"Junge, Junge, das ist der reinste Weltuntergang"

Trümmer, Trümmer, Trümmer – mehr blieb von vielen Straßenzügen wie diesem nahe der Spaldingstraße nicht

Trümmer, Trümmer, Trümmer – mehr blieb von vielen Straßenzügen wie diesem nahe der Spaldingstraße nicht

Foto: Staatsarchiv Hamburg Nachlass Erich Andres

1943 zerstörten alliierte Bomber große Teile Hamburgs. Wolfgang Starke schildert, wie Altona brannte – Teil 1 der Abendblatt-Serie.

Da ließ der Herr Schwefel und Feuer vom Himmel auf Sodom und Gomorra herabfallen. Er vernichtete die beiden Städte und die ganze Gegend, ihre Bewohner und alles, was dort wuchs. (1. Buch Mose 19,24–25)


Der Sommer 1943 war ein ungewöhnlich heißer und trockener. In den zurückliegenden Wochen war es für die Hamburger ungewohnt ruhig geblieben, kaum ein Bombenangriff schreckte sie aus ihrer Nachtruhe. Der Krieg währte bald vier Jahre, und mit der Schlacht von Stalingrad hatte das Reich eine schwere Niederlage einstecken müssen. Der Krieg, den die Deutschen mit der Luftschlacht um England in die Städte getragen hatten, schlug mit zunehmender Wucht zurück. Das Kriegsvölkerrecht, wonach die Zivilbevölkerung zu schonen sei, ignorierten längst beide Seiten. Die Briten sahen sich in der Defensive, noch herrschten Nazideutschland und seine Verbündeten über große Teile Europas.

Im Februar 1942 war Arthur Harris Oberbefehlshaber des britischen Bomberkommandos geworden. Er setzte auf Großangriffe mit Flächenbombardements, die nicht nur kriegswichtige Indus­trien, sondern auch die Infrastruktur und Arbeiterviertel treffen sollten. Die Royal Air Force hoffte, mit diesem „morale bombing“ die Kampfmoral der Deutschen zu brechen. Das erste Flächenbombardement zerstörte Ende März 1942 die historische Altstadt von Lübeck; der erste 1000-Bomber-Angriff traf Ende Mai 1942 Köln.

Hafenstädte waren wegen ihrer Topografie besonders einfache Ziele. Der Großangriff auf Hamburg war von der Royal Air Force über Wochen vorbereitet worden – die „Operation Gomorrha“, die als bis dahin schwerster Luftangriff in die Geschichte eingehen sollte. Sie würde 35.000 Menschen töten, einen apokalyptischen Feuersturm entfachen und ganze Stadtteile für immer zerstören. Von alledem wussten die Hamburger in diesen Sommertagen nichts. Sie ahnten nicht, was auf sie zukam.

In den vergangenen Wochen hat das Hamburger Abendblatt Zeitzeugen um Erinnerungen gebeten. Das Echo war überwältigend. Mehr als 300 Zuschriften sind bereits eingegangen: Leserinnen und Leser haben lange handschriftliche Erinnerungen zu Papier gebracht, Bücher eingesandt und CDs geschickt. Insgesamt 15 Zeitzeugen trafen sich in der Redaktion zu einem Erinnerungsgespräch. Den Serienauftakt machen die Memoiren von Wolfgang Starke. Der Goldschmied aus Altona, 1928 geboren und 2007 gestorben, hat in eindrucksvoller Weise den ersten Angriff auf Altona beschrieben. „Der Feuersturm hat ihn sein Leben lang nicht losgelassen“, sagt seine Schwester Ingrid Starke. Sie hat nach dem Tod ihres Bruders das Buch im Juli 2014 fertiggestellt. Wolfgang Starke hatte das Buch der Stadt Altona gewidmet, „deren Herzstück in Rauch und Flammen des Zweiten Weltkriegs unterging“. Das Kapitel „Altona brennt“ beschreibt in Auszügen die Nacht vom 24. Juli 1943. Der damals 14-Jährige hatte ein paar Tage bei Verwandten in Straßburg verbracht; wegen des großen Sportfests auf dem Heiligengeistfeld am 25. Juli, bei dem er als Ordner eingeteilt war, musste er zurückreisen.


Zeitzeuge Wolfgang Starke erinnert sich

Aus Straßburg zurückgekommen, gibt es viel zu erzählen, und dann wird es allmählich Zeit, ins Bett zu gehen, denn morgen, am Sonntag, ist ja das große Sportereignis, und ich muss früh aufstehen. Ich lege mir meine Uniform zurecht und entdecke, dass ich vor meiner Abreise ganz vergessen habe, das Buch „Die Macht der Drei“ der Leihbücherei zurückzugeben – da werde ich einiges nachzahlen müssen. Es ist unerträglich heiß, das Thermometer im Wohnzimmer zeigt weit über 20° C, und ich kann lange nicht einschlafen.

Noch kann ich nicht lange geschlafen haben, als Sirenengeheul mich wieder hochschrecken lässt. Es ist gegen halb eins, und die übliche Prozedur beginnt: schnell anziehen, Fenster öffnen, Helm auf und Gasmaske umhängen, dann das Luftschutzgepäck in den Keller bringen und dort den Hauptgashahn abstellen.

Brandbomben auf Hamburg – Teil 1
Brandbomben auf Hamburg – Teil 1

Wie so oft stehe ich auch diesmal wieder mit Großvater vor dem Haus auf der Straße. Sonst hatte auch noch Herr Wulf, unser Nachbar, mit uns auf den Beginn eines eventuellen Angriffs gewartet, aber seit einiger Zeit geht er mit seiner Familie in den großen Bunker auf der Reeperbahn – unser Hauskeller erscheint ihm nicht mehr sicher genug. Sie kommen etwas verspätet herunter; Frau Wulf trotz der Hitze in ihrem dicken Pelzmantel, den schlaftrunkenen Sohn Peter an der Hand. Ein paar Leute mit Koffern streben eilig in Richtung St. Pauli – auch sie wollen sicher noch zum Bunker. Danach liegen die Straßen wie ausgestorben da.

„Ob sie heute wohl kommen?“, fragt Großvater gedankenvoll, denn wir hatten ja seit dem Frühjahr außer dreimaligem Bombenabwurf durch einzelne Störflugzeuge keinen Angriff mehr gehabt. So hatte sich das Bewusstsein drohenden Unheils weiter verstärkt. Dann plötzlich – es ist kurz vor 1 Uhr – Motorengeräusche. Im Norden geht eine grüne Leuchtkaskade nieder, und wir verschwinden schleunigst im Keller. Kurz darauf bricht ein Inferno über uns herein, wie wir es noch nicht erlebt haben. Unheimliches Rascheln, Krachen, Pfeifen, Klirren und über allem das Dröhnen der Bombermotoren. Es müssen unendlich viele sein, der Lautstärke nach zu schließen. Der Boden schwankt unaufhörlich – so muss es bei einem Erdbeben zugehen, denke ich. Dann erlischt das Licht, und gerade als Tante Riele die Kerze auf dem Tisch anzündet, ein scharfes Knacken im Haus, das trotz des Höllenlärms deutlich zu hören ist.

Eine Brandbombe steckt im Fußboden

„Eine Brandbombe!“, sagt Mutter erschreckt, und nach einem Augenblick der Erstarrung laufen wir alle, außer Großmutter, trotz des Bombenhagels nach oben. Ich renne zunächst auf die Straße, um das Textilgeschäft von Walbruch zu kontrollieren, aber dort ist alles dunkel, nur die Schaufensterscheiben sind alle geborsten. Ich sehe mich kurz um: In der Großen Freiheit, der Reichenstraße, auf der Reeperbahn – überall liegen auf dem Pflaster sprühende Stabbrandbomben. In dem kleinen Hutladen schräg gegenüber Feuerschein. Rundum blitzt und kracht es gewaltig. Ich renne ins Haus zurück und treffe im ersten Stock Mutter, die gerade aus der Parfümeriegroßhandlung kommt. Auch dort ist alles in Ordnung. Im gleichen Augenblick aber schreit Tante Riele von oben herunter: „Kommt schnell – hier brennt’s!“

Mutter und ich hasten die zwei Treppen nach oben, rutschen auf den Glasscherben aus, die auf den Stufen liegen. Im Zimmer von Tante Riele steckt eine Brandbombe im Boden – dort, wo sie vor einigen Minuten gestanden und sich angezogen hat. Das Bett und ein Stuhl mit Kleidungsstücken stehen schon in hellen Flammen. Großvater versucht, das Bett aus dem Bereich der Bombe zu ziehen, damit wir besser an sie herankommen, aber dabei fangen auch die Gardinen Feuer. Mit dem Einreißhaken holt Tante Riele das Gardinenbrett herunter und dann – aus dem Fenster damit! Großvater löscht mit ein paar Eimern Wasser, die ich ihm gebracht habe, das Bett, und Mutter versucht, die Brandbombe mit Sand abzudecken, aber sie trifft mit den Tüten daneben, denn wegen der großen Hitzeentwicklung (etwa 2000°) kann sie nicht nahe genug herankommen. Mir fällt der Schutzschild ein, den ich für so einen Fall aus einem alten Kistendeckel angefertigt und mit einem dicken Eisenblech sowie einem Griff auf der Rückseite versehen hatte. Großvater geht der Bombe mit einer Schaufel zu Leibe, aber sie steckt unverrückbar im Boden fest.

Draußen wird es zusehends heller, es gibt anscheinend viele Brände, wie ich bemerke, als ich in der Küche die geleerten Wassereimer nachfüllen will. Ein eisiger Schreck durchzuckt mich, als ich den Hahn aufdrehe – kein einziger Tropfen kommt mehr aus der Leitung! Wie können wir dann noch löschen? Auf meine Schreckensmeldung hin schreit Großvater, denn draußen kracht es immer noch, und die Flak schießt wie wild: „Versuch’s mal im Keller!“ Mit vier leeren Eimern laufe ich, so schnell es geht, das dunkle Treppenhaus hinunter. Großmutter wollte schon ihren Platz verlassen und nachsehen, was oben los ist. Ich berichte ihr kurz und drehe den Wasserhahn auf – tatsächlich, hier fließt es noch, wenn auch nicht mit dem gewohnten Druck.

"Die ganze Reeperbahn brennt"

Dann wieder mit zwei Eimern nach oben – Großmutter wird in der Zwischenzeit die beiden anderen füllen. Bei meinem hastigen Aufstieg planscht Wasser über, ich werde nass. Oben sieht es nicht gut aus, die Bombe ist zwar unter einem großen Haufen Sand verschwunden, aber das Feuer breitet sich in der Zwischendecke aus. Von dem Qualm müssen wir alle husten, die Augen tränen, aber mit der Gasmaske zu arbeiten ist in dieser Hitze unmöglich – wir reißen sie schnell wieder herunter. „Hilft alles nichts“, sagt Großvater, „wir müssen den Boden aufhacken!“ Ich hole ihm ein Beil, aber es geht nur langsam voran. Mutter und Tante Riele gießen immer wieder Wasser auf dem Boden aus, aber es nützt nichts – unterhalb der Fußbodenbretter setzt die Bombe ihr Zerstörungswerk fort. Das wirklich Heimtückische an den Brandbomben ist, dass sie selbst genügend Sauerstoff haben und auf äußere Luftzufuhr nicht angewiesen sind – man kann sie nur ausbrennen lassen. Beim Luftschutzkurs sah das alles sehr viel einfacher aus!

Oben aus dem Atelier hole ich ein zweites Beil und nehme auch noch einen Eimer Wasser mit herunter. Ich sehe durch die Atelierfenster, wie alles in rötlichem Licht liegt. Das Eckhaus an der Großen Freiheit brennt. Der ganze Himmel ist grellrot. Wieder in den Keller, erneut Wasser holen. Die Scherben im Treppenhaus habe ich mit dem Schuh zur Seite geschoben – zu groß ist die Gefahr, dass man stürzt.

Im Keller ist die Kerze fast am Erlöschen, und ich gebe Großmutter eine neue, bevor ich wieder nach oben haste. Im Treppenhaus begegnet mir Herr Wulf, der ganz außer Atem ist. „Die ganze Reeperbahn brennt, überall ist Feuer!“, sagt er, fast schon etwas hysterisch. Ich berichte ihm kurz, dass es über seinem Wohnzimmer brennt. Oben liefere ich meine beiden Eimer ab, und Großvater sagt: „Wulf soll raufkommen und mir helfen!“ Mutter kommt mit mir nach unten, weil es in Tante Rieles Zimmer momentan für uns nichts zu helfen gibt, wir aber in Wulfs Wohnzimmer aufpassen müssen, falls Feuer durch die Decke kommen sollte. Wir schieben den schweren Wohnzimmertisch beiseite und rollen den Teppich auf, denn das Löschwasser tropft schon durch die Decke. Die Stühle tragen wir ins Nebenzimmer. In der Wohnung finde ich keine Eimer mit Wasser und hole daher die aus dem Treppenhaus herein, ebenso die Handspritze. Großvater und Herr Wulf haben sich entschlossen, das Balkenstück, in dem die Bombe steckt, herauszusägen. Ich hole deshalb eine inzwischen geleerte große Zinkwanne und stelle sie dort auf, wo meiner Meinung nach das Balkenstück herunterkommen wird.

Gas, Wasser und Strom sind ausgefallen

Nun bricht das Feuer auch schon nach unten durch. Ich stelle mich auf den Tisch, Mutter reicht mir den Eimer, und ich gieße ihn mit einem Schwung nach oben, doch das meiste prallt von der Decke ab, und wir werden beide klitschnass – welche Wohltat! Große Brocken Putz fallen herab, dazwischen brennende Holzteile – wieder ein Eimer Wasser; ein Teil des Feuers ist aus, aber es brennt noch an anderen Stellen, wie ich sehe. In der Decke ist jetzt ein großes Loch, und Großvater ruft herunter: „Achtung! Sie kommt!“ Und gleich darauf fällt das noch brennende Balkenstück mit den Überresten der Brandbombe in die Wanne. Über die Balkonbrüstung kippen wir sie auf die Straße – geschafft! Dank der von Großvater so geschmähten Handspritzen können wir nun die letzten Brandnester ablöschen.

Alle atmen wir auf. Auch Großmutter ist aus dem Keller heraufgekommen – sie hat es unten einfach nicht mehr ausgehalten. Angesichts der Verwüstung schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen. Nun müssen wir alle aber unbedingt etwas trinken, die Kehlen sind wie ausgedörrt. Vom Dachboden hole ich Feuerungsmaterial – so kann Großmutter den Küchenherd in Betrieb nehmen, denn die Gasversorgung ist ebenso ausgefallen wie Wasser und Strom. Auch das Telefon ist natürlich verstummt. Großmutter opfert ihren gehüteten Vorrat an Bohnenkaffee, und dann sitzen wir alle um den Tisch im Wohnzimmer und ruhen uns aus. Licht brauchen wir keines – die brennenden Häuser in der Nähe geben uns genügend Helligkeit.

Obwohl immer noch hin und wieder Detonationen zu hören sind, scheint der Angriff vorbei zu sein. Es handelt sich wohl um Zeitzünder, die erst jetzt nach und nach explodieren. Ein Entwarnungssignal haben wir nicht gehört, aber wie sollten wir auch! Inzwischen ist ein starker Wind aufgekommen, und man hört das Brausen der Flammen. Die Erwachsenen beratschlagen, wie es weitergehen soll, denn Herr Wulf erzählt, dass er Feuer im „Cap Norte“ gesehen hat, dem Eckhaus an der Lincolnstraße. So werde ich auf Erkundung geschickt, wie es inzwischen dort aussieht.

Das Haus steht, wie ich sehe, von oben bis unten in Flammen, und die haben auch schon auf das Nebenhaus übergegriffen. Niemand löscht, zwischen hier und unserem Haus kein Mensch – alle Türen sind verschlossen. Das ist bedenklich, denn der Wind weht in unsere Richtung. Nicht alle Häuser an der Reeperbahn brennen, aber doch sehr viele. Auch in der Großen Freiheit sehe ich eine Reihe von Bränden. Nur an einem Haus werden Löschversuche unternommen, wie ich bemerke. Die gesamte Reichenstraße ist ein einziges Gewaber von Feuer; außer dem Warenhaus Karzentra scheinen alle Häuser in Flammen zu stehen. Nur in der Neuen Burg scheinen keine Brandbomben gefallen zu sein; hier ist alles dunkel, soweit man hier diesen Ausdruck verwenden kann. Von hier kommen ein paar Menschen mit Koffern, die an mir vorbei in Richtung Reeperbahn flüchten. Auf der Straße liegen Hunderte von silbrigen Streifen – was ist das wieder für eine Teufelei, denke ich und fasse sie vorsichtshalber nicht an. Der Wind wird stärker, aus Fenstern und von Dächern lodern meterlange Flammen und wirbeln wild hin und her.

Unvorstellbare Zustände im Bunker

Mein Bericht wird sehr bedrückt aufgenommen. Bei der augenblicklichen Windrichtung müssen wir befürchten, dass das Feuer von der Lincolnstraße auf uns zu von Haus zu Haus überspringt. Wegen der Grenze zwischen Altona und Hamburg befindet sich zwischen unserem und dem Nachbargebäude ein drei bis vier Meter breiter Gang. Dass auf ihn zahlreiche Fenster münden – bei uns elf –, bereitet uns größte Sorge, denn wir sind mit Frau Wulf, die inzwischen aufgetaucht ist, nur sieben Personen! Ihren kleinen Peter hat sie bei Bekannten im Bunker zurückgelassen. Dort herrschen unvorstellbare Zustände, wie sie erzählt, dort halten sich nach ihrer Schätzung etwa drei- bis viermal so viele Menschen auf, wie die Räumlichkeiten eigentlich zulassen. Alles steht dicht gedrängt, die Toilettenspülung ist ausgefallen, und die Belüftungsanlagen kommen gegen die schlechte Luft nicht mehr an.

Zunächst wird beschlossen, jedes nur denkbare Gefäß mit Wasser zu füllen und an den Fenstern zu postieren. Wer weiß, wie lange noch Wasser läuft! Großvater hatte richtig kalkuliert – die Hauptwasserleitung vom Altonaer Bahnhof hat bis zu uns Gefälle, und wir haben den unschätzbaren Vorteil, am Endpunkt zu sitzen. Wenn auch die Versorgung an irgendeinem Punkt unterbrochen werden sollte, würde uns immer noch das Restwasser aus der Leitung zur Verfügung stehen. So beginnt das Wasserschleppen für mich von Neuem, während die Frauen Gardinen und Verdunkelungsrollos von den Fenstern entfernen und Großvater mit Herrn Wulf die Fensterflügel aushängt. Alles leicht Brennbare aus den betreffenden Räumen wird soweit möglich entfernt. Ein chaotisches Durch­einander von Dingen stapelt sich in den anderen Zimmern. Großvater nagelt aus Schrubbern, Besen und Scheuerlappen provisorisch noch einige Feuerpatschen zusammen. Mutter und Tante Riele fegen im Treppenhaus die Glasscherben ab und schütten sie auf die Straße – die Gefahr, dass jemand zu Fall kommt, ist groß.

Nur zu bald werden unsere Befürchtungen wahr: Der Kinosaal hat Feuer gefangen, und es wird nicht mehr lange dauern, bis auch das danebenliegende „Grenzfass“ in Flammen stehen wird. Ich erkunde in der Neuen Burg, ob dort noch Verstärkung aufzutreiben ist. Aber weder im Luftschutzkeller nebenan noch in den angrenzenden Häusern ist jemand anzutreffen. Wo sind nur all die Menschen geblieben? Als ich zurückkehre, stehen gegenüber von unserem Haus drei Männer in Luftschutzuniform. Tante Riele geht gerade zu ihnen und bittet sie, uns zu helfen. „Nee, da können wir doch nichts machen, das brennt hier alles runter!“, ist die wenig freundliche Antwort. Tante Riele sagt in ihrer unverblümten Art, was sie von ihnen hält, allerdings ohne Erfolg. Dagegen bieten uns zwei von der Großen Freiheit gekommene Matrosen, die den Wortwechsel verfolgt haben, ihre Hilfe an – ein mehr als willkommenes Angebot!

Im Keller gibt es noch Wasser

Das Dach vom „Grenzfass“-Saal brennt jetzt – der Wind ist zum Sturm geworden und reißt die Flammen in die Höhe. Funkengarben stieben in die Schlafzimmerfenster. Mit den Feuerpatschen benetzen wir die Fensterumrandungen und schlagen die hereingewehten Funken aus. Im „Grenzfass“ selbst frisst sich das Feuer von unten in die einzelnen Räume.

Bald schlagen die ersten Flammen zu uns herüber, zum Glück nicht unablässig bei dem jetzt dauernd umschlagenden Wind. Aber wenn, muss man von den Fenstern zurückweichen – die Hitze ist einfach zu groß! Gesicht und Hände brennen bald wie bei einem Sonnenbrand. Die Frauen haben sich Kopftücher umgebunden, die sie immer wieder nass machen.

Ich muss wieder in den Keller und Wasser holen. Dort sitzt Großmutter wieder und füllt unverdrossen Eimer um Eimer. Das Wasser fließt mittlerweile etwas spärlich, aber es fließt noch! So geht es pausenlos treppauf, treppab – allmählich werden mir Arme und Beine lahm, und die Eimer gleiten mir fast aus den Händen. Einer der Matrosen löst mich eine Weile ab, aber das Hantieren mit der Feuerpatsche fällt mir noch schwerer – ich kann sie kaum noch in die nötige Höhe heben. Einen Augenblick setze ich mich in die Küche und trinke einen Schluck Wasser. Durchs Fenster sehe ich den Funkenregen – fast sieht es aus wie ein dichtes Schneegestöber! Brennende Bretter, anscheinend auch Balkenstücke, wirbeln durch die Luft – kein Wunder bei dem Sturm, der jetzt draußen herrscht!

Altona eine einzige Feuerlohe

„Das Teerpappendach!“, schießt es mir durch den Kopf, und ich laufe zu Großvater – auch er hat nicht daran gedacht! Wir steigen aus der Dachluke. An einigen Stellen liegen brennende Holzstücke, die wir über die Dachkante befördern. Die bereits brennende Dachpappe ist schnell mit ein paar Wassergüssen aus den mitgebrachten Eimern gelöscht. Wie gut, dass wenigstens die Scheiben vom Atelierdach heil geblieben sind, bis auf das Loch, das die Brandbombe geschlagen hat. Solange es in der näheren Umgebung noch brennt, müssen wir wenigstens von Zeit zu Zeit ein Auge aufs Dach haben. Von hier oben sieht alles noch viel schrecklicher aus – rundum ist der Himmel glutrot, Altona eine einzige Feuerlohe! „Junge, Junge“, ruft Großvater mir in dem Tosen zu, „das ist ja der reinste Weltuntergang!“

Auf das Treppenhaus müssen wir nicht achten; die Fensterrahmen sind aus Eisen, und die hereingewehten Funken verlöschen in dem auf den Stufen verpanschten Wasser. Da – im „Grenzfass“ Donnergepolter! Eine Decke ist durchgebrannt und der Inhalt der Räume eine Etage tiefer gestürzt. Aus den Fenstern schießen lange Flammenzungen. Wieder Wasser holen – ich schaffe kaum noch die drei beziehungsweise vier Treppen. Immer schwerer werden die Beine, immer öfter muss ich die Eimer absetzen und einen Augenblick verschnaufen. Auch die anderen sind allmählich am Ende ihrer Kräfte.

Gegen diese Schinderei war das Löschen der Brandbombe ja noch ein Kinderspiel! Bei einem erneuten Kontrollgang aufs Dach – wieder liegen dort einige brennende Holzstücke – bemerke ich, dass zwei Häuser auf der anderen Straßenseite und auch der hölzerne Eckturm daneben durch Funkenflug Feuer gefangen haben. Glücklicherweise ist die Straße hier sehr breit – so dürfte uns keine unmittelbare Gefahr drohen.

Jegliches Zeitgefühl ist mir verloren gegangen – ich sehe auf meine Armbanduhr: Sie zeigt kurz vor 1 Uhr, muss wohl bei Angriffsbeginn stehen geblieben sein, aber ein Blick auf die Standuhr sagt mir, dass es tatsächlich bereits Sonntagmittag ist! Draußen hätte heller Tag sein sollen! Im Süden zeigt sich tatsächlich ein heller Fleck in der Dunkelheit – das muss die Sonne sein, die versucht, sich einen Weg durch diese ungeheure Rauchkulisse zu bahnen. Inzwischen ist das „Grenzfass“ so weit heruntergebrannt, dass einige von uns pausieren können. Auch Wasser ist im Augenblick noch genügend vorhanden. Großmutter streicht in der Küche ein paar Butterbrote (die leider ziemlich nach Rauch schmecken) und zaubert für die Matrosen auch noch zwei Flaschen Bier auf den Tisch. Wie sehen wir alle aus! Schwarz wie die Schornsteinfeger, Brandlöcher in der Kleidung, und erst jetzt merke ich, dass ich im Gesicht und an den Händen Brandblasen habe.

Menschenschlangen stehen vor Hydranten

Plötzlich vom Hafen her Motorengedröhn, Flakfeuer, Bombenabwürfe – ein neuer Angriff! Aber wir bleiben, wo wir sind – man wird ja wohl kaum unser zerstörtes Gebiet noch einmal bombardieren. Die beiden Matrosen verabschieden sich, sie müssen zu ihrer Einheit zurück und wissen nicht, wie lange sie bei diesem Chaos unterwegs sein werden. Sie hatten sich ihren Landurlaub auf St. Pauli etwas anders vorgestellt! Wir bedanken uns sehr herzlich bei ihnen – ohne ihre Hilfe hätten wir das Haus nicht retten können. Großvater will ihnen Geld in die Hand drücken, was sie jedoch entschlossen ablehnen. So bleibt uns nur ein dankbarer Händedruck.

Allmählich hellt es sich draußen mehr und mehr auf, aber überall brennt es noch heftig. Jetzt steht auch das ganze Dach vom Haus gegenüber in Flammen; Funkenschauer wehen von Zeit zu Zeit zu uns herüber. Wie sieht unsere Wohnung aus! Glasscherben, Wasserlachen, beiseitegeräumte Möbel, ausgehängte Fensterflügel – durch den Luftdruck der explodierenden Sprengbomben ist kaum eine Scheibe heil geblieben. In einer Ecke türmen sich Matratzen und Bettzeug. Über allem liegt eine Ruß- und Ascheschicht, penetrant riecht es nach Rauch. Mir tun alle Glieder weh, und Mutter meint: „Schlaf du erst mal ein wenig!“, und ich lege mich so, wie ich bin, auf mein durchnässtes Bett.

Am nächsten Morgen (26. Juli) hat Tante Riele in der Großen Freiheit Leute mit Eimern gesehen und schickt mich los, zu erkunden, ob es nicht irgendwo noch Wasser gibt. Ich laufe an ausgebrannten Fassaden vorbei; eine Hauswand ist auf die Straße gestürzt. Auch das Hippodrom ist völlig zerstört, und was mich besonders traurig macht: Das Pferd mit dem Reiter ist nur noch ein verbogener Haufen Blech! An der Ecke Große Roosenstraße (heute Paul-Roosen-Straße, Anm. der Red.) sehe ich endlich eine lange Menschenschlange mit Eimern und Kannen vor einem Hydranten. Ich muss schlucken – müssen wir etwa hier unser Wasser holen? Bis zu unserem Haus sind es schätzungsweise über 300 Meter zu gehen – und das mit vollen Eimern! Ich kehre wieder um und regis­triere erst jetzt, dass uns wenigstens unser Gemüseladen noch erhalten geblieben ist.

Der Spielwarenladen meiner Kindheit – auch ausgebrannt

Mein nächstes Ziel ist die Reeperbahn. Vorbei am „Grenzfass“, am Nobiskino, an der Apotheke, der Wettannahmestelle mit dem Modell der geplanten Elbbrücke, dem kleinen Spielsalon mit den altertümlichen einarmigen Banditen und zuletzt am „Cap Norte“ mit dem schönen großen Buddelschiff – nichts ist von alldem geblieben.

Nur noch rauchgeschwärzte Fronten mit leeren Fensterhöhlen, die im Häuserschatten auf der Straße helle Flecken bilden. Überall steigt aus den Ruinen noch Qualm auf; aus einer Kellerluke blecken Flammen – da brennen wohl die Kohlenvorräte. Schon von Weitem sehe ich die Menschen vor der Davidwache stehen – das ist die nächste Wasserstelle. Genauso weit wie die an der Roosenstraße – das ist wenig tröstlich! Ich brauche also gar nicht weiterzugehen und mache einen Abstecher in die Lincolnstraße. Auch hier sind eine ganze Reihe Häuser ausgebrannt, aber die Bäckerei Möller steht noch!

Ich überquere die Bachstraße (heute Pepermölenbek), um zum Alten Rathaus zu gelangen. So weit das Auge reicht – nur Trümmer, Trümmer, Trümmer! Der Zauberladen von Janosz Bartel, die Ausstellungsräume mit den dreirädrigen „Tempo“-Wagen, der kleine Briefmarkenladen und vor allem das Spielwarengeschäft von Ahrenholtz – alles ausgebrannt, zum Teil zusammengestürzt. Wie oft hatte ich als kleiner Junge hier gestanden und mir an der Schaufensterscheibe die Nase platt gedrückt, um meinem sehnlichsten Wunsch – einem knallroten Tretauto – nur ja recht nahe zu sein! Vom alten Rathaus steht nur noch eine Ecke, in den Schuttmassen entdecke ich ein Bruchstück der kleinen Turmglocke. So, wie es hier aussieht, müssen besonders viele Sprengbomben niedergegangen sein,

Über Mauerbrocken, hindurch unter herabhängenden Drähten der Straßenbahn-Oberleitung, komme ich in die Königstraße. Wieder dasselbe Bild – Haus an Haus nur noch leere Vorderfronten, auch in den Nebenstraßen. Die „Knetetante“, das Gesellschaftshaus Pabst sind nicht mehr. Auch auf dem Jüdischen Friedhof gegenüber sind Sprengbomben gefallen. Von der schönen Barockkirche St. Trinitatis steht nur noch trostlos der Turmstumpf. Nun noch einen halben Kilometer weiter bis zur Schleeschule, in der ich eigentlich in der Sonnabendnacht Brandwache gehabt hätte, meiner Straßburg-Reise wegen aber mit einem Klassenkameraden tauschte. Es ist mehr als niederdrückend, dieser Weg – seit früher Kindheit vertraut, nun ist alles nicht mehr ...