Eplbphilharmonie-Open-Air

Elbphilharmonie: Hamburgs tonangebende Baustelle

Foto: Roland Magunia

Abendblatt-Leser besuchten am Wochenende die Elbphilharmonie. Dabei staunten sie jedoch nicht nur über den Blick auf die Stadt und den Hafen.

HafenCity. Die Musik der Stadt: der Lärm der U-Bahn, die Lieder aus vorbeifahrenden Autos, das Lachen eines Kindes. Sonnabend am Baumwall. Christine Henze, 49, ist auf dem Weg in die HafenCity, zum Elbphilharmonie-Open-Air. Doch die Musikliebhaberin aus Ahrensburg, die vor ein paar Jahren extra wegen Hamburgs Musikangebot in die Hansestadt zog, achtet heute nicht auf die Klänge vom Festplatz. Sie achtet nur auf die Elbphilharmonie , deren Baustelle sie besichtigen darf - als eine von 3000 Besuchern, die unter anderem im Abendblatt Karten für den Rundgang am Wochenende gewonnen haben. "Das wollte ich schon immer machen, jetzt hat es endlich geklappt", sagt Christine Henze.

Die Ergotherapeutin hat viel über die Elbphilharmonie gelesen, viel Kritik gehört. Jetzt will sie sich selbst ein Bild davon machen. Ein Bild davon, ob Hamburg wirklich sein Geld verschwendet. so, wie viele behaupten. Doch der erste Eindruck ist positiv. "Es ist toll, wie der ursprüngliche Charakter des alten Kaispeichers erhalten bleibt", finden Christine Henze und ihr Bekannter André Wartwig, 48. Die Mischung aus dem alten Backsteinkorpus und dem neuen Glasaufbau sei überwältigend. Zumindest von außen. Dann geht es nach drinnen. Einblick in Hamburgs Prestigeprojekt.

Die Musik der Baustelle: nichts. Kein Bohren oder Hämmern. Kein Lärm von Maschinen oder Bauarbeitern. Nur das Flattern der Plastikplane im Wind und die Geräusche des Hafens, das Plätschern des Wassers, das Tuckern der Touristenschiffe. Der Aufzug rauscht ins achte Obergeschoss, stoppt auf einer Höhe von 37 Metern. Zwischen dem kantigen Kaispeicher und dem wellenförmigen Glasaufbau erstreckt sich die Aussichtsplattform Plaza. Ausblick statt Einblick. "Noch beeindruckender als gedacht", findet Christine Henze. "Oh", findet die Familie neben ihr.

Irgendwann, wenn die Elbphilharmonie eröffnet wird, darf jeder auf die öffentliche Flanierfläche und hat von dort Blick auf vier Seiten Hamburgs - Innenstadt im Norden, Hafen im Süden, Landungsbrücken im Westen und die HafenCity im Osten. So lange allerdings ist die Plaza den Besuchern von Baustellenbesichtigungen und -führungen vorenthalten. Doch die sind bis Dezember ausgebucht.

Die Musik der Zukunft. Mit dem nächsten Aufzug geht es in den 12. Stock. Vier Meter pro Sekunde. Allegro! Einblick in den Großen Konzertsaal. Später einmal das "Herz der Elbphilharmonie" mit 2150 Plätzen und terrassenförmig aufsteigenden Rängen. Heute ein Heer von Stahlträgern, stilvoll angestrahlt. Ein bisschen bizarr, ein bisschen mystisch und "einfach unbeschreiblich", so das Fazit von Christine Henze und André Wartwig.

Trotzdem: Der große Saal wirkt irgendwie klein. "Das liegt an dem Baugerüst", beruhigt Tomas Kaiser, der die Besucher in die Besonderheiten des Großen Saals einführt und viel zu erzählen hat. Davon, dass der 12 500 Tonnen schwere Saal aus Schallschutzgründen komplett vom restlichen Gebäude entkoppelt wird. Dass der Saalkorpus mit zwei voneinander getrennten Schalen ausgeführt wird, sodass ein Zwischenraum entsteht, der die Weiterleitung von Schallwellen verhindert.

Und dass die Stühle mit einem speziellen Tweed-Wollstoff bezogen sind, der das Absorptionsverhalten eines Menschen hat. Wie bitte? "Das heißt, dass die Akustik immer gleich ist. Egal, ob die Sitze im Saal belegt sind oder leer stehen", so die Erklärung von Tomas Kaiser. Leer stehende Sitze? Das kann sich Christine Henze nun aber wirklich nicht vorstellen. "Bei dem allgemeinen Interesse sind die Konzerte bestimmt auf Jahre ausverkauft."

Ein letzter Blick auf den Prototypen des Hightech-Sitzes in Salz-und-Pfeffer-Optik, der in der Mitte des Raums steht, dann geht der Rundgang weiter. Presto! Geschwind. Die nächsten Besucher kommen gleich. Zwischen 60 und 70 sind es alle 20 Minuten, von morgens bis abends.

Die Musik des Alltags: Im Lift hinab ins Erdgeschoss hört der Fahrstuhlführer Popmusik. Zurück in der Realität. Der Einblick in Hamburgs Prestigeprojekt ist vorbei - doch der Eindruck bleibt. Der Eindruck, dass in einem einzigen Gebäude Hamburg entsteht. So drückt es Christine Henze aus. "Die Elbphilharmonie spiegelt das wider, was Hamburg ausmacht: Architektur, Musik, Unterhaltung, Hotel, Gastronomie und Flaniermeile", schwärmt sie. "Hamburgs Mentalität ist es, keine halben Sachen zu machen. Und deswegen ist die Elbphilharmonie auch nicht nur halb hoch oder halb schön - sondern komplett faszinierend", so ihr Fazit. Sie sei froh, dass sie all das persönlich gesehen habe und die Elbphilharmonie trotz all ihrer Probleme jetzt mit ihren Kenntnissen noch besser gegen Kritik verteidigen könne.

Ihre Stimme vermischt sich mit dem Sound vom Open-Air-Konzert, den Stimmen von einer vorbeifahrenden Barkasse und dem Kreischen der Möwen. Die Musik Hamburgs.