Hamburger Geschichte(n)

Die Qualen eines Boxers

Dierk Strothmann über Johann Trollmann und sein tragisches Schicksal

Er war jung, er war schnell, er war kräftig und auf dem Weg zu einer großen Sportlerkarriere. Aber er lebte zur falschen Zeit im falschen Land. Johann Wilhelm Trollmann, in der Sprache seines Volkes "Rukeli" ("Bäumchen") genannt, weil er so gut gewachsen war, so geschmeidig und biegsam. Trollmann war Boxer, einer, der kämpfte wie später Muhammad Ali, der nicht allein auf seine Schlagkraft vertraute, sondern seine Gegner austanzte. Und er war Sinto, ein schlanker schwarzhaariger attraktiver junger Mann, der vor allem die Frauen am Ring begeisterte.

Beides, Boxstil und Herkunft, wurde ihm zum Verhängnis.

1933, als er mit 25 Jahren seinen ersten Kampf um die deutsche Meisterschaft gewann, war der Boxverband bereits von Nazis durchsetzt. Denen war der "Zigeuner" ein Dorn im Auge. Der Boxpräsident untersagte höchstpersönlich, ihn zum Sieger zu erklären. Erst nach Protesten des Publikums wurde Rukeli der Meisterkranz überreicht. Trollmann weinte vor Freude, weswegen ihm der Titel später wegen "armseligen Verhaltens" wieder entzogen wurde.

Trollmann färbte sich die dunklen Locken wasserstoffblond, puderte sich ein und lieferte die Karikatur eines "Ariers". Da ihm sein eleganter Boxstil untersagt wurde, stellte er sich demonstrativ in die Mitte des Rings und ließ sich verprügeln. Als Sinti und Roma 1938 auch offiziell als "Nichtarier" eingestuft wurden, blieb Rukeli trotzdem in Deutschland, ließ sich wie vorgeschrieben sterilisieren und sogar scheiden, damit seine Tochter nicht unter seiner Herkunft leiden sollte. Er tauchte unter und schlug sich inkognito mit Schaukämpfen auf Rummelplätzen durch. 1942 geriet er in die Fänge der Nazis. Er kam ins KZ Neuengamme, in dem zu jener Zeit auch eine Ikone des Hamburger Sports anzutreffen war, der Fußballnationalspieler "Tull" Harder - allerdings auf der anderen Seite, als Leiter der Geräteausgabe. Die beiden sollen sich, wie der Autor Roger Repplinger in seinem Buch "Leg dich, Zigeuner!" schreibt, nur einmal begegnet sein.

Ein SS-Mann, der früher einmal Ringrichter gewesen war, erkannte den Boxer, und nun begann ein grausames Spiel mit dem Häftling 721/1943. Rukeli musste Boxhandschuhe überziehen und sich von jedem, dem gerade der Sinn danach stand, begleitet von den Worten "Los Zigeuner, wehr dich!" verprügeln lassen. Für jeden Knockout bekam er dann eine Extraration Essen, damit den Wärtern ihr Opfer noch möglichst lange erhalten blieb.

Aber Johann Trollmann hielt nicht mehr lange durch. Roger Repplinger deckte in seinem Buch erstmals auf, wie Rukeli wirklich ums Leben kam. Emil Cornelius, ein sogenannter "Kapo", also ein Mithäftling, der sich in die Dienste der Nazis gestellt hatte, trat gegen Trollmann an und dieser schlug ihn nieder. Cornelius war darüber so erbost, dass er einen Knüppel nahm und Trollmann kurzerhand erschlug.

Es sollte übrigens noch bis ins Jahr 2003 dauern, also mehr als 70 Jahre, bis sich der deutsche Boxverband endlich dazu durchrang, Johann Trollmann wieder in die offizielle Liste der Deutschen Meister aufzunehmen.

Diese traurige Geschichte geschah in den Mauern unserer Stadt. Ein Teil unserer Geschichte. Rukelis sinnloser Tod sollte uns immer wieder daran erinnern, dass so etwas nie wieder geschehen darf.

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