„Wenn die Sonne untergeht, sieht man Feuer über Hamburg“

Die Süderstraße im November 1943

Die Süderstraße im November 1943

Foto: Staatsarchiv Hamburg Nachlass Erich Andres

Der Krieg ist für viele Zeitzeugen nicht vorbei, weiß Experte Ulrich Lamparter. Teil 15 der Serie zur Operation Gomorrha.

Hamburg. Seit der Operation Gomorrha sind 75 Jahre vergangen – aber der Krieg ist für manche Zeitzeugen nicht vorbei. „Ich träume heute noch manchmal davon, in Trümmergegenden herumzulaufen, ohne zu wissen, wohin ich will. Kürzlich saß ich im Traum auf einer Bank und sah über mir den Himmel voller Flugzeuge und rief ,Fliegeralarm‘, danach wachte ich auf und wusste: Alles war nur geträumt“, schrieb ein Leser. Mitunter reichen Geräusche, Bilder oder Gerüche, um die schrecklichen Erinnerungen wachzurufen. Axel Herzog, der als Vierjähriger die Operation Gomorrha erlebt hatte, kamen die Erinnerungen erst viele Jahrzehnte später zurück, als er mit seiner Familie ein Filmstudio in den USA besuchte, in dem Katastrophenfilme inszeniert wurden. „Ich musste wortlos den Raum verlassen“, sagt er. „Als das Feuer im Studio startete, sah ich die Brandnacht von Hamburg.“ Und die Hamburgerin Eva Grell sagt: „Mir geht es heute noch so, dass ich anfange zu weinen, wenn die Sirenen zur Übung heulen.“

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Manchmal genügen Kleinigkeiten, um den Schrecken in den Alltag zurückzuholen. „Bei jedem Knall zucke ich zusammen – egal ob ein Stuhl umfällt oder jemand die Tür zuschlägt“, schreibt die Leserin Edith Neumann.

Der Hamburger Psychoanalytiker Ulrich Lamparter erforscht seit Jahren die Folgen des Feuersturms auf die Menschen. Den Beginn machte eine Serie im Abendblatt 2003, woraufhin er 60 Zeitzeugen traf. Mit Psychoanalytikern, Psychosomatikern und klinischen Psychologen des UKE und Historikern bildete er 2005 eine interdisziplinäre Forschungsgruppe. Nach Ende der Förderung arbeiten viele bis heute ehrenamtlich weit er.

Wie kamen Sie auf die Idee, zum Bombenkrieg zu forschen?

Ulrich Lamparter: Ich komme aus Stuttgart und habe Anfang der 80er-Jahren in Hamburg begonnen zu arbeiten. In Gesprächen mit Patienten wurde ich bald mit deren Erinnerungen an Bombenkrieg und Feuersturm konfrontiert. Von der Operation Gomorrha wusste ich zunächst gar nichts. Ende der 90er habe ich dann begonnen, mich intensiv damit zu befassen.

In Ihrer Forschung sind Sie auf Menschen gestoßen, die traumatisiert waren. Ich erinnere mich an das Zitat einer Zeitzeugin: „Ich habe mich vor Angst weggeschrien.“

Lamparter: Das waren eindrucksvolle und bestürzende Schilderungen. Wir haben nach der Abendblatt-Serie von 2003 über 60 Zeitzeugen befragt – und ihre Kinder.

Warum hatten es die Menschen oft so schwer, über ihre Erfahrungen im Bunker und Feuersturm zu sprechen?

Lamparter: Es war lange schwer, darüber zu sprechen, weil es keiner hören wollte - zumindest in der Öffentlichkeit. Das Thema Gomorrha war aus der offiziellen Kommunikation so gut wie verschwunden. Tauchte es doch einmal auf, wurde der Opfer abstrakt gedacht und von einer Katastrophe gesprochen, die Hamburg heimgesucht habe oder von der Stadt, die es schwer getroffen hat. Einzelschicksale kamen kaum vor. In den Familien war das anders; da wurde schon darüber gesprochen.

Sie selbst schreiben von „merkwürdigen Erinnerungssperren und Sprachlosigkeit“ ...

Lamparter: Manche wollten nicht darüber sprechen, manche konnten es nicht. Und dann fehlte es an offiziellen Anlässen.

Haben manche die ungeheuerlichen Erfahrungen auch als Normalität der Zeit akzeptiert?

Lamparter: Zum Teil ja. Natürlich war der Feuersturm etwas Neues in seiner Ungeheuerlichkeit, seiner Zerstörungskraft ...

Gomorrha ...

Lamparter: Eben: Gomorrha. Das war neu. Zugleich wussten die Leute aber, dass Krieg herrscht. Etwas, was alle trifft, ist leichter zu ertragen. Die Menschen bildeten eine Erfahrensgemeinschaft – der Bombenkrieg ist etwas anderes als der Angriff eines Tieffliegers, der es ja auf Einzelne absieht.

Schon den Kindern wurden in der Hitlerjugend früh jede Empathie, jedes Mitgefühl aberzogen. Hat diese Härte am Ende den Menschen bei der Verarbeitung geholfen?

Lamparter: Das ist eine schwere Frage – aber es kann geholfen haben, das Ungeheuerliche auszuhalten und in einen Funktionsmodus zu schalten. Ich erinnere mich an das Gespräch mit einem Zeitzeugen, der auf die Frage, was er am Tag nach dem Feuersturm gemacht hat, antwortete: „Ich musste doch zur Arbeit.“

Wir haben 15 Zeitzeugen getroffen – und waren beeindruckt von der Stärke dieser Menschen ...

Lamparter: Die, die sich melden, gehören natürlich zu den Starken. Andere Überlebende sind daran zerbrochen und gar nicht mehr unter uns. Als wir mit unserem Forschungsprojekt angefangen haben, war ich überrascht und beeindruckt, wie groß das Redebedürfnis der Menschen war. Die Erinnerungen waren nicht verdrängt oder irgendwie in den Tiefen verbuddelt, sondern lagen obenauf. Die Menschen konnten genau erklären, was passiert ist, die Erlebnisse lagen in einem Sondergedächtnis abrufbereit und wurden ganz unmittelbar geschildert.

Wie glaubwürdig sind die Erinnerungen?

Lamparter: Sehr glaubwürdig. Die Erzählungen sind detailgetreu und authentisch.

Muss man zwischen Feuersturm-Opfern und Bunker-Opfern unterscheiden?

Lamparter: Schwierig. Beim Feuersturm gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten –überleben oder nicht. Zu den typischen Bombennächten gehört die dauerhafte Belastung, die Routine der immer wiederkehrenden nächtlichen Bombenalarme.

Wie viele Menschen wurden in den Nächten traumatisiert?

Lamparter: Das ist schwer in Zahlen zu fassen. Es gibt aber Erhebungen, wie gesund einzelne Jahrgänge sind. Und da sind Kriegserfahrungen und gerade die Bombennächte für diese Generationen eine relevante Größe. Wer Bombennächte erlebt hat, hat gesundheitliche Nachteile.

Sind das Erinnerungen, die erst Jahrzehnte später aufbrechen können?

Lamparter: Ja. Ein Trauma wird mit einer Kapsel umgeben und in die Tiefen des Gedächtnisses heruntergelassen. Daneben funktioniert man, lebt sein Leben, gründet eine Familie, baut ein Haus. Vielleicht finden diese Menschen ein Feuerwerk schrecklich, aber sonst funktionieren sie unbeeindruckt von ihren Erlebnissen. Dann im Ruhestand oder in einer existenziellen Krise wird das Trauma wieder aktiviert – ich hatte in meiner Praxis einen Patienten, dem Rowdys seinen Motorroller abgefackelt hatten – und daraufhin entwickelte er eine massive posttraumatische Störung.

Gibt es Muster der Verarbeitung?

Lamparter: Zunächst ging es ums Überleben. Nach dem Krieg war vielen wichtig, eine Familie aufzubauen oder im Beruf Karriere zu machen, sein eigenes Glück zu finden. Sie wollten vom Krieg nichts mehr wissen. Es gibt aber auch viele, die mit der jüngeren Generation und deren Glück hadern und eine bittere Komponente entwickeln. Und es gibt die Traumatisierten: Wenn die Sonne untergeht, sehen sie den Feuerschein über Hamburg.

Sie haben auch mit den Kindern der Bombenopfer gesprochen. Wie wurden die Erfahrungen weitergegeben?

Lamparter: Wichtig ist, ob die Menschen über ihre Erlebnisse erzählt haben. Schätzungsweise ein Drittel hat eher geschwiegen.

Wie wichtig war es, über das Erlebte zu sprechen?

Lamparter: Früher dachte man in der Psychologie, es sei besser, nicht darüber zu sprechen, um damit fertig zu werden. Inzwischen ist die moderne Forschung zu anderen Erkenntnissen gekommen: Es ist viel besser, immer wieder und auch in den Details davon zu erzählen. Das wünschen die Zeitzeugen geradezu – sie wollen darüber reden. Und haben eine wichtige Botschaft an die folgenden Generationen: Vergesst das nicht! Daher nehmen sie die oft schmerzhafte Erinnerung auf sich.

Gab es eine unbewusste Weitergabe an die nächste Generation?

Lamparter: Das haben wir versucht herauszuarbeiten. Nach zehnjähriger mühseliger Arbeit sind wir etwa zu dem Ergebnis gekommen, dass gerade Mütter auf ihre Töchter ein besonderes Angstsystem übertragen können.

Sie zitieren im Buch den Fall der Tochter, die nur zwei Kinder haben wollte: „Ich habe nur zwei Kinder, damit ich an jeder Hand eins halten kann.“

Lamparter: Da wird eine Kriegserfahrung weitergegeben – immer fluchtbereit zu sein.

In manchen Familien gibt es Erinnerungsstücke an den Feuersturm, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Lamparter: Ja, diese sogenannte Reliquien tauchen häufig auf. Manche haben noch viel später in den Trümmern nach Erinnerungsstücken gesucht, um irgendetwas zu finden, einen Löffel, eine Kachel, Weihnachtsschmuck, einen Schuh. Diese Dinge haben einen ungeheuren Stellenwert.

Wie lange wird der Feuersturm noch Schatten auf die Stadt und seine Bewohner werfen?

Lamparter: Große Schatten sehe ich eigentlich nicht mehr. Die Enkelgeneration ist davon relativ unbelastet, das ist die gute Nachricht: Es gibt eben keine ewige Kette, sondern diese Erinnerungen werden ausgewaschen.

In der Stadt sind die Erinnerungen – abgesehen von der Turmruine St. Nikolai – seltsam unpräsent. Man muss Spuren geradezu suchen.

Lamparter: Das finde ich auch merkwürdig. Selbst das Denkmal am Rathausmarkt gedenkt der Toten beider Weltkriege und bleibt damit ungenau. In Dresden ist die Erinnerungskultur anders, was auch an der DDR lag, die das Gedenken stets lebendig hielt. In Hamburg ist der Bombenkrieg weniger präsent: Ich bin einmal mit einem Patienten nach Hammerbrook gegangen. Er hat als Kind mit seinem Bruder in dem Schatten eines Mäuerchens überlebt, die Mutter war erstickt. Das Mäuerchen stand noch. Die Orte liegen teilweise unverändert da. Aber die Erlebnisse der Menschen in dieser Trümmerlandschaft kommen im kollektiven Gedächtnis kaum vor.

Aber in der Gedenkarbeit ist etwas in Bewegung geraten ...

Lamparter: Ja, da ist schon einiges aufgebrochen. In den Friedensgruppen der 80er-Jahre begann für viele die Auseinandersetzung mit dem Krieg. In den 90er-Jahren gab es dann eine Selbstentdeckung der Generation der „Kriegskinder“ mit ihrer gemeinsamen Kriegserfahrung. Der historische Abstand ist mancherorts geschmolzen.

Zeitzeuge: "Straßenbahnschienen rechten aus dem Boden steil gen Himmel"

Detlef Schümann, Jahrgang 1937, lebte damals in Barmbek: Zu meinen frühesten Erinnerungen gehört, dass wir so oft rauf- und runtergelaufen sind, weil es immer wieder Alarm und oft auch Fehlalarm gab. Fast alle Frauen waren damals Luftschutzhelferinnen, auch meine Mutter.

Auch am 27. Juli verbrachten wir die Nacht im Keller, und ich weiß noch, dass meine Oma dabei war, die aus Eilbek zu uns gekommen war. Das hat wahrscheinlich ihr Leben gerettet, denn das Haus wurde völlig zerstört. Im Keller wackelten die Wände, daran erinnere ich mich noch. Gegen 5 Uhr morgens mussten wir dann alle raus, denn das Haus war von Brand- und Phosphorbomben getroffen worden. Der ganze Straßenzug brannte. Straßenbahnschienen reckten aus dem Boden steil gen Himmel. Viele flüchteten zu Fuß Richtung Walddörfer. Bald kam das Rote Kreuz und verteilte Decken und Kaffee. Der wurde aber nicht getrunken, sondern zum Befeuchten der Decken genutzt, die man uns Kindern umlegte. Ich weiß noch, wie unerträglich heiß es war. Ich wurde auf einen der bereitgestellten Lkw gesetzt. Dann kam ein sehr dicker Mann hinauf – zum Glück wurde er von anderen gleich wieder heruntergezerrt, sodass mein Bruder jetzt noch Platz fand.

Durch die brennende Stadt fuhren wir Richtung Ahrensburg. Dort kamen wir mit meiner Mutter auf Güterwaggons und fuhren Richtung Lübeck. Weil auch die Bahntrasse beschädigt wurde, ging es nur sehr langsam voran. Kurz vor Lübeck hielt der Zug wieder auf freier Strecke. Meine Mutter öffnete die Waggontür und ging mit uns querfeldein zu unserer Oma, die eine kleine Konditorei hatte. Wir waren total übermüdet und furchtbar dreckig, aber meine Oma hat uns gleich ins Bett gelegt, wo ich sofort eingeschlafen bin. Später sind wir nach Bergrade gefahren, ein Dorf in Lauenburg, wo mein Opa lebte. Dort wurde ich auch eingeschult.

Als die Engländer kamen, war das sehr angenehm für uns: Für mich, weil sie kinderlieb waren, und für meine Mutter, weil sie einen Job als Wäscherin bekam. Bezahlt wurde sie mit Schokolade und Zigaretten, mit denen sie dann zum Tauschen auf den Schwarzmarkt nach Hamburg gefahren ist. Ich bin erst nach der Schule nach Hamburg zurückgekehrt, um eine Ausbildung zu machen.

Zum Weiterlesen
Ulrich Lamparter (Hg.): Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms 1943 und ihre Familien: Forschungsprojekt zur Weitergabe von
Kriegserfahrungen; Vandenhoeck & Ruprecht, 384 Seiten, 45 Euro