Hamburgs bester Stadtteil

Alsterdorf – warum diverse Vorurteile unbegründet sind

Ein Ruderboot
auf der Alster
passiert die
Einfahrt zum
Brabandkanal
in Alsterdorf.

Ein Ruderboot auf der Alster passiert die Einfahrt zum Brabandkanal in Alsterdorf.

Foto: Thorsten Ahlf

Wo ist es in der Stadt am schönsten? 50 leidenschaftliche Plädoyers. Teil 20: Die große Entdeckung des vergangenen Jahrzehnts.

Hamburg. Am besten fängt man diese Geschichte mit dem Ehepaar an, das vor gut zehn Jahren nach Alsterdorf gezogen ist. Die Frau hatte die Idee gehabt, ein Haus unweit der stark befahrenen Sengelmann- und Alsterdorfer Straße zu kaufen, für rund 600.000 Euro. Und der Ehemann? Der drehte fast durch. Alster-was? Für 600.000 Euro? „Das meinst du nicht ernst“, hat er damals gesagt. Heute ist dieses Alster-was? einer der Stadtteile, in dem die Quadratmeterpreise am stärksten gestiegen sind. „Wenn ich wollte, könnte ich mein Haus für 1,4 Millionen Euro verkaufen“, sagt der Ehemann inzwischen. Aber er will nicht, im Gegenteil: Inzwischen ist er so stolz auf seinen Stadtteil, dass er sich sogar eine dieser „Alsterdorf“-Fußmatten gekauft hat, die es sicher vor einem Jahrzehnt auch noch nicht gab.

Der Stadtteil hat nach wie vor, und zu Unrecht!, mit Vorurteilen zu kämpfen. Fragt mich doch neulich eine Kollegin, wie es denn sei, so weit draußen zu wohnen. Ich: „Wieso? Ich wohne doch in Alsterdorf.“ Antwortet sie: „Sage ich doch.“ Dabei ist Alsterdorf einer der ersten Stadtteile, die an das grenzen, was man noch als den Kern Hamburgs bezeichnen kann: Eppendorf und Winterhude sind direkte Nachbarn, in die Innenstadt braucht man aus Alsterdorf mit der U-Bahn eine Viertelstunde.

Die unglaublich guten Verkehrsanbindungen sind einer der Gründe, die den Stadtteil unschlagbar machen. Wo immer man auch hinwill, man ist sehr schnell da: In der City genauso wie auf der Autobahn 7 (Richtung Nord- und Ostsee!) oder – am Flughafen. Von dessen Lärm bekommen die Einwohner übrigens nur rund vier Wochen im Jahr etwas mit, wenn Landebahnen ausgebessert werden und die Maschinen direkt über die Häuser fliegen.

Alsterdorf: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 15.174
  • Davon unter 18: 2560
  • Über 65: 2.865
  • Durchschnittseinkommen: 52.426 € (2013)
  • Fläche: 3,2 km²
  • Anzahl Kitas: 11
  • Anzahl Schulen: 1 Gymnasium
  • Wohngebäude: 2001
  • Wohnungen: 7823
  • Niedergelassene Ärzte: 40
  • Straftaten im Jahr 2018: Erfasst: 1357, Aufgeklärt: 389

Dann kann es, so viel Ehrlichkeit muss bei aller Leidenschaft für den Stadtteil sein, brutal laut werden über den Dächern von Alsterdorf, von denen große Flugzeuge schon einzelne Ziegel weggeweht haben. Die Maschinen sind zum Greifen nah, aber auch das kann man mit Humor nehmen: Es soll Menschen geben, die in dieser Zeit Flugzeuge-Raten im Garten spielen …

Sonst ist es erstaunlich ruhig und erstaunlich grün, trotz all der großen Verkehrsachsen, die den Stadtteil durchziehen. Bestes Beispiel dafür ist die von Sengelmannstraße und Hindenburgstraße umgebene Gartenstadt, eine Rotklinkeroase zwischen Straßen, die Frühlingsgarten und Rotbuchenstieg heißen. Es soll Menschen geben, die in der jüngeren Vergangenheit hier Häuser für viel Geld gekauft haben, ohne sie groß zu besichtigen. Als das Hamburger Abendblatt vor gut acht Jahren alle 8000 Straßen der Stadt testete, gab es in diesem kleinen Viertel in Alsterdorf keine, die weniger als vier oder fünf Sterne bekam.

Kann es einen besseren Beweis dafür geben, dass Alsterdorf ein Top-Stadtteil ist? Na klar, es gibt noch mehr: Hunderte neue Wohnungen sind in jüngster Vergangenheit entstanden, jede freie Fläche wird, zum Glück in der Regel sehr ansehnlich, bebaut. In den vergangenen Wochen wurde ein Mehrfamilienhaus an der Ecke Sengelmannstraße/Alsterdorfer Straße bezogen, ein Rotklinkerbau, fertiggestellt in gut einem Jahr.

Gern ziehen Familien nach Alsterdorf, mit zwei, aber auch mit fünf Kindern, weil es in den Siedlungen schöne neue Spielplätze und -straßen, vor allem aber eine interessante Auswahl an (Grund-)Schulen gibt. Die Bugenhagenschule prägt das Stadtbild genauso wie die Zukunftsschule Flachsland, die im ehemaligen Krematorium an der Alsterdorfer Straße untergebracht ist. Dort werden Erst-, Zweit- und Drittklässler gemeinsam in sogenannten Teams unterrichtet, es gibt keine Hausaufgaben, keine Ranzen, und, Achtung!, keine Zensuren. Die ungewöhnliche Schule, die jedes Jahr nur 21 Erstklässler aufnimmt, ist in diesem Jahr zehn Jahre alt geworden.

Alsterdorf ist dank der Evangelischen Stiftung (den früheren Alsterdorfer Anstalten) auch ein Ort gelebter Integration und Inklusion. Die Stimmung auf dem Alsterdorfer Marktplatz ist wegen des selbstverständlichen Zusammenseins von behinderten und nicht behinderten Menschen eine besondere. Und nach dem überfälligen Um- und Ausbau des dortigen Edeka-Marktes kann man endlich auch jenseits der Discounter richtig gut einkaufen.

Schöne Villen an Bebelallee und Inselstraße

Bisher tat man das vor allem bei der Konkurrenz von Rewe an der Alsterdorfer Straße, die, ist nicht lange her, zum besten Supermarkt Deutschlands gewählt wurde. Die wenige Meter entfernt liegende Eis-Perle ist im Frühling und Sommer einer der Treffpunkte im Stadtteil, in unmittelbarer Umgebung gibt es weitere Bistros und Restaurants.

Stadtteilserie: Bebelallee
Stadtteilserie: Bebelallee

Noch Fragen? Hatte ich den sich durch Alsterdorf schlängelnden Alsterlauf erwähnt, an dem man wunderbar spazieren gehen oder Fahrrad fahren kann? Die Nähe zum Stadtpark? Dass man zum Einkaufen in kürzester Zeit im Alstertal-Einkaufszentrum, dem AEZ, ist, wo es alles gibt, was man braucht, auch einen Parkplatz direkt vor Tür? Und dass in der Bebelallee oder in der Inselstraße ein paar der hübschesten – und leider inzwischen auch nicht mehr zu bezahlenden – Häuser Hamburgs stehen? Dort wohnten oder wohnen auch jede Menge bekannte Hamburger, von Theaterchefs über TV-Moderatoren bis hin zu Fußball-Weltstars; man kann oder konnte sie hier alle treffen.

Noch vor wenigen Jahren war Alsterdorf auch und vor allem eine Hochburg schicker Autos, vom Porsche bis zum SUV, alles dabei. Die Fahrzeuge sieht man immer noch, zunehmend wichtiger werden aber Fahrräder. Dank der Veloroute 5 oder dem Fahrradweg entlang der Bebelallee – der unter anderem zur Fahrradstraße am Leinpfad führt – rechnet es sich, bei einem Ausflug in die Innenstadt auf das Auto zu verzichten. In der Regel ist man mit dem Rad von Alsterdorf einfach schneller in der City ...

Das vielleicht Wichtigste zum Schluss: Der Stadtteil zieht Menschen in ähnlichen Lebenssituationen an – wie gesagt: gern Familien mit Kindern –, was vielerorts zu einer Nachbarschaft führt, die man sich besser nicht vorstellen könnte. Man kennt sich, man duzt sich, man passt aufeinander auf. Die Kinder spielen gemeinsam auf Spielstraßen oder in geschützten Räumen.

In Alsterdorf, dem besten Stadtteil Hamburgs, der wie wahrscheinlich kein anderer zwei Vorzüge miteinander verbindet: die Nähe zum Herzen einer Metropole (fast hätte ich Weltstadt gesagt) und die Nähe zur Natur.

Alsterdorf: Das sind die Highlights

Alsterdorfer Markt
Das (Einkaufs-)Zentrum des Stadtteils, ein großer Marktplatz, der von verschiedenen Supermärkten und Discountern umrahmt wird. Hier hat auch die Evangelische Stiftung Alsterdorf ihren Hauptsitz, die mit rund 6500 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber Hamburgs ist. Nach Gründer Heinrich Sengelmann wurde eine Straße in der Nähe benannt.

Die Gartenstadt
Das Dorf im Stadtteil – das ist die fast schon malerische Gartenstadt, ein Ensemble von Rotklinkerbauten zwischen Sengelmannstraße, Alsterdorfer Straße und Hindenburgstraße. Die Häuser wurden zwischen 1935 und 1938 gebaut, typisch für sie sind die sehr spitzen Dächer. Wer hier kaufen will, braucht in der Regel mehr als eine Million Euro.

Das Krematorium
Das ungewöhnlichste Gebäude Alsterdorfs wurde 1890/91 gebaut und ist damit das älteste Krematorium Deutschlands. In seiner langen Geschichte hatte es schon unterschiedliche Nutzungen, auch ein Restaurant war hier schon mal untergebracht. Seit 2009 ist es Standort der Flachsland Zukunftsschule. Auf dem Gelände gibt es auch eine Kita.