„Jeder Erwachsene nahm ein Kind auf den Arm und rannte los“

Ein Junge isst in der offenen Tür einer Straßenbahn am Bahnhof Altona

Ein Junge isst in der offenen Tür einer Straßenbahn am Bahnhof Altona

Foto: Staatsarchiv Hamburg Nachlass Erich Andres

Viele Kinder, eigentlich behütet aufgewachsen, erleben schlagartig Todesangst. Teil 11 der Serie zum 75. Gomorrha-Jahrestag.

Hamburg. Der Bombenkrieg bedeutet in vielerlei Hinsicht ungeheure Belastungen für die betroffenen Menschen in Hamburg. Da sehr viele Männer zum Wehrdienst eingezogen sind, müssen außer den Älteren vor allem etliche Frauen und Kinder die Folgen der Angriffe ganz alleine tragen.

Oft wird vergessen, dass die Zivilbevölkerung von der Propaganda jahrelang über den wahren Verlauf des Krieges getäuscht wird. Die deutschen Truppen scheinen von einem Erfolg zum anderen zu eilen, der „Endsieg“, so wird der Bevölkerung lange vorgegaukelt, scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Zwar sind die Deutschen nach der Kapitulation von Stalingrad deutlich pessimistischer geworden, aber an eine Niederlage kann oder will im Sommer 1943 kaum jemand denken.

Offene Gespräche darüber sind nur heimlich möglich, da für „Wehrkraftzersetzung“ hohe Strafen drohen und überall Spitzel lauern. Quellen belegen, dass man sich allgemein einredet, der Krieg werde, vor allem für das zunächst weitgehend verschont gebliebene Hamburg, „irgendwie“ glimpflich zu Ende gehen, und selbst im Sommer 1943 herrscht in der Stadt noch eine relativ normale, oft sogar als entspannt beschriebene Stimmung. Die Angriffe vom Juli 1943 treffen damit eine Zivilbevölkerung, die weder psychologisch noch organisatorisch wirklich darauf vorbereitet ist.

Kinder erleben schlagartig Todesangst

Kleine Kinder, die noch nicht im Getriebe von Jungvolk oder Hitlerjugend stecken, waren bisher relativ behütetet in ihren Elternhäusern aufgewachsen. Nun erleben sie schlagartig Todesangst. Immer wieder, tage- und nächtelang. Unvermittelt werden sie mit dem Sterben, auch naher Angehöriger und Freunde konfrontiert. Zeitzeugin Ingrid Heidtmann beschreibt, wie sie mit ihrer Familie aus einem Keller in Hammerbrook flüchtete: „Jeder Erwachsene nahm ein Kind auf den Arm und rannte los. Ich war ja schon zwölf Jahre alt und lief alleine los. Alles stand in Flammen, auf den Straßen lagen verkohlte Leichen. Es war unbeschreiblich grausam.“

Wir rennen um unser Leben – Teil 11
Wir rennen um unser Leben – Teil 11

Hinzu kommt, was nur selten erwähnt wird, der totale Absturz aus geordneten bürgerlichen Verhältnissen in tiefe Existenznot, ja Armut. Möbel, Fotos und andere Erinnerungsstücke werden über Nacht vernichtet, Haustiere verbrennen, die vertraute Umgebung verändert sich schlagartig für immer.

Die psychischen und physischen Strapazen, denen unzählige Frauen und Kinder im Sommer 1943 ausgesetzt sind, kann man heute kaum noch nachvollziehen. Oft müssen Kinder während der Luftangriffe denken und handeln wie Erwachsene. Für Trost und Entspannung ist kaum Zeit. „Ich war ein klassisches Schlüsselkind“, berichtet Zeitzeuge Peter Schütt, Jahrgang 1934. „Meine Mutter war kriegsverpflichtet, mein Vater eingezogen. Ich erinnere mich, dass ich oft alleine zu Hause war, auch bei Fliegerangriffen.“ Und Abendblatt-Leserin Edith Spottke schreibt: „Als ich eine neue Mitschülerin bekam, fragten wir uns gegenseitig: ,Und, wo bist du ausgebombt?‘. Das war eine ganz selbstverständliche Sache geworden.“

Viele Teenager schuften damals als Luftschutzhelfer, müssen nicht selten unter Lebensgefahr versuchen, brennende Straßenzüge zu löschen oder Brandherde im eigenen Haus zu bekämpfen. Und das alles in Tagen permanenter Anspannung, nachdem die meisten nächtelang nicht durgeschlafen hatten. Sogar die Kleinen packen mit an. „Während die Jungen von der Hitlerjungend löschten, mussten wir Kinder die Löcher in den Schläuchen zuhalten“, schreibt Abendblatt-Leserin Eva Grell. Und Waltraud Kakosch (damals Melan) aus Barmbek erinnert sich: „Als an der Hufnerstraße gelöscht wurde, war meine Mutter mit in der Eimerkette. Ich als Neunjährige war beauftragt; laufend Kaffee zu den Erschöpften zu bringen.“

Ilse Heile, Jahrgang 1931, die mit ihrer Mutter und vier Geschwistern in Eimsbüttel lebte, erinnert sich, wie die kleine Familie bei Fliegeralarm agierte: „Die Aufgaben waren genau verteilt: Meine Mutter trug eine Tasche mit Papieren und meinen jüngeren Bruder, meine Schwester schleppte Trinkbares, mein großer Bruder einen Koffer mit Kleidung, und ich war für das Baby zuständig.“

Die Schrecken der Bombenangriffe werden von denen, die damals Kinder waren, unterschiedlich wahrgenommen und verarbeitet. Manche bleiben bis heute traumatisiert, andere stecken das Erlebte besser weg. Manche brachen zusammen, andere schützen ihr Inneres durch Abgestumpftheit. Das hing, unabhängig vom Naturell (das natürlich auch eine Rolle spielte), vor allem damit zusammen, wer was in welcher Intensität erlebt hatte.

„Wir hielten uns an den Händen und liefen durch das brennende Barmbek“, schreibt Leserin Rita Röhrs. „Dabei verlor mein Vater mich. Ich schrie und schrie wie von Sinnen, denn ich war auf dem Ast eines Baumes gelandet und konnte mich kaum halten. Wie mein Vater mich finden und bergen konnte, weiß ich nicht.“

Dagegen schildert Werner Altekrüger seine Erinnerungen drastisch: „Unsere Straßenbande streunte nach der zweiten Nacht von Gomorrha Richtung Hamm. Auf dem Weg dorthin sahen wir ein Auto auf dem Hausdach liegen, das fanden wir spannend. Später sahen wir einen Haufen Leichen, die waren durch den Feuersturm alle sehr klein. Wenn man mit dem Fuß dagegenstieß – und das haben wir tatsächlich getan – dann zerbröselten sie. Wir haben nichts dabei empfunden.“

Nach der Flucht ging das Elend weiter

Therapeutische Hilfe, heute längst eine Selbstverständlichkeit, wird den jungen Menschen nicht angeboten, weiterarbeiten statt Aufarbeitung. Und nach dem Krieg sehen sich dann noch viele mit dem Vorwurf konfrontiert, als Angehörige eines angeblichen „Tätervolks“ Nazisympathisanten und damit letztlich selbst Schuld an ihrem Schicksal gewesen zu sein. Vorgebracht wird Derartiges von Leuten, die sich ihre Meinung längst gebildet haben und es auch gar nicht so genau wissen wollen.

Nach der Flucht aus Hamburg geht das Elend weiter. Flüchtlinge, die sich zu Verwandten oder engen Freunden aufs Land durchschlagen können, haben noch einigermaßen Glück, weil ihnen dort meistens – sicherlich oft auch zähneknirschend – eine Zeit lang Unterschlupf gewährt wird. Andere haben es deutlich schwerer.

Auch hier gibt es wieder höchst unterschiedliche Schilderungen. Einige der Ausgebombten erfahren Hilfsbereitschaft und fast freundschaftliche Zuwendung, andere erinnern sich an tiefe Ablehnung. „Wir kamen in die Oberpfalz“, so Zeitzeuge Wilfried Drust, da hörte ich zum ersten Mal den bösen Satz: ,Da kommen die Bombenweiber mit ihren Splitterkindern.“ Dieselbe Formulierung schnappt Ingrid Heidtmann im fränkischen Lorenzreuth auf. „Ich weiß noch, wie meine Mutter und die anderen Frauen darunter gelitten haben.“ Aber Ingrid Heidtmann erinnert auch das: „Es gab dort eine Nonne, Schwester Maria, die uns sehr geholfen hat. Sie besorgte Bettzeug und Matratzen und gab uns Schlafplätze. Sie hat uns nach dem Krieg sogar in Hamburg besucht.“

Monatelang in der Kinderlandverschickung

Auch ihr Schicksal wird oft vergessen oder zum Abenteuerurlaub verklärt: Monatelang blieben Hamburger Kinder in der Kinderlandverschickung (KLV, siehe Beistück). Dort ging es ihnen zweifellos besser als manchen „Ausgebombten“, aber sie waren oft auch von Heimweh gequält und vielfach ohne irgendwelche Informationen über den Verbleib ihrer Eltern. „In Lorenzreuth trafen wir auf ein KLV-Lager mit Kindern aus Langenhorn“, erinnert sich Ingrid Heidtmann. „Die bestürmten uns total verzweifelt, wollten Informationen aus Hamburg, sagten uns die Namen ihrer Eltern. Aber wir konnten ihnen ja auch nichts sagen. Das war furchtbar.“

Viele Familien können wochenlang nicht nach Hamburg zurückkehren, manche versuchen schließlich, sich an dem Ort, an den sie das Schicksal verschlagen hat, eine neue Existenz aufzubauen. Etlichen Kindern muss es schwergefallen sein, in einer völlig fremden Umgebung eine Schule zu besuchen, in der sie niemanden kannten. Aber das ist nur eine von vielen Herausforderungen, denen sich die ausgebombten Hamburger nach 1943 stellen müssen.