Seit 1998 hat die Polizei in Deutschland 109 Menschen erschossen, meistens aus Notwehr. Rein rechnerisch sind Polizisten hierzulande mit dem Extremfall gezielter Schüsse alle zehn Tage konfrontiert. Viele von ihnen werden danach krank und leiden ein Leben lang.

Hannover. Polizisten in Deutschland haben vergangenes Jahr acht Menschen erschossen und 20 durch Kugeln verletzt. In insgesamt 36 Fällen und damit exakt so oft wie 2011 haben die Beamten mit ihren Dienstwaffen gezielt auf Menschen geschossen. Weil sie nicht immer trafen, gab es weniger Opfer als Vorfälle. Diese Zahlen gehen aus Statistiken im Auftrag der Innenministerkonferenz (IMK) hervor. Das Land Niedersachsen hat in diesem Jahr den wechselnden IMK-Vorsitz.

Der niedersächsische Innenminister und amtierende IMK-Vorsitzende Boris Pistorius (SPD) sagte am Mittwoch: „Die Statistik über den Schusswaffengebrauch 2012 zeigt ganz eindeutig, dass unsere Polizeibeamtinnen und -beamte verantwortungsbewusst und nur in besonderen Ausnahmefällen die Schusswaffe gebrauchen.“

Rein rechnerisch ergibt sich aus den Zahlen wie in den Vorjahren auch, dass Polizisten hierzulande jeden zehnten Tag im Ernstfall ein Menschenleben mit Schüssen gefährden. Fast immer ist Notwehr der Auslöser – dieses Bild zieht sich ohne Ausreißer über die gesamten vergangenen Jahre.

Von den 36 Fällen 2012 ereigneten sich 35, um lebensbedrohliche Situationen abzuwenden. Alle acht Todesopfer sind aus dieser Kategorie. Im 36. Fall wollte die Polizei die Flucht eines Schwerverbrechers mit der Dienstwaffe vereiteln, dabei gab es einen Verletzten. Eine weitere mögliche Kategorie sind etwa Fälle, in denen Schüsse Schwerverbrechen wie Geiselnahmen beenden.

In 54 Fällen feuerten Polizisten vergangenes Jahr Warnschüsse ab und bei 14 Ernstfällen schossen sie auf Gegenstände – etwa Türen oder Reifen. Seit 1998 gab es 656 Ernstfälle, bei denen Polizisten auf Menschen zielten und auch abdrückten. Dabei starben 109 Menschen.

Minister Pistorius sagte: „Es ist erfreulich, dass die Tendenz des Schusswaffengebrauchs gegen Personen seit langem rückläufig ist und in den letzten Jahren auf niedrigem Niveau verharrt. Dies ist auch ein Beweis für die gute Aus- und Fortbildung der Beamtinnen und Beamten, um sie auf derartige Extremsituationen vorzubereiten.“

In der jüngeren Vergangenheit gab es immer wieder Diskussionen um die wachsende Zahl gewaltsamer Übergriffe auf Polizisten. Die Polizeigewerkschaften beklagen eine zunehmende Gewaltbereitschaft. Die Kriminalstatistik stützt dieses Bild. Demnach gab es vergangenes Jahr 30 Mord- und 54 Totschlagsversuche gegen Polizisten. Drei Beamte starben bei solchen Attacken. Gefährlich verletzt wurden Polizisten 2012 in 1762 Fällen, bei 1993 Attacken blieb es nur beim Versuch.

Der Polizist Oliver Tschirner hat 2009 in einer Masterarbeit an der Hochschule der Deutschen Polizei in Münster Polizisten befragt, die im Dienst einen Menschen getötet haben. Eines seiner Ergebnisse: Viele Polizisten sind danach ein Leben lang traumatisiert. Nur ein Drittel kehre bald in den Dienst zurück. Beim zweiten Drittel gelten die Folgen als langwierig, oft müssen die Kollegen zum Innendienst. Das letzte Drittel leide fortwährend und sei lange therapiebedürftig.