29.09.11Tod in Berlin
Nach Hetzjagd am Kaiserdamm: 22-Jähriger verlässt U-Haft
Der Haftbefehl gegen einen 22-Jährigen ist aufgehoben worden, weil ihm keine Beteiligung an der Jagd auf das Opfer nachgewiesen werden konnte.
Von Jutta Schütz
Foto: dapd
Der 23-jährige Giuseppe M. verunglückte auf der Flucht vor Angreifern am Berliner Kaiserdamm tödlich
Berlin. Nach der tödlichen Hetzjagd auf einen 23-Jährigen in Berlin sitzt jetzt noch ein mutmaßlicher Schläger in Untersuchungshaft. Der Haftbefehl gegen einen 22-Jährigen sei aufgehoben und der junge Mann aus der Untersuchungshaft entlassen worden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Donnerstag. Dem Mann könne nach der Rekonstruktion des Falles auf dem Kaiserdamm keine Beteiligung an der Jagd auf das Opfer nachgewiesen werden. In dieser Hinsicht gebe es gegenwärtig keinen dringenden Tatverdacht mehr. Es werde aber weiter wegen gefährlicher Körperverletzung gegen den 22-Jährigen ermittelt.
Der Anwalt des Freigelassenen, Nicolas Becker, teilte mit, der Haftbefehl wegen Körperverletzung mit Todesfolge sei wenige Stunden vor einer beantragten Haftprüfung fallengelassen worden. Die Entlassung aus der U-Haft hatte die Staatsanwaltschaft beantragt.
Am 17. September war das 23 Jahre alte Opfer laut Staatsanwaltschaft auf der Flucht vor Schlägern in Panik aus dem U-Bahnhof Kaiserdamm auf die Straße gerannt, wo es von einem Auto erfasst und tödlich verletzt wurde. Ein Freund konnte sich in Sicherheit bringen.
Der Flucht des 23-Jährigen und seines Freundes soll laut Polizei eine Auseinandersetzung im U-Bahnhof Kaiserdamm vorausgegangen sein. Der Übergriff soll sich aber in einem Bereich abgespielt haben, der nicht von Videokameras erfasst war. Die beiden verdächtigen Angreifer hatten sich bei der Polizei gestellt. Sie seien bereits wegen Raubdelikten und Körperverletzungen bekannt.
Die Polizei hatte am noch dunklen Mittwochmorgen den tödlichen Unfall nachgestellt, um neue Erkenntnisse über das tatsächliche Geschehen zu bekommen. Nun ist noch ein 21-Jähriger in U-Haft.
Das Unglück hatte Entsetzen ausgelöst. An dem Unfallort gedachten Hunderte Menschen mit einer Demonstration des toten jungen Mannes. Noch immer werden dort Blumen niedergelegt.
Unterdessen kommt in Berlin erneut ein Gewaltexzess vor Gericht. Am 17. November beginnt am Landgericht der Prozess gegen vier mutmaßliche Schläger vom U-Bahnhof Lichtenberg. Die Anklage wirft den Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren versuchten Mord aus Habgier und gefährliche Körperverletzung vor. Sie sollen am 11. Februar kurz vor Mitternacht zwei 30 Jahre alte Handwerker angegriffen haben, um sie "abzuziehen".
Ihr Motiv soll - so die Anklage - Hass auf Deutsche und Freude an der Misshandlung Schwächerer gewesen sein. Da alle in dem Quartett bei dem Überfall im Februar unter 18 Jahre alt waren, wird die Verhandlung vor einer Jugendkammer nicht öffentlich sein.
Mit brutalen Angriffen im öffentlichen Nahverkehr lösen Schläger immer wieder Entsetzen aus. Oft sind die Täter Jugendliche oder junge Männer. Sie gehen an Haltestellen, Bahnhöfen oder in Bus und Bahn auf ihre Opfer los - meist aus nichtigem Anlass.
Juli 2011:
Auf dem Berliner U-Bahnhof Zoologischer Garten eskaliert ein Streit zwischen zwei Männergruppen. Ein Angreifer zieht ein Messer und fügt einem Gegner lebensgefährliche Stichverletzungen am Oberkörper zu. Der 20-Jährige muss notoperiert werden. Der Täter flüchtet und wird mit einem Bild aus einer Überwachungskamera gesucht. Eine Woche später stellt er sich der Polizei.
Juni 2011:
Zwei feiernde Gruppen geraten auf einer Vatertagstour an Christi Himmelfahrt wegen ihrer Bollerwagen in heftigen Streit. Auf dem S-Bahnhof Rostock-Warnemünde wird ein 44-Jähriger an der Halsschlagader verletzt und stirbt. Der 24 Jahre alte mutmaßliche Täter hat bisher nur eingeräumt, bei der Schlägerei dabei gewesen zu sein.
April 2011:
Nach dem Überfall auf einen Mann im Berliner U-Bahnhof Amrumer Straße sucht die Polizei mit Bildern aus Überwachungskameras nach drei Schlägern. Zu sehen ist, wie die jungen Männer völlig enthemmt auf den 21-Jährigen einschlagen. Einer tritt ihm gegen den Kopf, als er schon am Boden liegt. Das Trio bestiehlt sein schwer verletztes Opfer und entkommt unerkannt.
April 2011:
Im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße schlägt ein 18-jähriger auf einen 29-Jährigen ein. Auch er tritt dem Opfer gegen den Kopf, als es schon am Boden liegt. Der Täter stellt sich kurz nach der Tat, ebenso sein 18 Jahre alter Begleiter. Der mutmaßliche Haupttäter muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchten Totschlags verantworten.
März 2011:
Sieben Unbekannte greifen im Berliner U-Bahnhof Kurfürstendamm einen 23-Jährigen an. Da er ihnen Zigaretten verweigert, schlagen sie ihn krankenhausreif und stehlen ihm Geld.
Februar 2011:
Zwei Handwerker werden im Berliner U-Bahnhof Lichtenberg scheinbar grundlos von vier Jugendlichen zusammengeschlagen. Eines der Opfer liegt mit lebensgefährlichen Hirnverletzungen wochenlang im künstlichen Koma und wird vermutlich Behinderungen zurückbehalten. Die Täter werden mit Hilfe von Überwachsungsvideos identifiziert. Die 14 bis 18 Jahre alten Jugendlichen müssen sich wegen versuchten Mordes aus Habgier und aus niederen Beweggründen vor Gericht verantworten.
November 2010:
Nach einer belanglosen Auseinandersetzung in einem Nachtbus im westfälischen Münster prügeln drei junge Männer einen 30 Jahre alten Fahrgast auf einem nahe gelegenen Parkplatz fast zu Tode. Für sieben Jahre wird der 18 Jahre alte Haupttäter wegen versuchten Totschlags ins Gefängnis geschickt. Seine 16 und 19 Jahre alten Mittäter werden zu vier und zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.
Mai 2010:
Tödliche Messerattacke auf einen 19-Jährigen im Hamburger U-Bahnhof Jungfernstieg: Eine Gruppe aus fünf Jugendlichen gerät mit dem späteren Opfer aus nichtigem Anlass in Streit. Ein 16-Jähriger, der als Intensivtäter bekannt ist, tötet den jungen Mann mit einem Stich ins Herz. Er wird dafür später zu sechs Jahren Haft verurteilt.
Dezember 2009:
Auf einem Nürnberger U-Bahnsteig schlägt ein Mann einen 35-Jährigen brutal nieder und verletzt ihn schwer. Etwa zwei Wochen später wird ein 24-Jähriger verhaftet und im Januar 2011 wegen Totschlags zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt.
September 2009:
Der Geschäftsmann Dominik Brunner, der sich schützend vor vier Kinder stellt, wird in München am S-Bahnhof Solln von zwei Jugendlichen zusammengeschlagen, Brunner stirbt. Die Täter sind 17 und 18 Jahre alt. Der ältere wird im September 2010 zu neun Jahren und zehn Monaten Haft wegen Mordes verurteilt. Sein Komplize erhält sieben Jahre wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge.