Luftangriffe: Die Perfektionierung des Grauens

Dieses Foto wurde am 2. August 1943 aus einem britischen Bomber über Hamburg aufgenommen

Dieses Foto wurde am 2. August 1943 aus einem britischen Bomber über Hamburg aufgenommen

Foto: SSPL/Getty Images

Die Erfindung des Flugzeugs elektrisierte die Militärs weltweit. Teil 3 der großen Abendblatt-Serie zum 75. Jahrestag.

Hamburg. Es ist traurige Gewohnheit in der Menschheits­geschichte geworden, dass nach bedeutenden Entdeckungen und Erfindungen die Militärs stets zu den ersten Interessenten gehören. Das war bei der Eisenbahn nicht anders als beim Funk oder der Kernspaltung. Manchmal sind sie sogar schneller als die Erfinder. „Die Luftfahrt wird für das Militär so wichtig wie die Erfindung des Schießpulvers“, stellte der britische Major J. D. Fullerton fest. Erstaunlicherweise sagte er das 1893 – zehn Jahre, bevor die Brüder Wright mit ihrem „Flyer“ auch nur den ersten Hüpfer machten.

Nie zuvor hat etwas die Fantasie der Generäle so „beflügelt“ wie die Aussicht, Krieg aus der Luft führen zu können. Der Gedanke, weit hinter der Frontlinie den Gegner schädigen zu können, war zu verlockend, als dass er nicht bei erster Gelegenheit in die Tat umgesetzt worden wäre.

Der erste Luftangriff der Geschichte datiert sogar schon aus dem Jahr 1849, als die Österreicher Ballons zum Bombenabwurf über Venedig einsetzten – was weitgehend wirkungslos blieb. Italiener waren dann die Ersten, die Bomben aus Flugzeugen abwarfen: Während des Krieges gegen das Osmanische Reich warf ein Pilot am 1. November 1911 ein paar Zwei-Kilo-Bomben per Hand über einem türkischen Feld­lager ab.

Im Ersten Weltkrieg setzten die Deutschen als Erste auf dieses Mittel: Schon wenige Tage nach Eröffnung der Feindseligkeiten fielen am 6. August 1914 die Sprengsätze auf Lüttich. Gut vier Monate später erreichte der Bombenkrieg Großbritannien – ein deutsches Luftschiff warf am 24. Dezember 1914 (!) Bomben auf Dover Castle ab. Das Ziel wurde verfehlt, das Geschoss landete im Pfarrgarten von St. James.

Schon im Ersten Weltkrieg gab es Bomberflotten

Zunächst wurden vor allem Zeppeline eingesetzt, die eine viel größere Reichweite und Tragfähigkeit als die damaligen Flugzeuge hatten. Doch Briten und Franzosen entwickelten eine spezielle Brandmunition, mit der die Kolosse zu leichter Beute wurden – vom Frühjahr 1917 an wurden sie nicht mehr als Bomber eingesetzt. Jetzt gab es große Flugzeuge (der Gotha-Klasse und sogenannte „Riesenflugzeuge“ mit bis zu 40 Metern Spannweite), die Angriffe flogen. Auch wenn das nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Grauen im nächsten Krieg war, ließen doch knapp 2000 Zivilisten in Großbritannien und Deutschland ihr Leben.

Die Zerstörungen waren marginal, dennoch erfüllte der Bombenkrieg im Kalkül der Planer seinen Zweck – denn der jeweilige Gegner musste Mittel für die Flugabwehr bereitstellen, die an der Front fehlten. Außerdem setzte man auf einen psychologischen Effekt, weil erstmals in der Geschichte ein Krieg führendes Land – zumindest theoretisch – jederzeit und überall angreifbar war.

Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges hatte kein Militärstratege Zweifel an der entscheidenden Bedeutung der Luftstreitkräfte. Deutschland und die Alliierten gingen allerdings unterschiedliche Wege. Großbritannien und die USA hatten sich entschieden, strategische Bomberflotten aufzubauen, während Nazi-Deutschland darauf verzichtete (was auch technische, finanzielle und Kapazitätsgründe hatte). Beide Seiten zogen ihre Schlüsse aus dem katastrophalen Verlauf des Ersten Weltkrieges: Die gewaltige Zahl der Opfer im jahrelangen Stellungskrieg, die niemand im Vorfeld für möglich gehalten hatte, war und blieb ein Trauma der Generäle. So war es das Ziel aller Kriegsplanungen, den nächsten Konflikt sehr viel schneller zu entscheiden.

Gegner entscheidend schwächen

Eine Erkenntnis war, dass nicht mehr nur die Streitkräfte, sondern die Stärke der Volkswirtschaften und die Bereitschaft der Bevölkerung über Sieg oder Niederlage entscheiden. Genau das war der strategische Ansatz des Bombenkrieges. Zum einen hoffte man, durch Luftangriffe auf Schlüsselindus­trien und Verkehrsknotenpunkte den Gegner entscheidend schwächen zu können. Und zum anderen, die Menschen so sehr zu demoralisieren, dass der Wille weiterzukämpfen erlahmte.

Bei den Briten stand dafür die „Trenchard-Doktrin“, benannt nach dem Kommandeur der Royal Air Force (RAF), Hugh Trenchard. Demnach ist die Zerstörung der Rüstungsindustrie und der Transportwege des Gegners jeder Feldschlacht vorzuziehen. Der Air-Marshal trat zwar schon 1929 ab, er leitete aber die Entwicklung der Bomberflotte und spezieller Brandbomben ein. Während es bei Trenchard noch um Ziele mit rein militärischer Bedeutung ging, wurde später daraus die „Anweisung zum Flächenbombardement“ vom 14. Februar 1942. „It has been decided that the primary objective of your operations should be focused on the morale of the enemy civil population and in particular the industrial workers“, heißt es darin: Man wolle die Moral der Zivilbevölkerung brechen und besonders die der Industriearbeiter.

Nazi-Deutschland setzte zunächst auf eine militärische Offensivstrategie, die das schnelle Vordringen von Panzerverbänden vorsah – eng koordiniert mit gezielten Angriffen der Luftwaffe („Blitzkrieg“). Die Bomber hatten dabei in der Regel strategische Ziele – dass aufgrund mangelnder Zielgenauigkeit auch Zivilisten getötet wurden, war zumindest ein willkommener Neben­effekt. Und Effekte wie die Sirenen der „Stukas“ zielten natürlich darauf, die Bevölkerung zu terrorisieren.

Die verheerenden Angriffe etwa auf Warschau und Rotterdam werden von den meisten Experten dennoch nicht als Kriegsverbrechen eingeordnet, da es sich um Städte handelte, die bewaffnet und verteidigt waren. Dass dies für die Opfer des Bombenhagels nicht den geringsten Unterschied machte, sondern wie eine zynische völkerrechtliche Spitzfindigkeit wirken musste, steht auf einem anderen Blatt. Und zumindest im Falle Warschaus hat die Luftwaffe (und die schwere Artillerie) auch gezielt reine Wohngebiete bombardiert. Die Zahl der zivilen Opfer in der polnischen Hauptstadt wird auf 26.000 geschätzt.

Der Angriff auf Rotterdam am 14. Mai 1940 war in vielerlei Hinsicht tragisch. Die Wehrmacht hatte die Stadt zur Aufgabe aufgefordert, und tatsächlich fanden auch Übergabeverhandlungen statt. Allerdings war bereits eine Bomberflotte unterwegs – und ein Teil der Flugzeuge erreichte der Befehl zum Abbruch des Angriffs nicht mehr. Obwohl ein (im Vergleich zu späteren) relativ kleiner Angriff, war die Wirkung furchtbar: Die mittelalterliche Altstadt wurde komplett zerstört, auch weil eine Bombe einen Knotenpunkt der Wasserversorgung traf – so konnte die Feuerwehr nicht löschen. Mehr als 800 Menschen starben, 25.000 Wohnungen brannten aus. Der Angriff war mit weniger als 50 Bombern geflogen worden, das führte zu dem Irrglauben, dass jede Stadt mit vergleichsweise geringem Aufwand völlig zerstört werden könne.

Hitler untersagte Angriffe auf Wohngebiete

Die relative Zurückhaltung der deutschen Luftwaffe in Großbritannien – tatsächlich hatte Hitler zunächst alle Angriffe auf reine Wohngebiete untersagt – hatte taktische und propagandistische Gründe. Hitler hatte 1940 die Hoffnung nicht aufgegeben, mit Großbritannien doch noch Frieden schließen zu können. Dies wollte er sich durch „Terrorangriffe“ auf Wohngebiete nicht verbauen.

Ganz anders stellte sich die Situation für die Briten dar, die bis zum Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 allein dastanden. Vom europä­ischen Festland völlig verdrängt, konnten sie nur ihre Flotte einsetzen – und die Royal Air Force. 1940 war Großbritannien im Fokus der deutschen Angriffe. Nach dem Sieg über Frankreich im Juni konnte die Luftwaffe die Basen an der Kanalküste nutzen, um nach kurzem Anflug die Insel zu bombardieren und die Voraussetzungen für eine Invasion zu schaffen („Luftschlacht von England“). Die Bombenangriffe richteten sich auch jetzt zuerst gegen militärische Ziele (Flugplätze, Radarstationen, Rüstungsindustrie) – die Bevölkerung empfand diesen „German Blitz“ naturgemäß völlig anders, denn es wurden auch Zivilisten getötet.

Schulunterricht oder Luftangriff – Teil 3
Schulunterricht oder Luftangriff – Teil 3

Das galt vor allem für den Angriff auf die Stadt Coventry am 14. November 1940, als die Invasionspläne längst in der Schublade verschwunden waren. Die Industriemetropole in den Midlands mit 320.000 Einwohnern war ein Zentrum des Fahrzeug- und Motorenbaus, vor allem für Flugzeuge. Die Betriebe waren aber über das ganze Stadtgebiet verteilt, Wohnsiedlungen oft in unmittelbarer Nachbarschaft – das war typisch für früh industrialisierte Städte.

Die Luftwaffe ging systematisch vor: Zunächst wurden Leuchtbomben geworfen, die als Zielmarkierung dienten („Tannenbäume“). Dann folgten Sprengbomben und Luftminen, mit denen Dächer und Fenster zerstört und Löcher in die Straßen gesprengt wurden, sodass Hilfsmaßnahmen erschwert wurden. Schließlich wurden in mehreren Wellen Spreng- und vor allem Brandbomben abgeworfen, deren Wirkung in den fensterlosen und abgedeckten Häusern verheerend war. Der Angriff erfolgte von 19.20 Uhr bis in die Morgenstunden: 568 Menschen wurden getötet, rund 1000 verletzt. Dreiviertel der Industrieanlagen und 4000 Wohnungen wurden zerstört, auch die Kathedrale brannte nieder.

Nicht nur die Deutschen, auch der spätere Chef des „Bomber Command“, Arthur Harris, analysierte diesen Angriff genau. Coventry wirkt wie eine Blaupause für die Vorgehensweise der RAF in den kommenden Jahren.

„Bomber Command“ sollte aufgelöst werden

Während des Jahres 1941 aber ging die RAF noch anders vor; sie bombardierte viele Ziele in Deutschland vor allem mit Sprengbomben. Die Ergebnisse waren ernüchternd: Die Zielgenauigkeit war gering, die Wirkung deutlich schwächer als kalkuliert. Es gab sogar Pläne, das Bomber Command aufzulösen. Harris, der im Februar 1942 zum Chef befördert wurde, konnte das verhindern. Jetzt wurde die Direktive zum Flächenbombardement erlassen – und die RAF musste den Beweis antreten, dass es funktioniert.

Als erste Stadt musste Lübeck im März 1942 die neuen Fähigkeiten der Air Force ertragen. Die Stadt war wegen ihrer Lage und Größe als Testfeld ausgewählt worden – die strategische Bedeutung galt auch den Briten als gering. Bei Vollmond hatten die Angreifer der kaum verteidigten Stadt leichtes Spiel und entfachten einen Feuersturm: 320 Tote und knapp 800 Verletzte gab es in der Nacht zum 29. März 1941; 3600 Gebäude in der Altstadt wurden zerstört, darunter der Lübecker Dom.

Am 31. Mai gab es sogar einen 1000-Bomber-Angriff: auf Köln. Ursprünglich sollte es Hamburg treffen, doch die Wetterlage ließ dies nicht zu. Harris wollte vor allem einen Propaganda-Erfolg, deshalb zog er unter großen Mühen alle Flugzeuge zusammen, die er bekommen konnte – zum Teil mit Flugschülern in den Cockpits. Das Kalkül (Überforderung der deutschen Luftabwehr und der Rettungskräfte) ging auf. Die Zahl der Toten wird mit 486 angegeben, aber 35.000 Gebäude waren zerstört oder beschädigt.

Rüstungsindustrie nicht entscheidend getroffen

In den folgenden Jahren wurden die Luftangriffe immer verheerender. Die Amerikaner setzten ihre Bomberflotten jetzt ein (allerdings lehnten sie „moral bombings“, also reine Angriffe auf Wohngebiete ab), die RAF hatte immer mehr schwere viermotorige Bomber zur Verfügung und perfektionierte das Zerstörungswerk. Gleichzeitig wurde die deutsche Abwehr immer schwächer, schließlich fast bedeutungslos.

Grausamer Höhepunkt der Angriffe war die „Operation Gomorrha“, die Ende Juli bis Anfang August 1943 Hamburg traf. Die Zahl der Toten (mindestens 35.000) und das Ausmaß der Zerstörung überstiegen jede bisherige Vorstellungskraft. Bis Ende April 1945 wurden Angriffe auf deutsche Städte geflogen, auch dann noch, als militärisch lohnenswerte Ziele kaum noch vorhanden waren. Die Wirkung des Luftkrieges ist umstritten. Natürlich haben sie der Bevölkerung zugesetzt – Hoffnungen auf Wider- oder gar Aufstände gegen Hitler erfüllten sich aber nicht. Militärisch wirkungslos war der Bombenkrieg keineswegs, denn Deutschland war gezwungen, erhebliche Mittel für die Luftabwehr einzusetzen, die somit an den Fronten fehlten.

Die deutsche Rüstungsindustrie wurde bei den Angriffen aber nicht so entscheidend getroffen, wie die Planer kalkuliert hatten. Trotz der massiven Bombardements erreichte die Rüstungsproduktion Ende 1944 ihren Höhepunkt. Viele Betriebe waren unter die Erde verlegt worden. Der Preis dafür war grausam: Millionen Zwangsarbeiter schufteten in der Rüstungsindustrie unter unmenschlichen Bedingungen. Wie viele dabei umkamen, kann nur geschätzt werden, doch die Zahl war gewaltig.