Hamburgs bester Stadtteil

Winterhude – zwischen Stadtpark-Idylle und „Schitti Nord“

Das Planetarium
im Stadtpark ist
das meistbesuchte Sternentheater
in Deutschland.
Es wurde 1930 in
einem ehemaligen Wasserturm
erbaut. Nach der
Sanierung wurde
es 2017 wiedereröffnet.

Das Planetarium im Stadtpark ist das meistbesuchte Sternentheater in Deutschland. Es wurde 1930 in einem ehemaligen Wasserturm erbaut. Nach der Sanierung wurde es 2017 wiedereröffnet.

Foto: Michael Rauhe

Wo ist es in der Stadt am schönsten? 50 leidenschaftliche Plädoyers. Teil 26: Schick, angesagt, teuer – aber herzlich mittendrin.

Hamburg. Wo wohnst du? In Winterhude? Sehr schick – und teuer, oder? Ja, Winterhude ist schick und nicht ganz billig. So ist das nun mal mit begehrten Wohnlagen. Doch der schönste Stadtteil Hamburgs ist es uns wert. Wir haben uns bewusst für Winterhude entschieden. Seit 20 Jahren leben wir hier, mit Mühlenkamp und Außenalster in greifbarer Nähe. Okay, anfangs fanden wir die Miete für unsere Wohnung mit Tiefgarage recht happig. Inzwischen wohnen wir immer noch in derselben Wohnung vergleichsweise günstig.

Warum finden wir Winterhude so schön? Vielleicht ist es die Vielfalt des Stadtteils, die freundliche Art der Menschen. Winterhude hat alles, ist alles. Einerseits weltstädtisch – andererseits Dorf: Durchzogen von Osterbek-, Mühlenkamp- und Goldbekkanal, auf denen die Kanus tänzeln.

Das typische Winterhude? Gibt es nicht. Unterschiedliche Regionen bilden ein Ganzes. Da ist das mondäne Winterhude. Mit altehrwürdigen Villen am Rondeelteich und entlang des Leinpfades. Von der Bellevue geht der Blick über die Außenalster bis zur Elbphilharmonie. Die Aussicht ist gratis. Die Villen? Für die meisten unbezahlbar.

Das hippe Winterhude trifft sich am Mühlenkamp

Tag und Nacht gehen Joggerinnen und Jogger auf die 7,4 Kilometer lange Runde um die Alster – Hamburgs beliebteste Laufstrecke. Im Süden trifft sich das moderne, hippe Winterhude in den kleinen, feinen Geschäften, Restaurants, quirligen Bars und zahllosen Cafés rings um den Mühlenkamp. Mittags stärken sich Büroangestellte beim Italiener oder im Sushi-Restaurant. Stand-up-Paddler gleiten bei gutem Wetter vom Fikki Beach (der heißt tatsächlich so!) aus gemächlich über den Langen Zug.

Winterhude: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 55.900
  • Davon unter 18: 7003
  • Über 65: 8155
  • Durchschnittseinkommen: 51.627 € (2013)
  • Fläche: 7,6 km2
  • Anzahl Kitas: 42
  • Anzahl Schulen: 6 Grundschulen, 1 Gymnasium, 2 Stadtteilschulen
  • Wohngebäude: 3671
  • Wohnungen: 33.111
  • Niedergelassene Ärzte: 231
  • Straftaten im Jahr 2018: Erfasst: 3888, Aufgeklärt: 1168

Nur wenige traditionelle Geschäfte wie Fisch Böttcher – einer der ältesten und besten Fischhändler Hamburgs – oder die Buchhandlung am Mühlenkamp mit besonderem Faible für US-Literatur treffen nach wie vor den Geschmack des Publikums. Mit pfiffigen Namen wie Elbgold, Edelsatt, Trüffelschwein, Piff Paff Poké und Peter Pane treten neue Player auf den Plan. Kaffee-Kultur, hochveredelte Frikadellen, vegane Bowls und Pommes aus der Porzellantüte sind Teil ihres Erfolgsrezepts. Abends bevölkern junge Leute angesagte Restaurants und Bars rund um Mühlenkamp, Poelchaukamp und Gertigstraße. Die ist als Fahrradstraße im Gespräch – wovon Anwohner am Schinkelplatz profitieren dürften.

Ortswechsel Jarrestadt. Entworfen in den 1930er-Jahren vom Baudirektor Fritz Schumacher, steht das einstige Arbeiterviertel unter Denkmalschutz. Abseits der Hotspots lässt es sich in den unspektakulären Rotklinkerbauten gut und günstig leben. In die alten Fabrikhallen am Osterbekkanal ist 1982 die Kulturfa­brik Kampnagel gezogen – internationale Spielstätte für zeitgenössische Kunst und Musik, die über Hamburgs Grenzen hinweg Publikum anzieht. Das Alabama, kleines Kino, gibt’s obendrein.

Geschäftiges Treiben am Winterhuder Marktplatz

Im Westen, rund um den Winterhuder Marktplatz, herrscht geschäftiges Treiben. Der Nachteil: Von morgens bis abends quält sich eine endlose Blechlawine über die Verkehrsader. Da muss man schon sehr genau hinschauen, um einen der coolsten Secondhand-Plattenläden Hamburgs gegenüber der Haspa zu finden. Nicht zu übersehen ist die Komödie Winterhuder Fährhaus – seit 30 Jahren Garant für feinstes Boulevard-Theater an der Hudtwalckerstraße.

Im strengen Kontrast dazu steht die City Nord – Anfang der 1960er-Jahre auf freier Fläche in Stahl und Beton gegossen, um Hamburgs Hunger nach Büroräumen zu stillen. Einige der tristen Gebäude wurden inzwischen abgerissen und durch ansprechende modernere Architektur ersetzt. Der Wandel von „Schitti Nord“ hat begonnen. Auch dank des Pergolenviertels, Winterhudes spannendste Baustelle. Hunderte neue Miet- und Eigentumswohnungen entstehen. 150 neue Kleingärten, die in Winterhude sonst bestenfalls vererbt werden, S-Bahn-Anschluss und die nagelneue Veloroute Richtung Stadtpark sind schon da.

Das Herzstück von Winterhude

Der Park ist Herzstück Winterhudes und seit mehr als 100 Jahren Anziehungspunkt für alle Hamburger. Ideal zum Joggen, Grillen, Picknicken, Fußballspielen, Flanieren und Sternegucken im Planetarium. Das Freibad am Stadtparksee wird gerade renoviert. Zum Saisonbeginn soll das Naturbad noch schöner – und vor allem barrierefrei – sein.

Zu verdanken haben die Hamburger ihre grüne Oase Kunsthallen-Direktor Alfred Lichtwark, der 1897 die provokante Frage stellte, ob die Stadt wegen des rasanten Baus von Werften, Wohnsiedlungen und Fabriken überhaupt noch bewohnbar bleiben könne, wenn nicht ein Stadtpark angelegt wird. Der Senat kaufte Flächen des Sierichschen Gehölzes, 1914 wurde der Park nach Plänen Fritz Schumachers und Oberbauingenieurs Ferdinand Sperber eröffnet. Im Sommer ist die Stadtparkbühne Kristallisationspunkt für Musikliebhaber – wenn nicht wie vor zwei Jahren die Stones spielen.

Dann muss ausnahmsweise die Festwiese herhalten. Sonnabends trifft sich Winterhude auf dem Goldbekmarkt. 120 Händler präsentieren frische Waren aus der Region und Exotisches – konventionell und in Bioqualität. Sehen und gesehen werden ist angesagt, der Marktbesuch wird zum Event. Junge Väter und Mütter bugsieren ihren Nachwuchs stolz im Hightech-Kinderwagen durch die Menge. Man grüßt sich, Zeit für einen Plausch bei Galão oder Latte macchiato. Dann geht’s weiter – zum Beispiel auf den Spielplatz. Viele Winterhuder, die längst woanders wohnen, zieht es immer wieder hierher. Um die Winterhuder Luft zu schnuppern – nicht nur für sie ein unvergleichliches Lebensgefühl.

Winterhude: Das sind die Highlights

Goldbekmarkt (1)

Stadtteilserie: Goldbekmarkt
Goldebekmarkt

Dreimal pro Woche ist Markt am Goldbekufer – einer der schönsten Märkte Hamburgs und sonnabends Treffpunkt Winterhudes. 120 Händler bieten alles, was das Herz begehrt – Obst, Gemüse, Blumen, Käse, exotische Gewürze, leckere Tartes und vieles mehr. Vier Schlachter, drei Fischhändler und fünf Cafés machen das Angebot komplett.

Stadtpark (2)

Stadtteilserie: Stadtpark
Stadtpark

Mit 150 Hektar ist der Stadtpark drittgrößte Grünfläche und grüne Lunge Hamburgs. Das Sierichsche Gehölz war Grundstock für den 1914 eröffneten Park. Das Planetarium ist weithin sichtbares Wahrzeichen. Tipp: Auf der Liebesinsel ein Kanu mieten und durch die Kanäle schippern. Im Herbst färbt sich das Laub, im Mai erstrahlt der Park zur Rhododendronblüte.

Mühlenkamp (3)

Stadtteilserie: Mühlenkamp
Muehlenkamp

Einst fuhr die Straßenbahn vom Mühlenkamp bis Wilhelmsburg – heute ist der Straßenzug Sinnbild für das moderne, quirlige Winterhude. Hier gibt es alles für den täglichen Bedarf, dazu Geschäfte für Mode, Accessoires, Wein und andere Spezialitäten. Familien, ältere und mehr und mehr junge Leute treffen sich in Cafés, Bars, Restaurants oder auf ein leckeres Eis.