Strassenschäden

Hamburgs Straßen noch schlechter als ihr Ruf

Foto: Ingo Röhrbein

Der ADAC schätzt Sanierungsbedarf auf 2,4 Milliarden Euro. An zwei Stellen hat die Stadt Tempolimits wegen Mängeln verhängt.

Hamburg. 122 - das ist die Zahl der Baustellen, an denen bis Ende August in und um Hamburg herum gearbeitet wird. 122 potenzielle Staustellen für Autofahrer. Noch nie war der Zustand von Hamburgs Straßen so schlecht wie jetzt, heißt es beim ADAC Hansa. Für den Automobilklub ist das keine Überraschung. "Die Schlaglöcher werden notdürftig gestopft, aber wir brauchen keine Straßenkosmetik, sondern grundlegende Sanierungen", sagt ADAC-Verkehrsexperte Carsten Willms.

Konkret bekommen Autofahrer den Sanierungsstau zurzeit auf der Meiendorfer Straße zu spüren: Die Geschwindigkeit wurde wegen des "schlechten baulichen Zustands" von 60 auf 50 Kilometer pro Stunde begrenzt (wir berichteten). Auch auf der Niendorfer Friedrich-Ebert-Straße sind die Mängel deutlich spür- und sichtbar. Statt wie geplant eine Woche, muss die vierspurige Straße, die von der Autobahn-Anschlussstelle Schnelsen Richtung Innenstadt führt, nun bis in den August hinein saniert werden. Die Behörden waren bei den Arbeiten vom schlechten Unterbau überrascht worden.

Mit der Kritik steht der ADAC nicht allein da. Der Hamburger Rechnungshof warnt seit Jahren vor dem Wertverlust der Infrastruktur. "Hamburgs Straßen verlieren jedes Jahr nach unseren Berechnungen etwa 50 Millionen Euro an Wert, weil diese eben nicht ausreichend instand gehalten werden", sagte Sprecher Uwe Kienel.

Für eine grundlegende Sanierung des Hamburger Straßennetzes sind laut ADAC rund 2,4 Milliarden Euro notwendig. Damit sei laut Willms keine "Luxussanierung" möglich, sondern lediglich eine verkehrssichere Wiederherstellung. "Der Wert der Hamburger Straßen habe ursprünglich bei rund 3,9 Milliarden Euro gelegen. Inzwischen sind diese aber so abgenutzt und voller Schlaglöcher, dass der Wert heute nur noch bei 1,5 Milliarden Euro liegen würde", schätzt Willms.

Der ADAC fordert: "Allein in diesem Jahr müsste die Stadt rund 150 Millionen Euro in die Sanierung der Straßen investieren. Das hängt auch mit den gravierenden Schäden aus den Wintermonaten zusammen." Für die nächsten Jahre seien Investitionen von 80 Millionen Euro notwendig. Diese könnten realistisch verbaut werden, ohne dass Hamburg wegen der Baustellen im Stauchaos versinke, so der ADAC.

Grundsätzlich treffen solche Sanierungsforderungen beim SPD-Senat auf offene Ohren. Mehr noch - Olaf Scholz hat die Instandsetzung und Reparatur von Hamburgs Straßen zur Priorität erklärt. Allerdings spricht der Senat von anderen Summen. "Vor dem Hintergrund des hohen Sanierungsbedarfs in diesem und im kommenden Jahr wurden jeweils zusätzlich fünf Millionen Euro bereitgestellt. Zudem werden zehn Millionen für die Behebung von Winterschäden jetzt jedes Jahr bereitgestellt", heißt es vom Senat.

Viel zu wenig, sagen die Experten. Zu den ohnehin bereits geplanten Baustellen kommt jetzt noch eine Bau- und damit aktuelle Staustelle auf die Autofahrer zu. Auf der erst 2008 sanierten Norderelbbrücke haben sich Risse aufgetan, es bröckelt. Ab kommendem Montag wird der Belag zwischen dem Autobahnkreuz Hamburg-Ost und Hamburg-Süd erneuert.

Dafür wird die Brücke bis Anfang August jeweils halbseitig gesperrt und die Höchstgeschwindigkeit auf 60 Kilometer pro Stunde gesenkt. Das Problem der Brücke: Die Norderelbbrücke ist eine Stahlkonstruktion, die sich unter Belastung verformt. Dieser Verformung müssen Abdichtung und Belag standhalten. Wie die Wirtschaftsbehörde erklärt, haben aber Beton und Stahl einen unterschiedlichen "Ausdehnungskoeffizienten".

Das bedeutet: Wo Stahl sich nur verformt, reißt Beton schon. Um die Belastbarkeit der Brücke zu verbessern, war damals in Zusammenarbeit mit Experten und der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) eine neue Bauweise versucht worden. Ein Versuch, der nun als gescheitert bewertet wird.

Trotz dieser Erklärung übt ADAC-Verkehrsexperte Willms Kritik: "Dass die Fahrbahndecke innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal erneuert werden muss, ist für die Autofahrer eine Zumutung und gleichzeitig Geldverschwendung."

Das Hamburger Straßennetz ist etwa 4000 Kilometer lang. Davon sind 550 Kilometer Hauptverkehrsstraßen, die der Zuständigkeit der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation unterliegen. Zusätzlich gibt es die Bezirksstraßen - meist Nebenstraßen - mit einer Gesamtlänge von rund 3450 Kilometern. Für diese Straßen und deren Sanierung beziehungsweise Instandhaltung sind die Bezirke direkt zuständig.