Geheimdokumente

WikiLeaks – das sind die brisantesten Enthüllungen

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Italiens Außenminister: „Das ist der 11. September der Weltdiplomatie." Von Nordkorea bis Russlands First Lady: WikiLeaks deckt geheime Verbindungen auf.

Berlin/Hamburg. Die Bundesregierung ist besorgt. Und in anderen Ländern der Welt arbeiten die Diplomaten fieberhaft die Enthüllungen von WikiLeaks ab, während vielerorts die Spitzenpolitiker sich in einer gewohnten Disziplin üben: Bagatellisieren, verharmlosen, abschwächen, leugnen. Die Dokumente enthalten nach diversen Berichten viel Brisantes, das reichen würde, Regierunge zu stürzen oder mindestens der Lächerlichkeit preiszugeben. abendblatt.de hat die spannendsten Aspekte gebündelt

Bundesregierung fürchtet gravierende Auswirkungen

Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: „In anderen Teilen der Welt können sie zum Teil sehr gravierende politische Auswirkungen haben. Dies macht uns Sorgen.“ Die Veröffentlichung der Dokumente könnte eine Auswirkung auf zentrale Felder der deutschen Außenpolitik wie Russland oder den Nahen Osten haben, betonte Außenamtssprecher Andreas Peschke. Die Dokumente würden nun genauestens geprüft. „Wir können nur hoffen, dass es zu keiner Beschädigung des amerikanischen diplomatischen Dienstes kommt“, sagte Peschke. Es handele es sich um einen „Vorgang von erheblicher außenpolitischer Tragweite“.

Seibert sagte: „Diplomatie braucht Vertraulichkeit.“ Die Bundesregierung werde sich nun aber nicht auf die Suche nach möglichen Quellen in der Koalition machen. Das Justizministerium konnte keine Angaben zu möglichen strafrechtlichen Konsequenzen für Informanten der US-Botschaft in Berlin machen. „Um das deutsch-amerikanische Verhältnis muss man sich aber keine Sorgen machen“, sagte Seibert. Die Auswirkungen auf das über Jahrzehnte gewachsene, sehr robuste Verhältnis seien „vernachlässigenswert“. Vergangene Woche hätten sowohl US-Außenministerin Hillary Clinton den deutschen Außenminister Guido Westerwelle über die Berichte informiert als auch US-Botschafter Philip Murphy das Kanzleramt.

Vernichtende Urteile über Berlusconi und Co.

Doch die US-Diplomaten schätzen Angela Merkel als „selten kreativ“ und risikoscheu ein. In einer Depesche ist die Rede von „Angela ,Teflon’ Merkel“, weil viel an ihr abgleite. Indes wird ihr in außenpolitischen Fragen mehr Erfahrung zugesprochen als dem eigentlich für das Amt zuständigen Außenminister Guido Westerwelle. Er gilt unter US-Diplomaten als inkompetent, eitel und amerikakritisch.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy gilt unter US-Botschaftern als „empfindlich und autoritär“. Gegenüber seinen Mitarbeitern bescheinigen ihm die Diplomaten ein teils schroffes Verhalten. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi wird vor allem für seinen ausschweifenden Lebensstil kritisiert. Als „inkompetent, aufgeblasen und ineffektiv“ wird er eingeschätzt, als ein „physisch und politisch schwacher“ Regierungschef, der wegen seiner Vorliebe für Partys nicht hinreichend zur Ruhe komme. Der italienische Außenminister Franco Frattini sagte, die Veröffentlichungen seien „der 11. September für die Weltdiplomatie“.

Russlands Regierungschef Wladimir Putin und Präsident Dmitri Medwedew werden in den Dokumenten mit Batman und dessen Juniorpartner Robin verglichen. Der eigentliche Staatschef Medwedew ist nach Einschätzung von US-Diplomaten „blass“ und „zögerlich“ und wird dabei vom „Alpha-Rüden“ Putin an den Rand gedrängt. Medwedews Ehefrau Swetlana soll außerdem schwarze Listen über Amtsträger angelegt haben, weil sie ihrem Mann gegenüber nicht hinreichend loyal seien.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai gilt laut „Spiegel“ den Dokumenten zufolge als „schwache Persönlichkeit“, die von „Paranoia“ getrieben sei. Auch sein jüngerer Halbbruder Ahmed Wali Karsai wird erwähnt: Er sei ein korrupter Drogenbaron, heißt es in einer Depesche. Pikante Details werden über Libyens Machthaber Muammar el Gaddafi bekannt: So soll der umstrittene Staatschef vollkommen abhängig von seinem ihm umgebenden Netzwerk aus Vertrauten sein. Den Dokumenten zufolge hat er außerdem Angst davor, übers Wasser zu fliegen, und geht ohnehin nie ohne eine ganz bestimmte „üppige“ blonde Krankenschwester aus der Ukraine auf Reisen.

Auch der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan kommt nicht gerade glimpflich davon. US-Diplomaten bescheinigen ihm den Depeschen zufolge islamistische Tendenzen und ein unrealistisches Weltbild. Er wird mitunter als isoliert und schlecht informiert eingeschätzt und vertraut laut „Spiegel“ weder seinen Ministern noch Gott – obwohl er an ihn glaubt.

Irans Präsident wird mit Hitler verglichen

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad wird in den Depeschen gar mit Adolf Hitler verglichen. Diese Einschätzung folgt dem Vergleich der derzeitigen Lage angesichts des iranischen Atomprogramms mit der Situation vor dem Zweiten Weltkrieg durch einen US-Diplomaten in Abu Dhabi.

Nordkorea soll den Iran mit modernen Raketen beliefert haben, die auch Europa treffen könnten. Wie die „New York Times“ unter Berufung auf eine Depesche aus dem Jahr 2007 berichtete, erhielt Teheran aus Pjöngjang 19 Raketen, die mit Atomsprengköpfen hätten bestückt und eine Reichweite von mehr als 3000 Kilometern hätten erreichen können. Theoretisch hätte eine solche Rakete je nach Abschussrichtung auch Berlin oder Moskau erreichen können.

Unter den Tausenden WikiLeaks-Dokumenten soll es auch einen Hinweis auf eine Krebserkrankung des geistlichen Oberhauptes des Irans geben. Wie die französische Zeitung „Le Monde“ berichtete, leidet Ajatollah Ali Chamenei einer iranischen Quelle zufolge an Leukämie. Chamenei könne innerhalb weniger Monate sterben, soll ein ausländischer Geschäftsmann mit Kontakten in den Iran gesagt haben. Die diplomatische Mitteilung stamme aus dem August 2009. Chamenei hat als geistlicher Führer des Irans das letzte Wort auch bei politischen Entscheidungen in der Islamischen Republik. Er hat das Amt seit 1989 inne. Zwischen dem Land und den USA gibt es seit der Revolution vor 30 Jahren keine diplomatischen Beziehungen mehr.

Israel sieht sich bestätigt

Offiziell will sich die israelische Regierung nicht zum Thema WikiLeaks äußern, aber aus Sicht von Zeitungskommentatoren kann sich das Land vor Freude nur die Hände reiben. Die Veröffentlichung vertraulicher diplomatischer US-Depeschen habe der ganzen Welt die Gefahren des iranischen Atomprogramms vor Augen geführt, heißt in israelischen Blättern. „Israel wird keinen Kommentar abgeben“, sagte der Sprecher des israelischen Außenministeriums Jigal Palmor. Die „Jerusalem Post“ schätzt die Veröffentlichung auf dem Enthüllungsportal WikiLeaks so ein: „Aus israelischer Sicht ist es keine Übertreibung zu sagen, dass WikiLeaks dem Land am Sonntag einen Gefallen getan haben könnte. Indem die arabischen Führer mit extremeren Äußerungen als die israelischen zitiert werden, zeigen die Mitteilungen die Unstimmigkeiten in der Region und die Gefahren, wenn man dem Iran gestattet, an seinem Atomprogramm weiterzuarbeiten (...) Israelischen Politikern sind die peinlichen Analysen ihrer Persönlichkeit erspart geblieben.“

Nur einen scheint die Hysterie um WikiLeaks nicht anzufassen: Der grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit sagte, das sei reine Show. Im französischen Rundfunksender „Europe 1“ sagte er, es gebe weder irgendwelche Geheimnisse noch echte Enthüllungen. „Geheimnisse? Welche Geheimnisse? Es gibt kein einziges Geheimnis, das man nicht schon kannte“, meinte Cohn-Bendit.