Nach Tod durch Methadon

Chantal wird heute in Hamburg beigesetzt

| Lesedauer: 4 Minuten
abendblatt.de

Das Mädchen, das an der Überdosis eines Drogenersatzstoffes starb, soll in Hamburg beigesetzt werden. Kritik an System für Pflegekinder wächst.

Hamburg. An diesem Dienstag soll die elfjährige Chantal aus Hamburg-Wilhelmsburg beigesetzt werden. Die Trauerfeier soll im privaten Kreis stattfinden. Das Mädchen, das in der Obhut drogensüchtiger Pflegeeltern lebte, war am 16. Januar an einer Überdosis Methadon gestorben. Das System der Jugendhilfe in Hamburg steht unterdessen zunehmend in der Kritik - zumal bekannt wurde, dass es frühe Warnungen über Chantals Pflegefamilie gegeben hat. Die Bürgerschaft will sich in dieser Woche erneut mit dem Methadon-Tod des Kindes beschäftigen.

Der frühere SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Thomas Böwer kritisierte in der Zeitung „Die Welt“: „Wir haben in Hamburg kein Pflegeeltern-Problem, wir haben gravierende Probleme im gesamten Jugendhilfesystem der Stadt.“ Neben der Aufarbeitung und Aufklärung aller Umstände zum Tod von Chantal müsse das gesamte System der Jugendhilfe in Hamburg auf den Prüfstand. „Wir brauchen Lösungen und Arbeitsweisen, die auch nach den Tagen der berechtigten öffentlichen Empörung und Aufmerksamkeit Bestand haben.“ Böwer forderte, die Bürgerschaft solle sich diesen Fragen stellen – und schlug eine Enquete-Kommission als geeignetes Mittel vor.

+++ Jugendämter reagieren auf den Fall Chantal +++

Der Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien teilte mit, der Ruf nach mehr Kontrolle von Pflegefamilien sei verständlich, „aber doch eher Ausdruck eines ersten Aktionismus der Politik“. „Drogentests für alle Pflegeeltern können nicht die Antwort auf die Ereignisse in Hamburg sein“, erklärte die Verbandsvorsitzende Dagmar Trautner. „Vielmehr sind eine fachlich kompetente und zeitlich dem Fall angepasste Vorbereitung, Betreuung und Fortbildung für Pflegeeltern immens wichtig.“ Eine Fachkraft dürfe nicht mehr als 30 Pflegefamilien betreuen.

Die finanzielle und personelle Ausstattung der Jugendhilfe sei entscheidend für die Qualität der Arbeit, betonte Trautner. „Es ist Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen zu gewährleisten.“ Nach Angaben des Bundesverbandes lebten Ende 2010 fast 54 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland in Pflegefamilien.

Die Staatsanwaltschaft will die Ergebnisse von Blut- und Haarproben der Pflegeeltern zunächst nicht öffentlich machen. Zu den Einzelheiten werde er sich derzeit aus Ermittlungsgründen nicht äußern, sagte Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. „Im übrigen greifen solche Ermittlungsdetails in das Persönlichkeitsrecht der Beschuldigten ein.“

+++ "Überlastung in der Behörde" +++

Nach Informationen der „Welt“ haben die Pflegeeltern noch bis vor kurzem Heroin genommen. In ihren Blut- und Haarproben sei nicht nur die Ersatzdroge Methadon nachgewiesen worden, sondern auch Heroin. Sowohl die Pflegemutter als auch der Pflegevater waren in einem Methadon-Programm. Die endgültigen Ergebnisse von Chantals Obduktion sollen laut Möllers Mitte Februar vorliegen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Pflegeeltern wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung. Außerdem gibt es Ermittlungen gegen das Jugendamt und den freien Träger Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE).

Am Freitagabend fand ein Trauermarsch für Chantal statt, an dem mehrere Hundert Hamburger teilnahmen. Die Organisatorin, Anne Böhm, zeigte sich begeistert. „Das ist Wahnsinn. All die Menschen sind gekommen, um den Kindern zu sagen „Wir sind bei euch„“, sagte Böhm. Im nächsten Monat solle wahrscheinlich ein weiterer Marsch zum Bezirksamt Mitte stattfinden.

+++ Fall Chantal: Beamten droht Tötungs-Anklage +++

Anne Böhm forderte die Hamburger Politik auf den Fall Chantal aufzuklären. „Es muss alles aufgedeckt werden. Die Bürger verlieren sonst das Vertrauen in unsere Regierung.“ Ehrmann sagte, dass die Reform der Hamburger Jugendhilfe in den vergangen Jahren zunächst Früchte getragen habe. „Ich hatte den Eindruck, Hamburg macht sich auf den Weg. Dann kam vor zwei Jahren der Hungertod von Lara Mia, und jetzt dieses Desaster, so dass man sagen muss, Hamburg hat sich ganz weit zurückentwickelt.“ Ehrmann appellierte an die Politik, „mit hanseatischer Geschlossenheit“ die derzeitigen Probleme zu lösen.

Auch die Reiherstieg-Kirchengemeinde in Wilhelmsburg gedachte am Freitag des toten Mädchens. „Wir trauern um dieses Kind, das so fröhlich war“, sagte die evangelische Pastorin Carolyn Decke. Zahlreiche Kerzen als „Botschaft“ an die Elfjährige wurden angezündet, Bilder erinnerten an sie und die Gläubigen stimmten ein „Kindermutmachlied“ an.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) kritisierte, die Überlastung von Jugendämtern, unklare Zuständigkeiten und eine mangelnde Bündelung von Informationen führten immer wieder dazu, dass Gefahrenzeichen nicht rechtzeitig erkannt würden. „Jugendämter müssen personell, fachlich und organisatorisch angemessen ausgestattet sein, um Kinder und Familien verlässlich zu begleiten“, forderte der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, in Köln.

Mit Material von dpa

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg