Fall Chantal

Hamburg will Pflegefamilien jetzt unangemeldet kontrollieren

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Sascha Balasko und Peter Ulrich Meyer

Sozialsenator Scheele kündigt nach dem Fall Chantal ein strengeres Vorgehen an. Inspektoren sollen künftig Jugendakten prüfen.

Hamburg. Die Stadt zieht Konsequenzen aus dem Fall Chantal. Gut drei Wochen nach dem Methadon-Tod der Elfjährigen aus Wilhelmsburg hat Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) eine grundlegende Reform der Jugendhilfe angekündigt. In der Bürgerschaft sagte er gestern, das bisherige System habe versagt. Es fehlten "Sicherungs- und Warnvorkehrungen". Deswegen sollen nun die Kontrollen bei Pflegefamilien strenger werden. Künftig müsse sichergestellt sein, dass bei besonders gefährdeten Kindern die Jugendamtsmitarbeiter mit besonderer Sorgfalt kontrollierten, sagte Scheele: "Ich meine damit: hingehen, unangemeldet, das Kind sehen und den Maßstab einer ordentlichen Familie anlegen." Bisher hatten sich die Beamten im Regelfall vor Besuchen in Pflegefamilien angemeldet.

Der Senator bezeichnete die Umstände, unter denen Chantal zu Tode kam, als "Skandal in der Jugendhilfe". Chantal war in eine Pflegefamilie gekommen, deren Vater vorbestraft ist, in der die vier Kinder keine eigenen Betten hatten und Kampfhunde lebten. Hinweisen, dass die Pflegeeltern drogensüchtig sind, ging die Behörde nicht nach. "Die sogenannte milieunahe Unterbringung war nicht Chance, sondern Falle", sagte Scheele. Zunächst hätten Personen versagt - sowohl im Jugendamt als auch beim beauftragten freien Träger - und dann auch das System.

+++ Leitartikel: Die letzte Konsequenz +++

Scheele sagte, in allen Hamburger Jugendämtern werde künftig ein "Qualitätsmanagementsystem" eingeführt. Führungskräfte sollen abfragen, ob und wie ihre Mitarbeiter Vorschriften einhalten. Es werde eine Jugendhilfeinspektion nach dem Vorbild des Rechnungshofs geben, welche Akten ohne Vorankündigung prüfen kann. "Der immerwährend mögliche externe Blick muss Routinen erschüttern." Konsequenz soll auch sein, dass Ärzte, die Methadon verabreichen, in Zukunft an die Jugendhilfe melden, wenn Kinder im Haushalt ihrer Patienten leben. Dies sei mit dem Kinderschutzgesetz vereinbar, sagte Scheele.

Die schwierige Aufarbeitung eines Dramas

Senator: Jugendhilfe-Träger werden künftig streng geprüft

Festhalten will der Senat an der bisherigen Praxis, Kinder bevorzugt in Pflegefamilien und nicht in Heimen unterzubringen. "In Pflegefamilien wird hervorragende Arbeit geleistet", sagte Scheele. Allerdings machte er deutlich, dass auch nach dem Fall Chantal die Ausgaben für die Jugendhilfe nicht erhöht werden. Zwischen 2005 und 2011 seien diese um 100 Millionen auf rund 240 Millionen Euro im Jahr gestiegen. "Wir haben kein Ressourcenproblem. Wir haben ein Problem in der Qualität und der Wirksamkeit von Hilfen."

Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) sagte, das gesamte Jugendhilfe-System habe erneut versagt. "Deshalb muss zu Recht die Frage nach Verantwortung gestellt werden." Auf die Diskussion um Mitte-Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) ging sie aber nicht ein.

Die Oppositionsfraktionen forderten dagegen Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) zum Handeln auf. "Sie sind in der Pflicht, Herrn Schreiber seines Amtes zu entheben", sagte CDU-Familienexperte Christoph de Vries. Auch der Vorsitzende der GAL-Fraktion, Jens Kerstan, wandte sich an Scholz: "Wenn politische Verantwortung in dieser Stadt überhaupt noch eine Bedeutung haben soll, dann muss Herr Schreiber jetzt abgelöst werden." Der Bezirkschef habe versagt.

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