Hamburg

Markus Birzer ist der Bürgerbeteiliger

| Lesedauer: 5 Minuten
Axel Tiedemann

Foto: Martin Brinckmann

Wenn Bauprojekte auf Proteste stoßen, ist Markus Birzer als Moderator zur Stelle. Im Auftrag der Behörden sammelt er die Wünsche der Anwohner.

Hamburg. Wer hier im Saal als Anwohner gekommen sei, will Moderator Markus Birzer von den rund 300 Zuhörern wissen, die sich über die geplante Uni-Erweiterung informieren wollen. Man möge sich dazu doch, bitte, einfach erheben. Getuschel, Stühlerücken. Eben noch kritisch blickende Besucher lächeln unsicher, dann stehen rund 200 Männer und Frauen auf - und Birzer hat sein "Soziogramm".

Birzer kann mit seinem Job beginnen. Und der heißt Bürgerbeteiligung. Ein Wort, das nach dem Streit ums Gängeviertel und unter dem Eindruck der Bürgerproteste gegen Stuttgart 21 derzeit auch in Hamburg einen hohen Stellenwert hat. Uni-Erweiterung, Wilhelmsburger Reichsstraße, Neue Mitte Altona, Alte Rindermarkthalle, Electrolux-Gebäude in Altona oder die Esso-Tankstelle am Spielbudenplatz - an vielen Ecken der Stadt versucht die Politik derzeit, aktiv ins Gespräch mit den Bürgern zu kommen. Und immer wieder taucht dabei ein Name auf: Markus Birzer. Wer ist dieser Mann?

Wenn der 46-Jährige souverän ein Mikrofon an Spruchbandträger reicht, Anregungen auf Karteikarten notiert oder wieder einmal zum Soziogramm bittet, lässt sich auf den ersten Blick schwer einschätzen, wer dort vorn steht: Investor, Beamter oder Politiker? Nichts davon. Birzer, freier "Unternehmens- und Politikberater", wie auf seiner Visitenkarte steht, ist für die Hamburger Planungsbehörden eher eine Art "Feuerlöscher" bei Großprojekten. Immer zur Stelle, wenn es brennt. Seriös, aber nicht jovial. Kein Kuschelpädagoge, aber auch kein Powerpoint-Haifisch, mehr Frank Plasberg als Thomas Gottschalk - so präsentiert er sich als Moderator. "Der Mann ist gut", heißt es im Bezirk Mitte, nachdem dort das Projekt Rindermarkthalle zu einem neuen Kampffeld zwischen Anwohnern und Planern zu werden drohte und man Birzer holte. Ein Fiasko sei der Start dieser Planung gewesen, sagt Birzer. All das, was man nicht machen sollte, sei gemacht worden: In den Zeitungen kursierten bereits fertige Zeichnungen einer Musikhalle, Architekten wurden zu Wettbewerben eingeladen, und viel spricht dafür, dass einiges im Hinterstübchen bereits ausverhandelt war.

Birzer kam später - und nun soll ein neuer Anlauf gemacht werden. Mit Workshops, Vorgesprächen, Internetauftritt und Einsammeln von Anwohnerwünschen versucht Birzer nun auch in diesem Fall die Bürgerbeteiligung. Doch nicht überall kommt das an. Wenn kritische Anwohner ihre Wünsche auf gelbe Zettel schreiben dürfen, fühlen sie sich auch schon mal brüskiert. Eine Beteiligung ohne jede juristische konkrete Entscheidungsgewalt sei nur Alibi, heißt es dann. So wie bei der Planung für die Neue Mitte Altona. "Kindergeburtstag, Erwachsenenbespaßung ohne Verbindlichkeit", sagt Thomas Leske von der Anwohnergruppe Altopia.

Birzer verweist dann auf "positive Erfahrungen", die schon ein wenig älter sind. In einer pfälzischen Kleinstadt ist er aufgewachsen, studierte dann in Bamberg Politik und Volkswirtschaft und schloss das Studium in Hamburg ab, wo er heute noch nahe der Schanze wohnt. Allein. Sein zehnjähriger Sohn lebt bei der Mutter in Düsseldorf.

An der Bundeswehr-Universität arbeitete Birzer nach dem Studium für Professor Wolfgang Gessenharter an der Bürgerbeteiligung für die Messe-Erweiterung mit. Ein Projekt, das zunächst auf heftige Proteste gestoßen war - dessen Beteiligungsverfahren dann aber vielerorts große Anerkennung fand. "So müsste das eigentlich überall laufen", sagt etwa Altopia-Gründer Leske.

Doch warum eigentlich muss so etwas von Externen gemacht werden, warum schaffen es die Behörden nicht selbst? Ganz billig ist eine solche Profi-Unterstützung nämlich nicht: Das Komplettpaket Bürgerbeteiligung mit etlichen Veranstaltungen wie in Wilhelmsburg kann schon einmal einige Zehntausend Euro kosten. Geld, das für die Planer gut angelegt scheint. "Es liege im Wesen einer guten Bürgerbeteiligung, wenn sie von unabhängigen Dritten moderiert wird", meint ein Behördensprecher und umschifft so elegant den Umstand, dass ein Berater nicht wirklich unabhängig sein kann, wenn er auch in Zukunft Aufträge braucht.

Doch vermutlich ist es tatsächlich die Erfahrung vieler Beteiligungsschlachten, die Birzer den Ruf eingebracht haben, höchst professionell vorzugehen. Und er dürfte Druck gewohnt sein. So leitete der Hamburger bis 2007 die Akademie für Politik, Wirtschaft und Kultur in Schwerin. Aufklärung vor dem wachsenden Einfluss von Rechtsradikalen hieß die Aufgabe für Birzer, der sich auch einen Namen als Rechtsextremismusforscher gemacht hat. "Ich bin da grandios gescheitert", sagt er heute. Was nicht ganz stimmen kann. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man im Internet Seiten rechtsradikaler Bünde findet, die heftigst über Birzer giften. Das macht man nicht, wenn die Zielperson der Kritik nicht irgendwie stören würde.

Wer aber von solchen Organisationen beschimpft wird, dürfte mit harter Kritik wohl gut umgehen können. Und um zu sehen, wer denn mit welchem Hintergrund an einer Infoveranstaltung teilnimmt - dafür kennt Birzer eine gute Methode: Dann ist es wieder einmal Zeit fürs Soziogramm.