Als 900.000 Hamburger auf der Flucht waren

Unmittelbar nach einem Angriff auf Wilhelmsburg flüchten diese Frauen in Richtung Süden. Einige können sogar in die Kamera lachen – erleichtert, dass sie leben

Unmittelbar nach einem Angriff auf Wilhelmsburg flüchten diese Frauen in Richtung Süden. Einige können sogar in die Kamera lachen – erleichtert, dass sie leben

Foto: Staatliche Landesbildstelle Hamburg

Den Bombenangriffen folgt ein enormer Exodus. Die geregelte Evakuierung ist kaum möglich. Teil 10 der Serie zum 75. Gomorrha-Jahrestag.

Hamburg. Die permanente Bombardierung der Stadt, nicht wenige sprechen auch heute noch von regelrechten Terrorangriffen gegen die Zivilbevölkerung, hatte einen kaum fassbaren Aderlass zur Folge. Im Mai 1939 hatte Hamburg noch fast 1,7 Millionen Einwohner, im Mai 1945 werden es nur noch 1,1 Millionen sein. Im Spätsommer 1943 erreichte die Einwohnerzahl mit weit unter 800.000 ihren niedrigsten Stand. Ein Rückblick.

Mit jedem Luftangriff steigert sich die Unruhe in der Bevölkerung. Nachdem ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt worden waren, ist die Gefährlichkeit der Lage nicht mehr zu bestreiten. Die Menschen, von denen viele ja ohnehin ihr Zuhause verloren haben, lassen sich nicht mehr beschwichtigen. Sie müssen schnell aus der Stadt gebracht werden.

Die Evakuierung – offiziell ist von „Umquartierung“ die Rede – liegt in den Händen der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), die nach dem Verbot der Arbeiterwohlfahrt weitgehend deren Aufgaben übernommen hat. Nach den verheerenden Luftangriffen geht es zum einen darum, die verzweifelten Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen, zum anderen soll der Exodus der aus der Stadt Flüchtenden einigermaßen organisiert werden. Als Evakuierungsgebiet werden gezielt „heimatnahe“ Gegenden, vor allem in Schleswig-Holstein und dem heutigen Niedersachsen ausgewählt. Erst später, als der Platz im Hamburger Umland immer knapper wird, folgen auch „Umquartierungen“ in weiter entfernt liegende Regionen.

Exodus aus Hamburg

Da die zentralen Hamburger Bahnhöfe nach mehreren Großangriffen durch Bombentreffer zerstört oder beschädigt sind, werden die sogenannten Fliegergeschädigten mit Lkws, Bussen, Pferdefuhrwerken und Wehrmachtsfahrzeugen zu den weiter auswärts liegenden Bahnhöfen, zum Beispiel Bergedorf und Altona, transportiert und dort in Züge verfrachtet.

Menschen werden mit Lkws und Schiffen fortgebracht

Zeitzeuge Wilfried Drust, der sich während des Feuersturms mit seinem Bruder im Hammer Park versteckt hatte, erinnert sich: „Wir wurden zunächst nach Großensee gebracht. Dort schliefen wir, der Sommer war ja heiß, in einem Straßengraben – und sahen Hamburg in der Ferne brennen. Am nächsten Tag sind wir nach Niendorf in der Lübecker Bucht gebracht worden, dort hatte man Plätze in Pensionen für die Ausgebombten beschlagnahmt. Die Strände und das Wasser, das erinnere ich noch, waren schwarz vor Asche.“

Auch Elbschiffe kommen zum Einsatz, die „Ausgebombte“ beispielsweise auf Höhe der Elbbrücken nach Osten bringen, unter anderem in den Raum Hitzacker (siehe Infostück). Zeitzeuge Uwe Hasse, der das Inferno in Hammerbrook er- und überlebt hat, berichtet: „Am nächsten Tag schlugen wir uns bis zur Elbe durch, wo wir mit Schuten Richtung Lauenburg evakuiert wurden. Unterwegs zum Wasser habe ich Leichen gesehen. An der Banksstraße gab es Leichenberge, ganz schlimm war auch der Heidenkampsweg, der mit Leichen übersät war.“

Nachdem viele der offiziellen Sammelstellen zerstört worden waren, werden Großsammelplätze im Freien organisiert, von denen die meisten (eine Ausnahme: die Moorweide) am Stadtrand liegen. An diesen Sammelstellen werden die Verzweifelten sehr gut verpflegt. Neben reichlichen Mahlzeiten gibt es auch Bohnenkaffee, Zigaretten und Süßwaren, sogar Freibier. Auch an vielen Zielbahnhöfen stehen warmes Essen, Zigaretten und Getränke bereit. Neben Mitarbeitern von NSV und Rotem Kreuz kümmern sich auch dienstverpflichtete Jugendliche von Hitlerjugend und BDM bis zur totalen Erschöpfung um die Bombengeschädigten. Zeitzeugen berichten allerdings, dass viele Menschen offenbar so unter Schock stehen, dass sie kaum etwas essen können.

Zwischen Fatalismus und Solidarität

Die Stimmung vor Ort wird als fatalistisch beschrieben, auch von viel Solidarität untereinander ist oft die Rede. „Meine Eltern nahmen eine fünfköpfige Familie von der Großen Freiheit bei sich auf, ohne sie zu kennen“, schreibt Abendblatt-Leserin Hilde Tesdorpf. Der gemeinsame Kummer verbindet auch. Gedrängel ist eher selten, die Menschen wehklagen auch nicht oder wenig. Manche scheinen mit ihrem Leben abgeschlossen zu haben, andere sind schlichtweg psychisch und physisch am Ende.

Je schlimmer der Bombenkrieg wütet, desto stärker zerfasert die geregelte Evakuierung, und immer häufiger drücken offizielle Stellen bei der Abfertigung der Leidgeprüften ein Auge zu. Zwar hatten die Flüchtenden ursprünglich eine „Abreisebescheinigung“ vorzulegen, die sie zu einer kostenlosen Bahnfahrt berechtigt, aber angesichts der Menschenmassen, die Hamburg Ende Juli verlassen wollen, wird bald nicht mehr danach gefragt. Die Formalien werden zumeist – wenn überhaupt – erst am Ankunftsort erledigt. Immer stärker verliert die Bürokratie angesichts der Dimension des Schreckens an Bedeutung.

Wer persönlich die Unterbringung bei Verwandten im Hamburger Umland organisieren kann, wird dabei von den staatlichen Stellen unterstützt. Die dafür ursprünglich geforderte „Verwandten-Meldekarte“ interessiert nach kurzer Zeit nicht mehr.

Mit der Schute raus aus Hamburg – Teil 10
Mit der Schute raus aus Hamburg – Teil 10

Die Ausgebombten sollen nicht unnötig gereizt werden

„Ein Bus brachte uns nach Schwarzenbek, wo die Reichsbahn einen Zug für die Flüchtenden einsetzte“, erinnert sich Zeitzeuge Peter Grieve. „Am Abend kamen wir in Schönbeck an der Elbe bei meiner Großtante an. Ich sehe heute noch die entsetzten Gesichter der Familie, als wir von Ruß schwarz, mit versengten Haaren und entzündeten Augen im Garten plötzlich vor ihnen standen.“

Auch die Menschen, die auf eigene Faust aus der Stadt flüchten, ein paar Habseligkeiten auf Koffer oder Karren verteilt, werden nicht aufgehalten. Die Polizei hat strikte Order, nur „helfend und behutsam lenkend“ einzugreifen, um die traumatisierten Menschen nicht unnötig zu reizen. Überhaupt soll das angesichts der Umstände insgesamt sehr gute Funktionieren des gesamten Hilfsapparats dazu beitragen, dass sich bei den Hamburgern die Verzweiflung über das Erlebte nicht in offener Auflehnung gegen das NS-Regime entlädt.

Am Morgen des 28. Juli 1943 wird ein Aufruf von Gauleiter Karl Kaufmann veröffentlicht (heute verwahrt im Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte), in dem es unter anderem heißt, die Überwindung der Katastrophe erfordere von der Hamburger Bevölkerung die Haltung von Soldaten. „Unsere erste Fürsorge muss den Verletzten, den Frauen und Kindern gelten. Von den Männern fordere ich Einsicht in die Pflicht auszuharren, zu helfen und das Los der am schwersten Betroffenen zu lindern.“

Schon am 26. Juli war in den Zeitungen eine Warnung erschienen, wonach das Verlassen Hamburgs nur mit einer besonderen Genehmigung gestattet sei. Doch solche Appelle verhallen spätestens nach dem Feuersturm ungehört. Wie die Historikerin Prof. Ursula Büttner nachweist, verlassen nun auch dienstverpflichtete Männer in großer Zahl die Stadt, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. „Selbst Beamte, Betriebsführer und sogar ,Einsatzgruppenleiter‘, die ausdrücklich verpflichtet worden waren, auch bei Bombenschaden auf dem Posten zu bleiben, schlossen sich der allgemeinen Flucht an“, so Büttner.

Flüchtende stoßen im Umland auch auf Ablehnung

Nachdem der Kreisleiter von Barmbek/ Uhlenhorst am 27. Juli eigenmächtig Befehl gegeben hat, dass alle Bewohner das Gebiet bis um 18 Uhr zu räumen hätten, notiert Bürgermeister Karl Vincent Krogmann in sein Tagebuch: „Große Aufregung. Dienststellen ohne meinen Befehl geschlossen. Die Bevölkerung verlässt fluchtartig die Stadt. Eine geregelte Verwaltung nicht möglich, da ein großer Teil der Beamten mit ihren Familien Hamburg verlassen hat.“ Von der viel beschworenen „Volksgemeinschaft“ ist im Umland häufig nicht mehr viel zu spüren.

„Wir wurden in der Nähe von Otterndorf einquartiert, wo die Bevölkerung alles andere als freundlich zu uns war“, berichtet Zeitzeugin Ilse Heile. Und Abendblatt-Leserin Eva Grell schreibt ironisch: „Wir waren in Husum nicht gerne gesehen. Das änderte sich erst, als die Flüchtlinge aus dem Osten kamen. Die wurden noch schlimmer angesehen.“

Wer sich nach auswärts durchgeschlagen hatte, war damit noch nicht unbedingt in Sicherheit. „Wir sind nach Stade geflüchtet, wo wir dann die vierte Angriffswelle erlebten“, so Zeitzeuge Peter Schütt. „Weil über Hamburg ein schweres Gewitter tobte, warfen die Flugzeuge viele Bomben über dem Stader Gebiet ab. Etliche Häuser im Dorf brannten, mein Vater half beim Löschen.“ Das gleiche erinnert Zeitzeuge Wilfried von Rautenkranz, der in Hamburg mehrere Angriffe überstanden hatte, aus dem Raum Uelzen. „Wir wähnten uns in Sicherheit, als ein Bauernhof angegriffen wurde und alle in Deckung sprangen. Eine Scheune geriet in Brand. Ein Mann, der den ganzen Weg aus Ostpreußen geschafft hatte, kam beim Löschen um. Das war das erste Mal, dass ich wirklich fertig war, einfach nicht mehr konnte.“

Zeitzeugin Ingrid Heidtmann

Ingrid Heidtmann, Jahrgang 1931, aus Hammerbrook. Sie erlebte Feuersturm und Flucht am Heidenkampsweg: „Wir hatten Angst im Keller zu sterben, deshalb wagten wir einen Ausbruch. Wir rannten zum Stoltenpark, wo wir bis zum Morgengrauen ausharrten. Im Laufe des Vormittags hieß es, dass an den Elbbrücken Schuten bereitlägen. Wir sind dort hingegangen, und wurden dann nach Hitzacker gebracht. Wir alle hatten nur noch das, was wir am Körper trugen. In Hitzacker gab es ein provisorisches Auffanglager; ich weiß noch, wie schmutzig wir alle waren. Wir wurden dann nach Franken gebracht.

Meine Mutter schaffte es kurz nach Kriegsende irgendwie, mit uns nach Hamburg zu fahren. In Harburg hielten alle Züge, denn Hamburg war Sperrgebiet. Aber über Beziehungen brachte meine Mutter uns alle hinein. Wir fuhren zu einer Tante, die eine Gartenlaube hatte – dort wohnten wir dann zu zehnt. Die Verhältnisse wären heute unvorstellbar, aber wir waren dankbar, dass wir nicht obdachlos waren.“