Wikileaks – Julian Assange

Mastercard lahmgelegt: Die "Operation Payback"

Konflikt um Enthüllungsplattform WikiLeaks und ihren Gründer Julian Assange eskaliert.

London/Berlin. Nach der Festnahme von WikiLeaks-Gründer Julian Assange hat der Konflikt um die Enthüllungsplattform eine neue Eskalationsstufe erreicht. Gestern legten Internet-Aktivisten die Website des Kreditkarten-Riesen Mastercard lahm. Zu dem als "Operation Payback" bezeichneten Hacker-Angriff bekannte sich die "Anonymous"-Bewegung, die am Dienstag bereits die Website der Schweizer PostFinance blockiert hatte. Bei solchen Angriffen werden die Server von Websites durch koordinierte Anfragen überflutet, sodass sie zusammenbrechen; Mastercard soll zeitweilig von 720 Rechnern unter Beschuss genommen worden sein. Beide Finanzdienstleister hatten zuvor Spendenkonten von WikiLeaks geschlossen. Auch verschiedene Internetdienstleister verweigerten die weitere Zusammenarbeit mit der Enthüllungsplattform. Mastercard begründete seine Entscheidung gestern damit, dass Assange bei der Kontoeröffnung falsche Angaben zu seinem Wohnort gemacht habe. Die zu den wichtigsten Spendensammlern von WikiLeaks zählende Wau-Holland-Stiftung kündigte unterdessen rechtliche Schritte gegen die unangekündigte Sperrung ihres Kontos beim Online-Zahlungsdienst PayPal an.

WikiLeaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson gab sich trotz der jüngsten Ereignisse gestern kämpferisch. Der Isländer, der als zweiter Mann hinter Assange gilt, erklärte über Twitter, WikiLeaks lasse sich "nicht mundtot" machen. "Weder von juristischen Aktionen noch von Zensur durch Firmen." Assanges Festnahme werde die Organisation nicht lähmen: "WikiLeaks ist noch immer online." Zum Beweis verwies Hrafnsson auf 46 weitere Geheimdokumente von US-Diplomaten, die seine Organisation in der Nacht zum Mittwoch veröffentlicht hat und aus denen unter anderem hervorgeht, dass Großbritannien im Streit um die Freilassung des Lockerbie-Bombers Abdel Basset al-Megrahi "harte und sofortige Maßnahmen" von Libyen befürchtet hatte.

Assange selbst verteidigte in einem gestern in der Tageszeitung "The Australian" veröffentlichten Beitrag die Arbeit seiner Enthüllungsplattform. "WikiLeaks verdient Schutz, nicht Bedrohungen und Angriffe", schrieb der 39-Jährige.

Auch der australische Außenminister Kevin Rudd nahm WikiLeaks in Schutz. Dafür, dass Hunderttausende brisante Dokumente in Umlauf gekommen seien, sei die US-Regierung verantwortlich, die ihre Geheiminformationen nicht ausreichend geschützt habe, sagte Rudd gestern im australischen Rundfunk. Sein Land werde Assange wie jeden anderen im Ausland inhaftierten Australier unterstützen. "Herr Assange ist nicht selbst für die Veröffentlichung verantwortlich", sagte Rudd. "Die Amerikaner sind dafür verantwortlich."

Die US-Regierung prüft derzeit, ob Assange im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der geheimen US-Depeschen wegen Spionage belangt und in den Vereinigten Staaten vor Gericht gestellt werden kann. Während sich Präsident Barack Obama und seine Außenministerin Hillary Clinton gestern nicht zu der Festnahme Assanges äußerten, sprach Verteidigungsminister Robert Gates von einer "guten Nachricht". Ob beziehungsweise wann Assange von Großbritannien nach Schweden ausgeliefert wird, wo er wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung in zwei Fällen per Haftbefehl gesucht wird, war gestern nicht klar. Sein Antrag auf Kaution wurde abgewiesen, am 14. Dezember wird Assange erneut dem Richter vorgeführt.

Inzwischen ist Näheres über die spezielle "Lebensversicherung" bekannt geworden, die Assange vor seiner Festnahme abgeschlossen hat. Mehr als 100 000 seiner Unterstützer in aller Welt haben eine verschlüsselte Datei erhalten. Laut Medienberichten ist "insurance.aes256" 1,5 Gigabyte groß und enthält die kompletten 250 000 US-Geheimdokumente. Das Paket soll die Original-Unterlagen ohne Auslassungen enthalten, darunter noch unveröffentlichte Dokumente zum US-Gefängnis Guantánamo. Auch explosive Papiere der Bank of Amerika sollen dabei sein.

Julian Assange hatte seine Gegner bereits in der vergangenen Woche davor gewarnt, dass man diese digitale Bombe notfalls hochgehen lassen werde. Dafür müsse nur der Schlüssel zu dem Code ins Netz gestellt werden.

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