Nato-Truppen

Ukraine-Krieg: So trainiert die Bundeswehr für den Ernstfall

| Lesedauer: 12 Minuten
Christian Unger (Text) und Maurizio Gambarini (Fotos)
Nato-Ostflanke: Deutsche trainieren in Litauen für Ernstfall

Nato-Ostflanke: Deutsche trainieren in Litauen für Ernstfall

Die Bundeswehr und Soldaten aus anderen Ländern sind aktuell in Litauen, in den Städten Rukla und Pabrade. Dort üben sie verschiedene Szenarien, wie den Häuserkampf oder die Einnahme von Gebäuden.

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Deutsche und Norweger trainieren in Litauen die Verteidigung. Bei einem Angriff Russlands auf die Nato wären sie die vorderste Linie.

Pabrade. Wenn der Trupp von Hauptfeldwebel Kay ein Haus des Gegners stürmt, dann schützen Regeln ihr Leben. Regel 1: Draußen ist es am gefährlichsten, weil die Soldaten schutzlos sind. Weil Beschuss von drinnen droht. Sie müssen schnell sein. Regel 2: Die Treppen im Haus sind immer riskant. Eng, außerdem greift der Feind von oben an. Regel 3: nur zu viert einen Raum durchsuchen, erst die Ecken sichern, denn die sind von außen selten einsehbar. Zur Not: zuerst Granate reinwerfen, 115 Gramm Sprengstoff. Nicht zu viel, sonst haut die Druckwelle die eigenen Leute um.

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Gerade greift Regel 3. Eine Soldatin und drei Soldaten huschen durch die schmale Tür, hintereinander in einer Kette, einer berührt den anderen mit dem Unterarm an der Schulter, so wissen sie, dass ihr Rücken gedeckt ist. Dann laufen sie entlang der Mauer aus Backstein in Position, teilen sich auf, Schutzweste vor der Brust, das Schnellfeuergewehr am Anschlag.

Die Soldaten durchsuchen den Raum nach Falltüren und Verstecken, in der Mitte steht ein Tisch, an den Wänden lehnen Holzplatten. Beides gefährlich.

Übung im Trainingsdorf: Backsteinhäuser zwischen Wäldern, Patronen im Sand

Dann unterbricht Hauptfeldwebel Kay die Übung. Er stellt sich vor seine Leute, einer von ihnen legt sich auf den Boden. Kay kniet auf dem Soldaten, dann haut er ihm mit seiner Pistole auf den Brustkorb. Methode 1, um herauszufinden, ob ein Gegner am Boden wirklich tot ist.

Methode 2: Feldwebel Kay presst seine Finger auf die Stirn des Soldaten. „Normalerweise drücke ich in die Augen“, sagt er. Wer sich bewegt, lebt noch. „Und das ist gefährlich, weil selbst verletzte Gegner mit der Waffe am Abzug noch feuern können.“

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Der Soldat Kay erzählt, dass er das beim Einsatz in Afghanistan erlebt habe, als sie gegen Taliban kämpften. „Die nehmen Drogen, die merken die Schmerzen nicht sofort, auch wenn sie längst verletzt am Boden liegen.“ Also Methode 2.

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Die Nato-Staaten verlegen mehr Soldaten in den Osten Europas

Kay, der nur seinen Vornamen nennen möchte, ist Ausbilder in der norwegischen Armee. Er bereitet seine Einheit an der östlichen Grenze der Nato im baltischen Litauen auf den Ernstfall vor. Und hier ist auch die Bundeswehr stationiert. Mehr zum Thema: Deutsche Neonazis mobilisieren zum Kampf

Vilnius heißt die Hauptstadt, und hier, eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, zwischen Moor, Weiden und Wäldern, hat die litauische Armee „Little Vilnius“ aufgebaut. Ein Trainingsdorf für die Truppen. Simulierter Häuserkampf, im Sand liegen Platzpatronen. An diesem Tag üben auch niederländische Soldaten: Scharfschützen-Training, Einnahme von Gebäuden. Ein Trupp der „Bravo Bulldog“-Kompanie fährt mit großen Jeeps über die Pisten von „Little Vilnius“. Auch sie geben Einblicke in ihre Übungen, in ihre Taktik.

Ein Monat ist es her, da marschiert Russlands Armee in der Ukraine ein. Am selben Tag hat die Nato, das westliche Militärbündnis, die Verteidigungspläne für Osteuropa aktiviert. Es folgen Dringlichkeitssitzungen und Sondersitzungen im Bundestag. Die Nato-Staaten verlegen mehr Soldaten in die Slowakei, Kampfhubschrauber und Fallschirmjäger ins Baltikum, mobilisieren die „Schnelle Eingreiftruppe“, 40.000 Soldaten. Auch Pläne für neue „Battlegroups“ etwa in Rumänien sind auf dem Tisch. Lesen Sie hier: Nato aktiviert Schutzpläne: Setzt Putin Atomwaffen ein?

Frankreichs Präsident Macron diagnostizierte der Nato den „Hirntod“

Es ist dasselbe Militärbündnis, dem Frankreichs Präsident Macron noch vor gut zwei Jahren den „Hirntod“ diagnostizierte. Die Allianz, die gerade erst kläglich abgezogen war aus Afghanistan, nach 20 Jahren Einsatz. Die Nato schwächelte seit vielen Jahren, Deutschland finanzierte den Verband in den vergangenen Jahren immer deutlich weniger als etwa die USA, aber auch Frankreich, Polen oder Slowakei.

Nun kehrt mit Putins Angriff auf die Ukraine auch der Kalte Krieg zurück nach Europa. Und nicht nur im Osten Europas sehen viele Menschen die Nato als ihr Schutzschild gegen russische Aggressionen an. Die Nato erlebt eine Wiedergeburt, jedenfalls wirkt es so, wenn man den Stimmen der Regierungschefs lauscht. Doch wie schlagkräftig sind die Truppen am Boden?

Bundeswehr-Soldaten verladen Feldrationen, Übungsmunition und Rucksäcke

Der deutsche Kompaniechef, der lieber nicht seinen Namen nennen möchte, steht im Staub von Rukla, ein Örtchen im Nordwesten von Vilnius. Heute ziehen die deutschen Soldaten nicht ins Trainingsdorf. Hier auf dem Kasernengelände laden Bundeswehr-Soldaten gerade Feldrationen, Übungsmunition und Rucksäcke mit Ausrüstung in die Schützenpanzer. Sie bedecken die tonnenschweren „Marder“ mit Tarnnetzen, putzen die Lukendeckel. In den nächsten Tagen beginnt eine große Nato-Übung, gemeinsam mit den Norwegern und den Niederländern.

Tarnung der Panzer, sagen die Bundeswehr-Soldaten, werde immer wichtiger. Denn durch Drohnen und Satellitenbilder können Stellung aus der Luft schnell identifiziert und beschossen werden – noch besser, wenn die Tarnung schlecht ist. Stehen die Panzer im Feld, drapieren die Grenadiere die Fahrzeuge mit echtem Laub und Zweigen.

Die Bundeswehr führt in Litauen die Nato-Einheit an. 1600 Soldaten insgesamt, davon mehr als 900 aus Deutschland. Gerade erst schickte das Verteidigungsministerium 350 weitere Soldatinnen und Soldaten. Mehrere Tage wollen sie nun etwa den „Marsch“ mit Panzern trainieren, „Rising Griffin“ heißt die Militärübung.

Die deutschen Soldaten hier in Litauen sind in vorderster Front der Nato

Die deutschen Soldaten hier in Litauen sind in vorderster Front der Nato. Der Kompaniechef erzählt davon, was möglich ist für die Einheiten. Und das ist vor allem: Den Angreifer abschrecken – und im Ernstfall ausbremsen. Läuft es gut, solange bis die Nato ihren Nachschub aus anderen Staaten mobilisiert hat. „Wir geben der Nato Zeit“, sagt der deutsche Soldat.

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Wenn die Bundeswehr-Panzer den Ernstfall üben, dann ziehen sie verschiedene Verteidigungslinien. Sie bauen „Sperrkapazitäten“ auf, wie es im Soldaten-Deutsch heißt. Das können Minen sein, Panzerstellungen, aber auch Bäume und Metallsperren. „Auf Befehl weichen wir aus“, sagt der Kompaniechef. „Wir wollen verhindern, dass wir uns mit dem Gegner verzahnen.“ Verzahnen sei oft ein Vorteil für den Angreifer, weil er die Verteidiger am Ende überrennt. Weil er in der Regel mit deutlich mehr Soldaten und Kriegsgerät attackiert.

„Für den Angreifer ist Tempo Schutz“, sagt ein deutscher Soldat

Das größte Risiko für den Angreifer ist, wenn der Feldzug an Geschwindigkeit verliert. Wenn das Überraschungsmoment verpufft und ein Überrumpeln des Gegners scheitert. „Für den Angreifer ist Tempo Schutz“, sagt ein deutscher Soldat. Wie verlustreich ein stockender Einmarsch sein kann, erlebt die russische Armee derzeit nach Ansicht vieler Militärexperten in der Ukraine. Zahlenmäßig weit überlegen kommen die Panzer Russlands dennoch scheinbar immer langsamer voran.

Die Bundeswehr hebt hier in Litauen immer wieder hervor, dass ihr Auftrag die Verteidigung sei. Nicht der Angriff. Die Militärübungen sind kein Geheimnis, Journalisten kommen zu Besuch. Die Nato will Transparenz signalisieren, vor allem gegenüber Russland.

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In der Kaserne von Rukla will niemand ein falsches Wort sagen, zu heikel ist die Konfrontation zwischen Russland und Nato. Politik ist das Minenfeld des einfachen deutschen Soldaten. Viele von ihnen sind erst wenige Wochen in Litauen, als der Krieg in der Ukraine ausbricht. Die Truppen müssen alle sechs Monate rotieren. Die Nato-Russland-Grundakte erlaubt keine dauerhafte Stationierung westlicher Einheiten in Osteuropa.

Sicherheitsexperten sehen derzeit keine unmittelbaren Anzeichen dafür, dass russische Truppen einen Nato-Staat in Osteuropa angreifen. Und doch hat der Krieg in der Ukraine die Situation drastisch verschärft. Unwahrscheinlich, aber nicht mehr undenkbar sei ein Nato-Verteidigungskrieg, sagt einer. Klar ist: Eine Eskalation an der Ostflanke würde viele Tote und Verletzte bedeuten.

Auch deutsche Bio-Waffen-Experten sind in Litauen stationiert, eine „ABC-Abwehrkompanie“

In der Kaserne in Litauen erzählt der deutsche Soldat, dass er merke, wie sich seine Leute „mehr darüber informieren, was in der Ukraine und in Russland passiert“. Sie lesen die „ganz normalen Tagesmedien“. Ob er Angst habe? „Angst vor Krieg sollte jeder haben“, sagt er. Der neuen Weltlage will die Bundeswehr gutes Training entgegenstellen. „Wir bereiten uns professionell vor.“

Auch deutsche „ABCisten“ sind nun hier in Litauen stationiert, eine „ABC-Abwehrkompanie“. Die Buchstaben stehen für das, was seit Ausbruch des Ukraine Krieges immer wieder erschreckend in den Nachrichten auftaucht: der mögliche Einsatz von chemischen oder nuklearen Sprengköpfen – Atom-, Bio- und Chemiewaffen, ABC. Deshalb arbeiten für die Bundeswehr in Litauen auch Chemietechniker oder Biologisch-technische Assistenten. „In erster Linie sind wir aber alle Soldaten“, sagt der Chef der Einheit.

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Die Nato ist ein Bündnis aus 30 Staaten. Das ist ein militärischer Vorteil, denn das Potenzial an Soldaten und Kriegsgerät ist riesig – auch wenn westliche Armeen wie die deutsche in den vergangenen Jahren drastisch geschrumpft sind.

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Altes Kriegsgerät: Der Schützenpanzer „Marder“ feierte sein 50-jähriges Jubiläum

Zwei deutsche Panzertypen stehen hier in den Unterständen in der Kaserne von Rukla. Der „Leopard 2“, ein Kampfpanzer mit einem 120 Millimeter Kanonenrohr, und der „Marder“, ein Schützenpanzer, mit kleineren Geschossen. Dafür kann das Fahrzeug noch sechs Soldaten im „Kampfraum“ transportieren. Der „Marder“ feierte unlängst das 50-jährige Baujubiläum. Was den Hersteller freut, ist oft massiv in der Kritik: das veraltete und teilweise nicht einsatzbereite Material der Bundeswehr.

Der Vielstaatenbund ist militärisch aber auch ein Nachteil, denn die Streitkräfte fahren oftmals unterschiedliche Taktiken, sprechen nicht dieselbe Sprache, setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Trotzdem müssen die Einheiten im Krieg gemeinsam losschlagen. Auch deshalb trainieren Deutsche, Niederländer und Norweger hier in Litauen zusammen – so wie jetzt bei der großen Übung. Auch interessant: Ex-Oligarch Chodorkowski über Putin - „Er ist wie ein Mafia-Boss“

Risiko-Faktor: Suwalki-Lücken, ein kleiner Streifen Land an der Grenze zu Polen

Für die Nato gibt es eine gute Nachricht: Militärisch ist eine Verteidigung in der Regel einfacher als ein Angriff. Doch gerade hier im Norden Europas liegt auch ein Risiko-Faktor der Ostflanke: die sogenannte Suwalki-Lücke, ein kleiner Streifen Land, gut 60 Kilometer lang. Es ist die Grenze zwischen Litauen und Polen. Westlich liegt die russische Exklave Kaliningrad, östlich liegt Russlands Verbündeter Belarus.

Die Suwalki-Lücke, benannt nach einer polnischen Stadt in der Grenzregion, ist die einzige Landverbindung der Nato-Staaten hier hoch ins Baltikum. Fast wie eine Halbinsel docken die Staaten Litauen, Lettland und Estland an die Europäische Union an. Militärexperten warnen, dass Russland im Falle eines Angriffs vor allem auf diese Landverbindung abzielen könnte. 2014, als der Konflikt in der Ukraine erstmals eskalierte, besetzten russische Truppen die Krim. Eine Halbinsel im Süden der Ukraine.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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