Cyber-Attacken

Nach Sperrung durch US-Firma: WikiLeaks bekommt neue Adresse in der Schweiz

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Die Seite der Enthüllungsplattform war massiv attackiert worden. Nun ist sie unter neuer Adresse in der Schweiz zugänglich. Mitbegründer Julian Assange hatte bereits vor Wochen angekündigt, eventuell Asyl in der Schweiz zu beantragen.

Paris/Washington. Heftige Cyber-Attacken hatten die Sperrung der Website von WikiLeaks zur Folge. Nun hat sich die Enthüllungsplattform in der Schweiz eine neue Internetadresse verschafft. Statt unter http:// wikileaks.org waren am Freitagvormittag die Inhalte der Plattform unter der schweizerischen Adresse http://wikileaks.ch abrufbar. „Wikileaks zieht in die Schweiz“, teilte die Enthüllungsplattform über den Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Über die neue Adresse wurden Nutzer zur URL-Adresse http://213. 251.145.96 geleitet, die ihnen Zugang zu der früheren Wikileaks-Seite verschafft. Eine Suche über den Suchdienst whois. net.tool ergab, dass die neue von Wikileaks genutzte Website der Schweizer Piratenpartei gehört. Diese war zu einer Stellungnahme zunächst nicht erreichbar. Der wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung weltweit gesuchte Wikileaks-Mitbegründer Julian Assange hatte vergangenen Monat erklärt, er erwäge, in der Schweiz Asyl zu beantragen.

Einige Stunden vor der Bekanntgabe der neuen Adresse hatte der US-Verzeichnisanbieter everydns.net seine Dienste für Wikileaks mit der Begründung eingestellt, dass massive Angriffe auf die Enthüllungs-Website den Service für andere Kunden von everydns.net beeinträchtigt hätten. „Die Domain Wikileaks.org wurde vom US-Betreiber everydens.net nach angeblichen Massenangriffen gekillt“, twitterte Wikileaks. Zugleich wurde zu Spenden für Wikileaks aufgerufen, um die Seite weiter betreiben zu können.

Everydns.net teilte mit, auf die Wikileaks-Website sei eine Flut von Angriffen vom Typ Destributed Denial of Service (DDoS) verübt worden. Bei diesen DDoS-Attacken handelt es sich in der Regel um das massenhafte Aufrufen einer Website, das diese zusammenbrechen lässt. Sie werden von Computern verübt, die mit einem entsprechenden Virus infiziert sind.

Wikileaks ist derzeit verstärkt Opfer von Cyber-Attacken. Die Enthüllungsplattform hatte sich zuletzt mit der Veröffentlichung von brisanten Dokumenten des US-Außenministeriums Feinde gemacht. Mit der Veröffentlichung der mehr als 250.000 Dokumente hatte Wikileaks am Sonntag begonnen.

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Jagd nach dem WikiLeaks-Gründer: Ist er in Großbritannien?

Julian Assange hält die USA und die Welt der Diplomatie mit seinem Enthüllungen in Atem – jetzt wird es allerdings eng für ihn. Es heißt, der WikiLeaks-Gründer verstecke sich irgendwo in Großbritannien. Die schwedische Justiz rechnet damit, dass er in Kürze gefasst wird. Der Vorwurf gegen den 39-jährigen Australier bezieht sich allerdings nicht auf dessen Weitergabe hochsensibler US-Diplomatendepeschen – die schwedische Justiz verfolgt ihn vielmehr wegen des Verdachts der Vergewaltigung.

Assange dagegen bestreitet diese Vorwürfe. Er sieht sie vielmehr als Teil einer Verschwörung, die von den USA gesteuert wird. Allerdings wies der Oberste Gerichtshof in Stockholm am Donnerstag eine Klage Assanges ab, der damit die Aufhebung des Haftbefehls gegen ihn erreichen wollte.

Wirbel wegen WikiLeaks gibt es auch in Berlin. Am Pranger steht der FDP-Mitarbeiter, der die US-Botschaft mit vertraulichen Informationen über die Koalitionsverhandlungen versorgte. Es handelt sich um den bisherigen Büroleiter von Parteichef Guido Westerwelle in der FDP-Bundesgeschäftsstelle, Helmut Metzner. Der 41-Jährige wurde inzwischen von seinen Aufgaben entbunden. Entsprechende Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Freitag) wurden in Parteikreisen bestätigt.

Während Politiker rund um den Globus beim Wort WikiLeaks rot sehen, findet die Mehrheit der Deutschen die Veröffentlichung gut. Die „Bild“-Zeitung (Freitag) berichtet unter Berufung auf eine online-gestützten Repräsentativ-Umfrage des Instituts youGov, dass 50 Prozent von 1011 Befragten es befürworten, dass die Dokumente ans Tageslicht kommen. Lediglich 32 Prozent finden das falsch, 18 Prozent gaben an, sie hätten keine Meinung zu dem Thema.

Unterdessen gehen die Enthüllungen weiter. Neustes Thema: Das Staunen von US-Diplomaten über grassierende Korruption in Afghanistan. So kabelte die US-Botschaft im vergangenen Januar, lediglich ein Minister in Kabul stehe nicht unter Verdacht von Korruption und Vetternwirtschaft. Das geht jedenfalls aus US- Dokumenten hervor, die Wikileaks nach Angaben der „New York Times“ veröffentlicht. Es heißt, Präsident Hamid Karsai selbst habe zum Beispiel fünf Grenzpolizisten begnadigt, die mit über 100 Kilogramm Heroin erwischt worden seien.

Druck auf WikiLeaks kommt von allen Seiten: So verbannte der US- Internetdienstleister Amazon die geheimen Dokumente von seinen Servern. Ein prominenter amerikanischer Senator ruft die Welt zum Wikileaks-Boykott auf.

Der gesuchte Internet-Aktivist hält sich nach Angaben der britischen Zeitung „The Times“ seit Oktober in Großbritannien auf. Das Blatt berichtet, Assange habe es einem Formfehler der schwedischen Behörden zu verdanken, dass man ihn nicht habe festnehmen können.

Die schwedisch Justiz wirft Assange vor, er habe bei einem Schweden-Besuch im August zwei Frauen vergewaltigt und sexuell genötigt.

Das US-Justizministerium prüft mögliche rechtliche Schritte gegen Assange wegen Spionage. Der republikanische Abgeordnete Peter Hoekstra, Mitglied des Geheimdienstausschusses, sieht allerdings nur geringe Chancen auf Erfolg. Die derzeitigen Gesetze seien für eine solche Anklage nicht geschaffen, sagte er dem TV-Sender CNN.