Mutter-Kind-Hilfe

"Clara hat mein Leben völlig auf den Kopf gestellt"

| Lesedauer: 22 Minuten
Jan Haarmeyer

Vor 100 Tagen ist Chantal in Wilhelmsburg gestorben. Drei Tage später wird Clara geboren. Welche Hilfe wird einer überforderten Mutter gegeben? Ein Dossier.

Hamburg. Am Silvesterabend hat Merle zum ersten Mal mit ihrer Tochter gesprochen. Sie stand im Wohnzimmer ihrer kleinen gemütlichen Zweizimmerwohnung in Fuhlsbüttel und hat vorsichtig die Hand auf ihren runden Bauch gelegt. Merle war im achten Monat schwanger und hatte bis dahin noch nie ihr Baby mit den Händen gespürt. Draußen begrüßten die Hamburger ein neues Jahr. Böller knallten in den Straßen, Raketen stiegen in den Himmel. Merle legte die Hand auf ihren Bauch und sagte laut: "Frohes neues Jahr, Clara!" Und hinterher hat sie gedacht: "Wie bekloppt ist das denn?"

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Knapp drei Wochen später wurde Clara geboren. Am 19. Januar 2012 kam sie, fünf Wochen zu früh, um 19.52 Uhr im AK Heidberg in Langenhorn zur Welt. Sie wog 2245 Gramm und hat es ihrer Mutter nicht ganz leicht gemacht. Die Geburt dauerte 24 Stunden. Als die Herztöne schwächer wurden, mussten die Ärzte Blut aus Gefäßen an Claras Kopf entnehmen, um zu prüfen, ob die Sauerstoffversorgung noch ausreichend ist. Nach der Geburt kam Clara sofort auf die Intensivstation. Als ihr die Krankenschwester Clara später auf den Bauch legte, war Merle mächtig stolz: "Mein Gott, ist die süß!"

Drei Tage vorher, am 16. Januar, wurde um 18.52 Uhr am anderen Ende der Stadt in Wilhelmsburg Chantal für tot erklärt. Sie durfte nur elf Jahre alt werden, weil die Menschen, die sich um sie kümmern sollten, furchtbar versagt haben. Als Chantal an einer Methadonvergiftung starb, begann die hektische Suche nach den Schuldigen. Wieso schafft es Hamburg nicht, seine Kinder besser zu beschützen? Wie eng ist das Netzwerk der Hilfe für Menschen, die nicht in der Lage sind, selbstständig ihren Alltag zu bewältigen?

Auch um Clara kümmern sich jetzt Menschen in dieser Stadt. Sie sind Teil des Netzwerks. Sie stehen selten in der Zeitung. Sie machen einfach nur ihren Job und tun Tag für Tag alles, um eine Tragödie zu verhindern. Lena Lino Delgado ist einer von diesen Menschen. Sie ist 30, fröhlich, Diplompädagogin und selbst junge Mutter. Lena ist, sagt Merle, so etwas wie der Sonnenschein, der plötzlich in ihr Leben scheint. Lena sagt, sie sei eine vertrauensvolle Begleiterin von Merle.

Merle trägt, genau wie Clara, in Wirklichkeit einen anderen Namen. Sie ist 34 und lebt im betreuten Wohnen, weil sie psychische Probleme hat. Sie ist klein, ein ziemliches Kraftpaket, und ihre rötlichen Haare verteilen sich meist strubbelig auf ihrem Kopf. Ihre Augen sind wach und können wandern. Wenn sie spricht, presst sie die Worte bisweilen ein bisschen aus sich heraus, so, als müssten sie erst die Gespenster der Vergangenheit überwinden, die in ihr noch ihr Unwesen treiben. Merle sagt immer sofort, was sie denkt. Manchmal verblüfft sie mit ihren klaren Sätzen. Gegen ihre Angststörungen und die Depression nimmt sie Tabletten.

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Als Merle mit Clara schwanger wurde, ist sie mit ihrer Betreuerin zum Jugendamt Fuhlsbüttel gegangen. Ein Mitarbeiter drückte ihr einen Flyer der Beratungsstelle nullbisdrei in die Hand. "Die sind kompetent, gehen Sie doch da mal hin." Merle rief dort an und wurde von Lena zum Kennlerngespräch in die hellen Räume an der Straße Hohe Liedt in Langenhorn eingeladen. Große Fenster, bunte Kinderbilder an den Wänden, eine gemütliche Sitzecke, viel Spielzeug. Ein großer Tisch lädt zum Klönen und gemeinsamen Spielen von Eltern und Kindern ein.

Zusammen mit ihrer Kollegin Christel Springer berät Lena junge Eltern in Langenhorn, Fuhlsbüttel und Ohlsdorf. Die Stadtteile sind kein sozialer Brennpunkt. Aber auch hier gibt es viele Familien, bei denen Sozial-Experten von einer "langfristigen Mangelversorgung in den Bereichen Gesundheit, Pflege, Bindung und Bildung" sprechen, die "zu dauerhafter Vernachlässigung der Kinder führen kann".

Dagegen setzen Lena und Christel - neben Hausbesuchen, Einzelgesprächen und Gruppentreffen - die Kraft der Bilder. Es ist Februar. Lena und Merle haben sich inzwischen sechsmal getroffen. Lena hat wieder die Videokamera dabei, als sie Merle zu Hause besucht. Elterninterview. Merle sitzt auf der Couch, Clara schläft im Kinderbett, und Lena lässt die Kamera laufen.

Merle, hast du Lust, dich Clara vorzustellen? "Wie meinst du das, Lena?" Na ja, wer du bist? "Hallo Clara, ich bin deine Mama. Na ja, wenn du genauso zickig wirst wie deine Mama, dann Prost Mahlzeit." Wie war das, als du Clara das erste Mal auf dem Arm hattest? "Wow - fantastisch." Gibt es etwas, das typisch ist für Clara? "Nee. Oder doch: ihr leichtes Schnarchen, wenn sie am Einschlafen ist. Ein leichtes Glucksen." Was bedeutet Muttersein? "Ich bin mächtig stolz. Das ist meine Tochter. Aber ich muss auch lernen, Prioritäten zu setzen. Dass der Abwasch stehen bleibt. Dass ich Dinge später mache und zu Terminen nicht immer superpünktlich sein kann." Was ist das Schwierigste? "Nachts nicht durchschlafen zu können. Ein schreiendes Kind, und du kannst nichts machen. Hast die Flasche gegeben, neue Windeln, gekuschelt - und sie schreit. Und jetzt? Und dann ruhig zu bleiben und nicht loszubrüllen und irgendwas kaputt zu schlagen, dann nicht zu verzweifeln, das ist verdammt schwer." Was ist das Überraschendste? "Dass ich es hinkriege." Was ist das Beste? "Clara, sie ist das Beste, was mir passieren konnte." Hat sich dein Leben verändert? "Clara hat mein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Ich muss an alles denken, alles mitnehmen, muss jetzt quasi immer für zwei denken."

Wenn Gefühle verschüttet sind, können Bilder helfen, wieder an sie heranzukommen. Die Frage ist: Wie groß sind die Schatten der Vergangenheit? Die Videoarbeit ist fester Bestandteil der Beratung von nullbisdrei. "Wir möchten den Eltern so die Möglichkeit geben, die Welt aus den Augen des Kindes zu sehen", sagt Lena. Die Methode "seeing is believing", was man sieht, kann man glauben, kommt aus den USA und ist ein wichtiger Teil im Steep-Programm. Es wurde für Risikofamilien entwickelt, um die frühe Eltern-Kind-Bindung zu stärken.

Lena und Christel wollen niemanden vorführen. Sie wollen die Eltern stärken. Sie wollen ausstrahlen, dass Veränderung möglich ist. Schon bei der ersten Videoaufnahme, als Merle ihr Baby im Krankenhaus gefüttert hat, staunte sie anschließend beim Angucken des Films: "Guck mal, Lena, ich rede ja mit Clara. Ich rede die ganze Zeit und sage tolle Dinge. Und ich verändere meine Stimmlage, das war mir gar nicht bewusst."

+++"Ich fühlte mich verfolgt wie bei einer Hexenjagd"+++

Nur vier Wochen vorher, beim ersten Treffen vor der Geburt, hatte Merle noch gefragt: "Wie soll ich mein Kind auf den Arm nehmen, Lena, wenn ich selber von meiner Mutter nie auf den Arm genommen wurde?" Merle hatte mit ihrem eigenen Leben schon genug zu tun. Und nun kam noch ein neues dazu. Und die Frage ist, ob sie beides zusammen hinkriegt?

Merle ist in Bramfeld aufgewachsen. "Meine Mutter war 17 und viel zu jung, als sie mich bekam. Und sie hatte Probleme mit meinem Erzeuger." Merle spricht nicht von ihrem Vater, sondern nur von dem "Schwein". Als Merle fünf war, wurde ihre kleine Schwester geboren. "Meine Mutter sagte, sie habe jetzt ein neues Baby, sie brauche mich nicht mehr." Mit acht Jahren kam sie zur Oma. "Vielleicht war das ganz gut, dann brauchte ich nicht mehr zu sehen, wie meine Mutter von Frauenhaus zu Frauenhaus zog. Und ich brauchte auch nicht mehr versuchen zu verhindern, dass meine einjährige Schwester mit ansehen musste, wie meine Mutter von den Kerlen mehrmals fast totgeschlagen worden ist."

Mit elf Jahren wollte sie wieder zurück. "Aber meine Mutter wollte mich nicht mehr." Merle hat die Sprachheilschule in Wandsbek bis zur 9. Klasse besucht. Sie wollte eine Ausbildung im Tierheim machen. "Tierpflegerin war mein Traumberuf, aber das hat nicht geklappt." Mit 18 Jahren hat sie geheiratet, ihr Mann war 23 Jahre älter. Nach sieben Jahren haben sie sich getrennt. Sie lernte einen anderen Mann kennen. Als es ihr schlecht ging, wollte sie sich vor die U-Bahn werfen. Er hielt sie zurück. Sie kam in die Psychiatrie nach Ochsenzoll und wurde dann nach Alsterdorf verlegt. Als er dort mit seiner Ehefrau auftauchte, erlitt Merle einen Nervenzusammenbruch.

Mittlerweile hat Merle gelernt, dass das Gefühl, sie sei keine gute Mutter, aufgrund ihrer eigenen Geschichte immer wieder so heftig auftritt. Im Februar gibt es ein Hilfeplangespräch mit allen Beteiligten, und es wird beschlossen, die Unterstützung von nullbisdrei in eine Steep-Maßnahme überzuleiten. Bewilligt erst einmal für ein Jahr, Kosten: 14 000 Euro.

Um Merle und Clara kümmern sich inzwischen ein Jugendamtsmitarbeiter und der Abteilungsleiter im Bezirk Nord. Zwei Betreuerinnen im täglichen Leben und seit der Schwangerschaft zwei Mitarbeiterinnen von nullbisdrei. Nach Beendigung dieser Unterstützung aktuell zwei Sozialpädagoginnen, ausgebildete Steep-Beraterinnen. Seit der Schwangerschaft hat Merle außerdem eine Hebamme an ihrer Seite, die ihr immer noch wertvolle Tipps gibt. Und seit April eine Kindergärtnerin in der Kita, die ihr sagt, dass sie Clara einfach mal die Füßchen massieren kann, wenn sie nicht aufhört zu schreien.

"Um ein Kind zu erziehen, ist ein ganzes Dorf nötig", sagt ein afrikanisches Sprichwort. Kann eine Stadt mehr tun? Im Büro von Uwe Inselmann, 48, im Bezirksamt an der Kümmellstraße hängt an einer Stellwand eine große Karte. Auf ihr ist der Bezirk Nord von dicken, schwarzen Strichen umrahmt. Das ist sein Gebiet. Der Diplom-Sozialpädagoge ist seit 20 Jahren zwischen Barmbek und Langenhorn in der Jugend- und Familienhilfe tätig. Jetzt ist er einer von zwei Regionalleitern. Er hat 83 Mitarbeiter, davon 28 im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), und sieben Stadtteile unter sich.

+++Jugendamt ignorierte Hinweis von Lehrerin+++

Inselmann wollte nach der Schule irgendetwas im kaufmännischen Bereich machen. Als er feststellte, dass das so gar nichts für ihn ist, hat er eine Ausbildung zum Erzieher gemacht. Weil er nicht sein ganzes Leben in der Kita im Stuhlkreis Lieder singen wollte, hat er Sozialpädagogik studiert. "Mit der Verbindung von Verwaltung und sozialem Engagement habe ich für mich den Königsweg gefunden", sagt der schmächtige Hamburger mit der randlosen Brille.

Inselmann ist ein aufmerksamer Zuhörer. Er wählt seine Worte mit Bedacht. Es gibt in diesen Wochen nicht viele Jugendamtsmitarbeiter in Hamburg, die bereitwillig über ihren Job reden. Und Sätze sagen wie: "Fehler werden schon allein deshalb gemacht, weil wir es bei unserer Arbeit mit vielen Hypothesen zu tun haben. Wir betreiben ein Risikomanagement. Es kommt deshalb auch darauf an, wie wir mit Fehlern umgehen."

Uwe Inselmann wäre vielleicht auch ein guter Detektiv geworden. Er sammelt Spuren, er setzt Puzzleteile zusammen, und er stellt eine Unmenge Fragen, um am Ende ein möglichst lückenloses Bild von seinem Gegenüber zeichnen zu können. "In dem Wissen", sagt Inselmann, "dass es eine 100-prozentige Sicherheit nie geben kann, weil wir zum Beispiel nicht wissen, was Menschen in Stresssituationen tun, geht es um das Handeln nach den Regeln der fachlichen Kunst."

Was das heißt? "Wir dürfen zum Beispiel nicht alles glauben, was uns die Eltern erzählen, sondern müssen das mit der Realität abgleichen." Was wissen wir über die Wohnsituation? Wie verlässlich ist die Mutter? Wie ist ihr Blickkontakt zum Kind? Wie reagiert der Vater unter Stress? Halten sich die Eltern an Absprachen? Wie regelmäßig bringt die Mutter ihr Kind in die Krippe? Wie ist die Abholsituation? Gleichgültig? Oder freut sie sich jedes Mal? "Wir sammeln Mosaiksteinchen", sagt Inselmann. "Und je mehr ich habe, desto deutlicher wird das Gesamtbild."

+++Die Ermittlungen im Fall Chantal gehen weiter+++

Uwe Inselmann zeigt eine Grafik, auf der die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung in Hamburg aufgelistet sind. Von März 2005 an steigt die Kurve steil an. Von 5000 Fällen und 125 Millionen Euro auf 10 000 Fälle und 232 Millionen Euro im Jahr 2011. In einem Hochhaus in Jenfeld hatten vor sieben Jahren die Eltern die kleine Jessica verhungern lassen. Niemand hatte etwas bemerkt. Kein Nachbar, kein Arzt, kein Jugendamtsmitarbeiter. Als hätte es das Mädchen, das nur sieben Jahre alt werden durfte und zum Zeitpunkt seines Todes 8,7 Kilogramm wog, gar nicht gegeben.

Jessicas Tod hat viel verändert. Den Tod von Chantal hat er nicht verhindert. "Wir haben es meist mit sehr komplexen Situationen zu tun", sagt Inselmann. "Um jeden kritischen Fall herauszufiltern und zu verhindern, ist das Leben zu vielfältig und zu bunt."

Die Reflexe aber sind immer die gleichen. Der Schutz der Kinder hat alle Parteien auf den Plan gerufen. Die Linke kritisiert die Privatisierung der Jugendhilfe und den Konkurrenzdruck der zahlreichen privaten Anbieter. Die Grünen fordern Fallzahl-Obergrenzen. Ein Beamter in Vollzeit solle höchstens 35 Hilfen zur Erziehung bearbeiten. In Wandsbek bestehe die höchste Belastung mit 50, in Eimsbüttel die geringste mit 42 Fällen pro Mitarbeiter.

Auch bei Uwe Inselmann haben sich die Fallzahlen der Hilfe zur Erziehung im Bezirk seit 2005 von 625 auf 1052 im vergangenen Jahr um zwei Drittel erhöht. Was fällt darunter? "Die Unterbringung von Kindern im Heim, in einer Pflegefamilie oder im betreuten Wohnen. Außerdem Familienhilfe, Erziehungsberatung und intensive sozialpädagogische Betreuung", sagt Inselmann.

Ein Belastungsfaktor ist für ihn jedoch weniger die Anzahl der Fälle, weil jeder ja ganz unterschiedlich sei, sondern eher die hohe Fluktuation der Mitarbeiter beim ASD. Viele kämen direkt von der Hochschule und blieben nur ein oder zwei Jahre. "Uns ist die Mischung aus engagierten jungen und routinierten Kollegen verloren gegangen", sagt er. Wegen fehlender Routine bei der Beurteilung von Einzelfällen kommt es zur Überlastung. "Wir müssen ständig den Finger in die Wunde legen und Grenzen deutlich machen", sagt er. Und wenn die überschritten werden, müsse man handeln. "Dann kippt das, was man an Hilfe veranlasst hat, um: in Sanktionen."

Es gehe um die ständige Auseinandersetzung in dem Spannungsverhältnis zwischen Unterstützung und Intervention, Hilfe und Kontrolle. "Aber am Ende ist es unsere Aufgabe zu entscheiden, was für die positive Entwicklung des Kindes am besten ist", sagt er. "Und nicht, was das Beste für die Eltern ist." Eine Gratwanderung ist das. Ein ständiger Balanceakt, der im schlimmsten Fall tödlich endet.

Im März war Merle auf einmal alles zu viel. Sie rief Lena an: "Wir müssen uns unbedingt sehen." Lena fuhr zu ihr, und Merle sagte als Erstes: "Ich habe keine Gefühle mehr für Clara, ich bin wie meine Mutter." Sie haben sich Videos und Fotos angeguckt. Fröhliche Bilder, freudiger Blickkontakt, eine zärtliche Berührung. Lena hat gefragt: "Was würde Clara wohl sagen, wenn sie schon sprechen könnte?" Sie haben darüber gesprochen, dass solche Gefühle der Überforderung nach sechs Wochen völlig normal sind. Wenn sich der Alltag über einen stülpt, die Schlaflosigkeit, das Geschrei, das Wickeln. Merle sagt: "Dieses supergute Gefühl nach der Geburt, das war auf einmal nicht mehr da. Das hat sich rausgeschlichen."

Am 2. April ist Clara in die Krippe gekommen. Merle war hin- und hergerissen. Das fühlte sich so an: "Ich gebe Clara niemals weg." Wenig später: "Ich will mein altes Leben zurück." Und dann: "Hallo, das ist dein Wunschkind, du wolltest es unbedingt. Clara ist das Beste, was dir je passiert ist." Und dann: "Ich halte es einfach nicht mehr aus."

Merle muss ihre Erwartungen an sich selbst immer wieder korrigieren. Sie wollte Clara frühestens mit einem Jahr in die Krippe geben. "Aber als ich schwanger war, habe ich auch nur von 12 Uhr bis Mittag gedacht." Jetzt steht Merle morgens um 5.40 Uhr auf, weckt Clara, macht Frühstück, und dann verlassen beide um kurz nach sieben die Wohnung. Drei Stationen mit dem Bus, dann umsteigen, und noch einmal 30 Minuten Bus fahren bis zur Kita. Um 16 Uhr holt Merle ihr Baby wieder ab.

Dass sie diesen Schritt nun neun Monate vorher machen musste, hat viel mit Belastung zu tun. Aber auch mit Verantwortung. Und mit einem Behördenmitarbeiter, der schnell helfen konnte. Der ASD hat innerhalb kürzester Zeit den Kita-Gutschein befürwortet. Für Merle war dieser Schritt enorm wichtig. Das erste Gefühl, nachdem sie Clara in der Krippe abgegeben hatte? "Entspannung", sagt sie, "Entspannung." Sie wusste, "dass Clara in guten Händen ist". Denn sie wird jetzt von derselben Kindergärtnerin betreut, die sich vor 30 Jahren um sie selbst gekümmert hat. "Hammer, was?", sagt Merle.

Dreimal in der Woche besucht Clara jetzt ihren Vater zusammen mit ihrer Mutter. Am Donnerstag, sonnabends und am Sonntag. Thomas heißt in Wirklichkeit auch anders. Er sitzt eine Strafe ab in der Psychiatrie in Ochsenzoll. Thomas war ein Kind, als im Kosovo der Krieg tobte. In Hamburg hat er gewaltig zurückgeschlagen. Merle sagt, Thomas sei manchmal wie ein kleines Kind. "Nicht älter als fünf." Eigentlich bräuchte sie eine Schulter zum Anlehnen. Nun ist es Thomas, der sich immer bei ihr anlehnt. Merle sagt, ihr Freund liebe Clara abgöttisch. Der Wunsch ist es, eine richtige Familie zu sein, wenn er in zwei Jahren rausdarf.

Für Merle, sagt Uwe Inselmann, sei es eine besondere Herausforderung, Belastungssituationen auszuhalten. "Aber sie stellt sich diesen Situationen." Ob das, was an Hilfe initialisiert worden sei, reicht, wisse man jetzt noch nicht. "Aber wir sind im Austausch. Und Merle ist sehr bemüht, ihren Teil zum Gelingen beizutragen." Vor ein paar Tagen hat Lena für Merle eine Foto-CD zusammengestellt. Die schönsten Bilder von Mutter und Tochter, untermalt von Adeles "Someone Like You". Merle war erst ganz still und strahlte dann. "Weißt du, was ich gerade gedacht habe, Lena, als ich das gesehen habe?: Ich möchte es mit Clara unbedingt schaffen." Sie wird um ihre Tochter kämpfen. Sie kann das gut. Sie hat ihr Leben lang nichts anderes getan, als zu kämpfen.

"Wir können leider nicht in die Zukunft schauen", sagt Uwe Inselmann. "Was wir können, ist, aus Verhaltensweisen und Reaktionen von Menschen in der Vergangenheit heraus Prognosen für die Zukunft aufzustellen. Und darauf unser Handeln auszurichten."

Als Clara neulich im Wohnzimmer auf der Couch lag, hat Merle ihre kleine Tochter angeschaut und gesagt: "Ich liebe dich." Und hinterher, sagt sie, sei ihr erst mal aufgefallen, dass sie das vorher noch nie laut zu ihrer Tochter gesagt hat. "Ist das nicht komisch?", sagt sie und überlegt: "Aber meine Mutter hat das zu mir ja auch nie gesagt."

Was nicht ganz stimmt. Als Merle 23 Jahre alt war, hat sie zu ihrer Mutter gesagt: "Ich hab dich lieb, Mami." Und ihre Mutter hat zum ersten Mal geantwortet: "Ich hab dich auch lieb." Zwei Wochen später ist sie gestorben.