Ukraine-Krieg

Ukraine: Zerstörung in Mariupol – Kein Wasser oder Strom

| Lesedauer: 9 Minuten
Christian Unger
Russische Angriffe auf Mariupol: Bürgermeister spricht von "Alptraum"

Russische Angriffe auf Mariupol: Bürgermeister spricht von "Alptraum"

Nachdem bei einem Angriff auf ein Theater mit Schutzsuchenden im ukrainischen Mariupol womöglich hunderte Menschen ums Leben gekommen sind, meldet sich der Bürgermeister der Hafenstadt, Wadym Boitschenko, in einem Video zu Wort. "Wir wollen unsere Augen schließen und den Alptraum vergessen, der heute passiert ist", sagte Boitschenko.

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Mariupol ist tagelang ohne Wasser und Strom. Gebäude liegen in Trümmern, Zivilisten sterben. Viele fliehen, so wie Afina Khadzhynova.

Berlin/Mariupol. Ihren Geburtstag verbringt Afina Khadzhynova auf der Flucht. Am Abend öffnet sie eine Flasche Sekt, wenigstens das. Sie nimmt ein Bad, das erste seit zwei Wochen, essen gut. Sie haben Schutz gefunden im Haus einer Freundin, Khadzhynova, ihre 83 Jahre alte Mutter, der Kater Aris mit dem grauen Fell. Hier, mehr als 200 Kilometer entfernt von ihrer Heimatstadt.

Afina Khadzhynova ist seit einem Tag raus aus Mariupol, raus aus dem Kessel, den die russische Armee um die Hafenstadt im Süden der Ukraine gezogen hat. „Wir haben gebetet, dass wir nicht von Bomben getroffen werden“, sagt sie am Telefon.

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Mariupol ist seit zwei Wochen abgeschnitten vom Rest der Welt, sogar vom Rest der Ukraine. Die Stadt ist hart umkämpft, sie ist strategisch wichtig, eine Industriestadt mit einem großen Hafen. Und Mariupol ist die letzte Bastion der ukrainischen Streitkräfte, die verhindert, dass Russlands Panzer eine Landverbindung von der besetzten Halbinsel Krim zu den besetzten Gebieten Lugansk und Donezk ziehen können.

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Kein Wasser, keine Heizung – Helfer sprechen von einer „Apokalypse“

In der eingekesselten Stadt spielt sich vor den Augen der Welt eine Katastrophe ab. „Eine Apokalypse“, so nennen es Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes auf Nachfrage unserer Redaktion. Die Helfer hockten tagelang selbst nur noch im Luftschutzraum in ihrem Büro, bis sie endlich einen Weg aus der Stadt fanden. Kurz vorher verteilten sie noch das letzte bisschen Essen und Wasser und Medikamente an die Menschen, die zurückblieben.

Afina Khadzhynova erzählt, wie sie in den Tagen vor ihrer Flucht Holz gesammelt und Bäume gefällt haben, um Lagerfeuer zu machen. Sie sammelten Wasser aus einem Brunnen und kochten es ab. Strom, Leitungswasser, Heizung – all das gibt es in Mariupol seit Tagen nicht mehr.

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Der Vize-Bürgermeister der Stadt berichtet ukrainischen Medien davon, dass Menschen sogar die Heizungsrohre aufgeschnitten hätten, um an Wasser zu kommen. Wer keinen Brunnen in seiner Nachbarschaft hatte, sammelt das Regenwasser. Wenn es schneit, schmelzen die Einwohner den Schnee.

„Wir leben mit 140 Wohnungen in unserem Block, überall im Hof brannten Lagerfeuer“

„Wir leben mit 140 Wohnungen in unserem Block, überall im Hof brannten Lagerfeuer“, erzählt Khadzhynova im Gespräch mit unserer Redaktion. Zu essen hatten sie noch Reis, Hafer, Salami, Käse. Manche hätten, kurz bevor die russische Armee die Stadt eingekesselt hatte, noch ihre Tiefkühlfächer aufgefüllt. „Am dritten Tag der Belagerung ging ich in den Supermarkt und die Regale waren schon leer“, sagt Khadzhynova. Es gab Berichte über Plünderungen.

Immer wieder seien Bomben auf die Stadt geschossen worden, berichtet die Ukrainerin. Es gebe Straßenkämpfe zwischen ukrainischen und russischen Soldaten. Aufnahmen von Drohnen der ukrainischen Armee zeigen russische Panzer in der Stadt.

Auch Wohnviertel seien beschossen worden, sagt Khadzhynova. „Viele Häuser auch in unserer Nachbarschaft sind beschädigt.“ Auf den sozialen Netzwerken Twitter und Telegram sind mehrere Aufnahmen von Augenzeugen zu sehen, die das bestätigen und die Einschläge von Raketen in Plattenbauten zeigen. Rauchwolken wabern über Mariupol, ein Foto zeigt eine Leiche, offenbar erschossen mitten auf dem Gehweg. Sie ist eingehüllt in eine Decke, zu sehen sind nur noch die bunten Turnschuhe.

Ukrainische Behörden sprechen von 50 bis 100 Luftangriffen auf Mariupol – jeden Tag

In Mariupol mit seinen einstmals 400.000 Einwohnern sollen etwa 2500 Menschen durch die Kampfhandlungen und den Beschuss aus der Luft durch russische Raketen getötet worden sein. Nach Angaben der örtlichen Behörden sind es zwischen 50 und 100 Bomben aus der Luft. Pro Tag. Unabhängig überprüfen lassen sich viele Angaben nur schwer.

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Zwei Journalisten der Nachrichtenagentur AP sind als einzige Berichterstatter aus dem Westen noch vor Ort. Sie filmen ein Massengrab, einen ausgehobenen Graben, in den Menschen Säcke mit Leichen werfen. Sie fotografieren ukrainische Soldaten, wie sie eine schwangere Frau auf einer Pritsche aus den Trümmern des örtlichen Geburtsklinik tragen. Im Hintergrund brennt noch ein Teil der Fassade, Wände sind eingerissen. Laut dem Bericht stirbt die Mutter kurz darauf. Und auch das Kind in ihrem Bauch.

Am Dienstagmorgen entscheidet sich Afina Khadzhynova zur Flucht. Sie hätten gehört, dass es Korridore für Zivilisten in die nahegelegene Stadt Berdansk gebe. „Ein Polizist konnte uns aber nicht sagen, ob das wirklich sicher ist“, sagt sie. Trotzdem seien sie los, steigen ins Auto eines Freundes. Er mit seinen beiden Söhnen, sie mit ihrer Mutter und der Katze. „Es waren so viele Autos auf dieser Straße.“

Nach Angaben der Stadtverwaltung sollen an dem Tag mehr als 6000 Menschen Mariupol verlassen haben. Eine Feuerpause hat es demnach nicht gegeben. Autos aus dem Konvoi seien in den Gefechten unter Beschuss geraten. Davon berichtet auch Khadzhynova.

Das Theater der Stadt wird getroffen, Videos zeigen das brennende Gebäude

Als sie und ihre Mutter aus der Stadt sind, erschüttert eine neue Nachricht aus Mariupol die Welt. Das Theater der Stadt wird getroffen, Videos zeigen das brennende Gebäude. Mehr als 1000 Zivilisten sollen dort zu der Zeit Schutz gesucht haben, Frauen, Kinder, Ältere. Aufnahmen auf dem Messengerdienst Telegram sollen Szenen aus den Luftschutzräumen des Theaters in den Stunden vor dem Angriff zeigen.

Satellitenbilder der US-Firma Maxar legen nahe, dass das Gebäude extra gekennzeichnet war: in weißer großer Schrift war auf den Vorplatz gemalt: „Deti“, Kinder. Fotos der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch weisen ebenfalls darauf hin.

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Zunächst befürchten die Behörden viele unschuldige Tote. Am Donnerstagmittag gibt es zumindest erste vorsichtige Entwarnungen: Die Luftschutzräume hätten gehalten, mehr als 100 Personen können aus den Trümmern befreit werden. Doch etliche scheinen noch gefangen unter Schutt.

Wie schon bei dem Luftangriff auf die Geburtsklinik dementiert die russische Führung auch die Bombardierung des Theaters in Mariupol. Russland beschuldigt Soldaten des ukrainischen „Asow-Regiments“, für den Angriff verantwortlich zu sein.

Das „Asow-Regiment“ ist hochumstritten, viele Rechtsextremisten agieren in der Einheit

Das Regiment ist eine der zentralen Einheiten bei der Verteidigung der Hafenstadt. Schon 2014, bei der Besetzung der Krim und der Ostukraine, bekämpfte das „Asow“-Bataillon erfolgreich die Separatisten-Milizen. Doch die Truppe ist hochumstritten, viele Rechtsextremisten agieren in der Einheit, das Zeichen von „Asow“ ist die „Wolfsangel“, ein Neonazi-Symbol. Auch Verbindungen zu internationalen Rechtsextremisten sind belegt. Ihr Anteil in der gesamten ukrainischen Armee ist mit ein paar Hundert Kämpfern allerdings gering.

Wenn Russlands Führung die Invasion in die Ukraine in ihrer Propaganda rechtfertigt, dann auch mit einer angeblichen „Entnazifizierung“ des Landes. „Asow“ ist das Feindbild des Kremls. Die Hintergründe zu dem Angriff auf das Theater lassen sich derzeit nicht unabhängig prüfen. Doch Hinweise darauf, dass Einheiten von „Asow“ beteiligt sind, gibt es nicht.

Russland nimmt zunehmend zivile Ziele ins Visier – wie damals in Syrien

Plausibel ist vielmehr, dass Russland seine schweren Bombenangriffe in der Ukraine zunehmend auch gegen zivile Ziele einsetzt. Militär-Fachleute erkennen Parallelen zur russischen Kriegstaktik etwa in Syrien. Dort zerbombten russische Raketen Wohnhäuser, Kliniken, Schulen. Ein Blutbad – auch hier unter dem Vorwand der „Terrorismusbekämpfung“.

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Hilfe für Zivilisten in Mariupol scheitert bisher, internationale Konvois mit Lebensmitteln und Medikamenten dringen nicht durch das Kriegsgebiet. Fluchtkorridore sind nur sporadisch möglich, und dann offenbar noch immer lebensgefährlich.

Afina Khadzhynova und ihre Mutter haben es geschafft. Sie sitzen am Donnerstag im Zug in Richtung polnische Grenze. Immer wieder reißt die Telefonverbindung ab. Die beiden ukrainischen Frauen sind raus aus Mariupol. Sicher sind sie noch nicht. Am Nachmittag postet Khadzhynova eine kurze Nachricht auf Facebook. Die Zugführer hätten alle Passagiere gewarnt, sie sollen die Fenster in den Abteilen mit Decken abhängen. Warum, schreibt sie nicht. Womöglich soll es gegen Splitter bei Beschuss schützen. Khadzhynova schreibt nur noch: „Betet für unsere Sicherheit“.

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