Hamburgs bester Stadtteil

Sülldorf – das Pferdedorf und Freizeitparadies

Pferde, die friedlich auf der Koppel
grasen. Das ist so
typisch für Sülldorf, dem naturnahen ländlichen
Stadtteil mit vielen
Reiterhöfen.

Pferde, die friedlich auf der Koppel grasen. Das ist so typisch für Sülldorf, dem naturnahen ländlichen Stadtteil mit vielen Reiterhöfen.

Foto: Roland Magunia

Wo ist es in der Stadt am schönsten? 50 leidenschaftliche Plädoyers. Teil 9: Die große Entdeckung des vergangenen Jahrzehnts.

Hamburg. Da ist er, dieser Sülldorfmoment. Er kommt gleich hinter der Bahnschranke am Sülldorfer Kirchenweg auf. Wenn eine Katze über die Straße läuft, ein paar Mädels auf ihren Pferden den Weg entlangreiten, andere auf Fahrrädern in Reithose auf dem Weg zum Stall nebeneinander auf der Straße fahren und irgendwo ein Trecker auf einen Hof abbiegt und Pferdeäppel auf dem Bürgersteig liegen. Ansonsten: Stille. Die Hektik und der Lärm der Großstadt sind weit weg. Mit der S-Bahn aus der City sind es rund 40 Minuten in diese Idylle am Rande der Stadt. Sülldorf ist Pferdedorf und Freizeitparadies. Ein Ort zum Durchatmen und Runterkommen. Glück hat, wer hier zu Hause ist.

So wie Andrea Schumacher. Sie lebt mit ihrer Familie zur Miete in einem reetgedeckten Haus, umgeben von Pferdekoppeln und Wiesen. Ihre Haflingerstute Jade ist fußläufig im Stall nebenan, ihr elfjähriger Sohn hat genügend Freiraum und Grün zum Herumbutschern mit den Freunden, die Katzen Tiger und Mimi müssen nicht als Wohnungskatze drinnen bleiben, sondern können frei laufen, sich im Blumenkasten in der Sonne rekeln und Mäuse fangen.

Tiere sind immer in der Nähe

Und die gibt es genügend in den vielen Ställen. Selbst auf dem Land bei Lüneburg aufgewachsen, ist Sülldorf für An­drea Schumacher der ideale Ort zum Leben. Großstadtnah und doch ländlich. Als Journalistin ist die 52-Jährige auch schon mal bei den Filmfestspielen in Cannes unterwegs, hat es mit Stars und Sternchen zu tun. Umso mehr genießt sie bei ihrer Rückkehr aus der Welt der Promis diesen Sülldorf-Moment: „Wenn ich die hochhackigen Schuhe ausziehe, an den Hühnern vorbeigehe, die Katze zu mir kommt. Das ist mein Sülldorf-Erlebnis. Diese Stille.“

Sülldorf: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 9489
  • Davon unter: 18 1839
  • Über 65: 1936
  • Durchschnittseinkommen: 43.584 € (2013)
  • Fläche: 5,7 km²
  • Anzahl Kitas: 2
  • Anzahl Schulen: 1 Grundschule
  • Wohngebäude: 2425
  • Wohnungen: 4459
  • Niedergelassene Ärzte: 15
  • Straftaten im Jahr 2018: Erfasst: 448, Aufgeklärt: 194

Sie arbeitet auch als freie Hochzeits- und Traurednerin (Hamburger Rederei) – Inspiration für die richtigen Worte in den wichtigen Momente im Leben fremder Menschen gibt es in diesem Bullerbü reichlich. Sonnenuntergänge über den weiten Wiesen im Klövensteen sind Romantik pur, und die sieht sie, wenn sie aus ihrem Küchenfenster schaut. Für sie der schönste Teil Hamburgs, „weil wir nachts die Pferde hören und morgens die Hühner. Weil wir die Nähe zu den Tieren lieben, auch wenn es schon mal nach Mist riecht.“ Das ist nur Landluft und so viel besser, als anderswo in Hamburg zwischen stinkenden Lasterkolonnen mit dem Rad zu fahren und Abgase einzuatmen.

Sülldorf, ein Sehnsuchtsort

Wer genug von der Enge der dicht besiedelten Stadtteile hat, für den ist Sülldorf ein Sehnsuchtsort. Wären doch auch hier die Mieten noch erschwinglich, käme ein Umzug von Eimsbüttel jederzeit infrage, dazu eine Reitbeteiligung oder gleich ein eigenes Pferd. Träumereien. Trotz der Bodenständigkeit im Dorf, wo viele Mitglied in der freiwilligen Feuerwehr sind und einmal im Jahr auf dem Festplatz an den S-Bahn-Gleisen groß feiern, gehört Sülldorf eben auch zu den Elbvororten mit entsprechendem Preisniveau. So schade.

Auf dem Festplatz grasen manchmal Schafe, manchmal, wenn der Zirkus dort untergebracht ist, sind es auch Kamele. Sülldorfs bunte Tierwelt besteht nicht nur aus Pferden und Katzen. Sülldorf, das ist Landidylle pur mit S-Bahn-Anbindung an die Großstadt.

Der letzte Milchbauer hat hier seinen Hof. 70 Milchkühe stehen bei Wilhelm Gerkens in den Ställen. Manche Besucher machen sogar Selfies von sich mit Kühen im Hintergrund. Diese Städter! Wilhelm Gerkens hat nichts dagegen, es sei wichtig, dass die Kinder lernen, woher die Milch kommt, und einen Bezug zur Natur entwickeln.

Bauer Gerkens in Sülldorf

In der vergangenen Nacht ist auf dem Hof ein Kälbchen geboren, noch darf es die wertvolle Erstmilch, die Kolostralmilch trinken. Stolz ist der Landwirt darauf und froh, dass alles glattgelaufen ist. Hin und wieder muss er einer Kuh bei der Geburt helfen, auch ohne Tierarzt. Dieser kommt nur im Notfall. 1000 Liter am Tag geben seine Kühe. „Ich bin eine Rarität“, sagt er. „Alle anderen haben längst auf Pferdehaltung umgestellt.“

Wer will in der Stadt leben?

So wie Jörg Langeloh, der ein paar Häuser weiter mit seiner Familie lebt. Der 51-Jährige ist Landwirt mit Meistertitel. Doch die Landwirtschaft bringt nichts mehr, er hat wie alle anderen Landwirte hier, bis auf Hof Gerkens, auf Pferdehaltung umgesattelt und vermietet seine Boxen an derzeit 65 Pferdehalter. Für das Stroh zum Einstreuen und das Heu zum Füttern sorgt Jörg Lange­loh selbst: 45 Hektar Land hat er teilweise von der Stadt gepachtet.

Typischerweise sieht man Jörg auf seinem Trecker fahren. In der Stadt leben? Käme für ihn nie infrage, er gehört aufs Dorf, wie die Sülldorfer den Teil nennen, der nördlich der S-Bahn-Gleise liegt, getrennt vom Süden. Auf der einen Seite das Dorf mit Landwirtschaft und Reitställen, auf der anderen die viel befahrene Sülldorfer Landstraße mit Supermärkten, Geschäften, Eisdiele, Reitladen, Bäckereien, einem Segelmacher. Auch das ein Teil dieses Stadtteils. Beides durch die Schranke getrennt, die gefühlt ständig unten ist. Die aber auch zum Entschleunigen beiträgt. Motor aus – und einfach warten.

Grundschule Lehmkuhlenweg in Sülldorf

„Je älter man wird, desto mehr weiß man das Leben hier zu schätzen“, sagt Langeloh, Vater von vier Kindern im Alter zwischen 16 und 24 Jahren. Biege er vom Hof links ab, komme er gleich in die Feldmark, biege er nach rechts ab, sagt er, gehe es in die Innenstadt. Da sei er eigentlich nie. Wer will schon in die City, wenn er in Sülldorf lebt?

Am Wochenende müssen Sülldorfer Platz machen

Natur pur. Was man in Sülldorf nicht findet, sind schicke Cafés oder angesagte Restaurants. Dafür Milch vom Bauern, Honig von Imkerin Anke Zuleger und Obst, Gemüse und Eier aus dem Hofladen der Timmermanns. Schickimicki, sehen und gesehen werden, darum geht es in Sülldorf nun wirklich nicht. Sollen die Menschen dafür doch nach Blankenese.

Wer Hunger hat und nicht selbst kochen möchte und sich verabreden will, geht zum Griechen Spiros & Spiros an der Sülldorfer Landstraße. Im Sommer ist das Freibad Marienhöhe angesagt. Im Ortsteil Waldpark ist die Kiesgrube der Ort, um zu grillen, mit dem Hund zu gehen und um im Winter mit dem Schlitten die steilen Abhänge hinunterzusausen.

Hier können die Kinder des angrenzenden Wohngebiets ungestört draußen spielen. Am Wochenende aber müssen die Sülldorfer Platz machen. Dann kehrt Leben ein, wenn auf den Reiterhöfen Turniere stattfinden und Koppeln zu Parkplätzen werden, wenn die Menschen sich bewegen wollen – zu Fuß, auf dem Pferd, per Fahrrad oder auf Inlineskates. Die gepflasterten Wege durch die Feldmark sind ideal dafür. Dann wird es auch hier mal eng.

Sülldorf: Das sind die Highlights

Wedeler Au

Der Bach bildet die Grenze zwischen Schenefeld und Sülldorf. Wie gemacht für eine Abkühlung, wenn man mit dem Pferd unterwegs ist.

Badewanne mit Aussicht

Die Bank von Leo und Chidera in Sülldorf

Der Großvater von Leo und Chidera hat den beiden zur Einschulung eine Bank an ihren Schulweg gebaut – eine ehemalige Badewanne. Die Idee: Auf der Bank an den Pferdekoppeln sollen sie sich ausruhen können. Leo geht noch auf die Grundschule Lehmkuhlenweg, seine Schwester ist auf dem Gymnasium.

Kiesgrube Am Waldpark

Hier gibt es steile Abhänge, ideal zum Rodeln im Winter. Eine Idylle mit Wald. Ideal auch für Spaziergänge.