die undichte Stelle zu ermitteln.

In Bagdad sagte Generalstabschef Mike Mullen, er sei "entsetzt" über diese undichte Stelle. "Es gibt eine echte mögliche Bedrohung, die amerikanische Leben gefährdet." US-Behörden befürchten, dass neben den Taliban auch fremde Geheimdienste von den Daten profitieren könnten.