Hamburger Nächte im Keller und die Tage im Bunker

Während der Bombenangriffe brachten sich viele in Kellern in Sicherheit – die später wie hier in der Spaldingstraße zur tödlichen Falle wurden

Während der Bombenangriffe brachten sich viele in Kellern in Sicherheit – die später wie hier in der Spaldingstraße zur tödlichen Falle wurden

Foto: Staatsarchiv Hamburg, Nachlass Erich Andres

In keiner deutschen Stadt gab es im Krieg mehr Schutzräume. Teil 5 unserer Serie zum 75. Jahrestag der „Operation Gomorrha“.

Hamburg. Schon von 1937 an mussten wir regelmäßig Luftschutz- und Verdunkelungsübungen abhalten“, erinnert sich Lore Bünger (95), die damals in der Großen Brunnenstraße 42 in Ottensen lebte und heute trotz ihres hohen Alters noch immer als „Zeitzeugin“ fürs Hamburger Seniorenbüro aktiv ist, „auf allen Dachböden mussten Feuerpatschen, Wassereimer und Löschsand bereitstehen.“

Tatsächlich verpflichtet die Änderung der Luftschutzverordnung vom 26. Juni 1935 alle Deutschen grundsätzlich zu „Dienst- und Sachleistungen sowie zu sonstigen Handlungen, Duldungen und Unterlassungen (…), die zur Durchführung des Luftschutzes erforderlich sind“. Historiker gehen heute davon aus, dass diese gesetzliche Anordnung bereits ein erster (und beabsichtigter) Schritt Hitlers auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg war.

Knapp fünf Jahre später hat die deutsche Wehrmacht bereits Polen besetzt und befindet sich seit dem 10. Mai 1940 auf ihrem zunächst erfolgreichen Westfeldzug auf französischem Boden, während die deutsche Luftwaffe gleichzeitig die Luftschlacht um England entfesselt, um den Verbündeten Frankreichs frühzeitig zur Kapitulation zu zwingen. Am 18. Mai jenes Jahres fliegen jedoch 30 Bomber der Royal Air Force (RAF) erstmals in den Hamburger Luftraum rein. Über Altona, St. Pauli, dem Hafen und Harburg werden 400 Brand- und 80 Sprengbomben ausgeklinkt, mehrere Häuser und Schuppen gehen in Flammen auf, 34 Menschen sterben, 72 werden verletzt.

Größtes Bauprojekt der deutschen Geschichte

Am 3. Juli desselben Jahres wirft ein einzelnes britisches Kampfflugzeug vier Sprengbomben ab, die auf dem Spielplatz am Barmbeker Elligersweg detonieren – elf Kinder, vier Frauen und zwei Männer kommen bei diesem Angriff ums Leben. Oder die einzelne Bombe, die 1942 mitten auf der Süderstraße explodiert: „Sie hinterließ einen großen Trichter. Die Straßenbahnen fuhren nicht mehr bis Aschberg. Aber bald wurde alles repariert, und das normale Leben ging weiter“, erinnert sich Abendblatt-Leser Fred Zwick. Doch diese verlustreichen, tragischen „Nadelstiche“ der RAF sind nur ein Vorgeschmack auf den erbarmungslosen Bombenkrieg, dem die Stadtbevölkerung bald im gesamten Dritten Reich ausgesetzt sein wird.

Als dann am 25. August 1940 die 58. Squadron der RAF erstmals Berlin bombardiert, löst sie mit diesem Angriff das bis heute größte Bauprojekt der deutschen Geschichte aus: das „Führer-Sofortprogramm“. Adolf Hitler schwant jetzt, dass trotz der großspurigen Versprechen seines Luftmarschalls Hermann Göring Bombardierungen auf das Reichsgebiet nicht vermieden werden können. Deshalb ordnet Hitler im Oktober 1940 den Bau von Tausenden von Bunkern an. Vor allem die Gebiete in unmittelbarer Reichweite der feindlichen Bomber sollen besser geschützt werden; dazu zählt neben Berlin, dem Ruhrgebiet und der norddeutschen Tiefebene auch die Hansestadt Hamburg, die Hitler wegen der ansässigen Ölraffinerien und der U-Boot-Werften als besonders kriegswichtig erachtet. Die Organisation dieses gigantischen Luftschutzprojekts übernimmt Hitlers Generalbauinspektor Albert Speer.

Die Normen für die Bunker werden von der Technischen Hochschule in Braunschweig festgelegt. Die Hauptkriterien: Bunker müssen gasdicht sein und der Sprengkraft einer 1000-Kilogramm-Bombe widerstehen können. Die Wandstärken der Bunker der ersten Bauphase betrugen daher 1,80 Meter (Tiefbunker) und 1,10 Meter (Hochbunker) mit einer Abschlussdeckenstärke von 1,40 Metern. Die Hochbunker der zweiten Bauphase besitzen jedoch bereits zwei Meter dicke Außenwände und 2,50 Meter dicke Abschlussdecken.

Wie im gesamten Reichsgebiet werden auch in Hamburg anfangs vor allem (die teureren) Tiefbunker gebaut. Denn in der Innenstadt existiert zu wenig Bauraum für Hochbunker. Allerdings ändert sich das rasch. Bis zum Beginn der „Operation Gomorrha“ am 24. Juli ist Hamburg bereits 137-mal aus der Luft angegriffen worden – und fast jeder dieser Angriffe schafft, so makaber dies auch klingen mag, Raum für neue Hochbunker, die vor Volltreffern einen wirksameren Schutz bieten als die gängigen Vier-Röhren-Bunker, die mit einer Wandstärke von einem Meter rund fünf Meter unter der Erde liegen, aber keine Sicherheit vor Volltreffern bieten. Jede seiner Röhren ist 17 Meter lang, hat eine lichte Höhe von 2,25 Metern und bietet jeweils 50 Menschen Platz.

Es gibt eine Trocken-Toilette sowie eine handbetriebene Lüftungsmaschine. Auf der einen Seite der Röhre stehen Holzbänke, auf der gegenüberliegenden Seite Regale für das Notwendigste, das die Menschen aus ihren Wohnungen und Häusern mitnehmen dürfen: „Hinter der Tür stehen immer zwei gepackte Taschen mit den nötigsten Sachen, etwas Kleidung und eine Tasche mit den wichtigsten Papieren und einem Fotoalbum. Die musste ich tragen, schließlich war ich ja schon groß“, erinnert sich Abendblatt-Leserin Vera Bestgen, damals sechs Jahre alt.

Immer öfter heulen die Sirenen, immer heftiger werden die Bombardements, und so versuchen auch immer mehr Hamburger, bei Fliegeralarm in einem Bunker Zuflucht zu finden anstatt in den Luftschutzkellern ihrer Wohnhäuser, in denen die Chance, Volltreffer zu überleben, sehr viel geringer ist. Und wenn dann auch noch Brandbomben abgeworfen werden und die Brände in den Häusern nicht rechtzeitig gelöscht werden können, sind es vor allem die Brandgase wie Kohlenmonoxid, die aufgrund ihrer höheren Dichte nach unten sinken und den Menschen im Keller den Tod bringen.

Tödliches russisches Roulette

Durchschnittlich zehn bis 15 Minuten Zeit vergehen zwischen Alarm und Abwurf der tödlichen Fracht, manchmal aber auch Stunden, je nachdem wie zuverlässig die Beobachtungen der Flugabwehr sind, die übermittelt werden, und welchen Kurs die alliierten Bomberverbände letztlich einschlagen. Der Bombenkrieg ist ein tödliches russisches Roulette. So kommt es zunehmend zu chaotischen, bisweilen lebensgefährlichen Szenen an den Bunkereingängen, wenn Tausende Menschen in Panik gleichzeitig Einlass begehren. Einer der größten Tiefbunker Hamburgs unter dem Hauptbahnhof, der 1500 Menschen Platz bietet, verfügt am Eingang sogar über eine „Dosieranlage“, doch in der Nacht des ersten Großangriffs der „Operation Gomorrha“ vom 24. auf den 25. Juli 1943 drängeln sich am Ende rund 5000 (!) Menschen in dem riesigen Schutzraum.

Überfüllt ist auch der Hochbunker an der Wendenstraße in Hammerbrook: „Es war unerträglich heiß. Doch unsere Nachbarin trug trotz Hitze ihren dicken Pelzmantel, ihren noch schlaftrunkenen Sohn Peter hielt sie an der Hand“, erzählt Fred Zwick. Damals existieren in Hamburg rund 700 Bunker (am Ende des Krieges werden es 1051 sein, darunter auch die beiden imposanten Flaktürme in der Feldstraße am Heiligengeistfeld und in Wilhelmsburg – der dritte Turm in Rahlstedt konnte nicht mehr gebaut werden) für etwa sieben Prozent der Hamburger Bevölkerung, also rund 120.000 von 1,7 Millionen Einwohnern.

Nächte der Angst im Luftschutzbunker – Teil 5
Nächte der Angst im Luftschutzbunker – Teil 5

Eine von ihnen ist die damals achtjährige Christa-Maria Caspersen-Lehmann, die im Hochbunker am Hammer Deich die Nacht des Feuersturms miterlebt: „Zu unseren reservierten Plätzen stiegen wir die Treppen hoch bis in den vierten Stock. Die Kinder spielten, die Frauen gaben sich ihren Gedanken hin (...) Konzentriert lauschten die Erwachsenen auf jedes Geräusch von außen. Angst kroch in jeden Winkel und übertrug sich auf die Kleinen. Die ersten Einschläge in unmittelbarer Nähe trieben die Anspannung bis zum Äußersten. Zehn bis 15 Minuten Stille. Dann der nächste Einschlag. So ging es weiter bis in den nächsten Morgen. Einige Mütter hatten einfach keine Kraft mehr, stark zu sein, nahmen ihr Kind auf den Schoß und weinten still in sich hinein. Zweimal wurde der Bunker von Bomben getroffen, Atem angehalten, gleich stürzt er zusammen. Nein! Er schwankte, blieb stehen (...) Um Gottes Willen, es muss doch mal ein Ende haben!“

Nur noch rund 650 Bunker vorhanden

Nach den katastrophalen Luftangriffen im Juli 1943 unternimmt die Reichsführung mit der dritten Bunkerbauphase eine weitere Anstrengung, um den Luftschutz zu verstärken. Denn die Lehre, die man aus den entsetzlichen Folgen der „Operation Gomorrha“ ziehen kann ist, dass Luftschutzkeller und Deckungsgräben vor massiven Flächenbombardements nur höchst unzureichenden Schutz bieten.

Die Ergebnisse sind bis heute an vielen Orten Hamburgs präsent. 1950 existieren – nach einigen wenigen und zumeist erfolglosen Sprengungen, die von den Besatzungstruppen angeordnet werden – immer noch 1026 Bunker, darunter 76 Hochbunker, 415 Röhrenbunker und 356 Rundbunker sowie elf Luftschutztürme. Nicht wenige von ihnen dienen sogar fünf Jahre nach Kriegsende noch vielen ausgebombten Menschen als Notunterkunft. Und da sich in den kommenden Jahren auch der Kalte Krieg zuspitzen wird, werden wegen der latenten Gefahr eines Atomkrieges besonders die großen bestehenden Tiefbunkeranlagen in den Zivilschutz der Bundesrepublik Deutschland integriert.

Mittlerweile sind nur noch rund 650 Bunker vorhanden, von denen die allermeisten Tiefbunker längst unter Wasser stehen und nicht einmal mehr als Lager brauchbar sind. Dafür gibt es für die 57 noch existierenden Hochbunker verschiedene Nutzungskonzepte: So wird etwa der Hochbunker in der Papenstraße in Eilbek gerade zum Apartmenthaus mit 13 Luxuswohnungen umgebaut, während der „Zombeck-Turm“ an der Moorweide, der unter Denkmalschutz steht, eine Cocktailbar beherbergt. In den meisten Hochbunkern – zum Beispiel an der Eiffestraße, an der Wendenstraße, am Sievekingdamm oder am Hammer Deich - können Profi- und Amateurmusiker ihre Verstärkeranlagen bis zum Anschlag aufdrehen, ohne Anwohner mit der infernalischen Lautstärke zu nerven. Die Wartelisten für die Übungsräume in diesen „Musikbunkern“ sind übrigens sehr lang.