06.02.13

FBI trickst Geiselgangster aus

Drama in den USA nach sechs Tagen beendet. Fünfjähriges Opfer unverletzt, Kidnapper von Polizei erschossen

Von Michael Remke

Midland City. "Ethan geht es gut. Er lacht schon wieder, hat großen Appetit und macht Witze. Er tut Dinge, die Fünfjährige so machen." So beschreibt FBI-Agent Steve Richardson den Zustand des Jungen, der nach sechs Tagen in Geiselhaft von Spezialkräften der Polizei aus einem unterirdischen Bunker in Alabama befreit wurde. Der Geiselnehmer, Vietnam-Veteran Jimmy Lee Dykes, 65, wurde von den Beamten erschossen.

Am Ende einer nervenaufreibenden Woche hatte sich die Polizei zur Stürmung des Bunkers entschlossen. "Die Verhandlungen hatten sich in den vergangenen 24 Stunden dramatisch verschlechtert", begründete Richardson die Entscheidung für den riskanten Einsatz. Dykes sei zunehmend aggressiver geworden. "Er ist in dem Bunker mit einer Waffe herumgelaufen und hat gedroht, den Jungen zu erschießen. Das Leben von Ethan war in unmittelbarer Gefahr."

Deshalb stürmte ein Team von drei bis vier FBI-Agenten den Bunker und befreite die Geisel. Die Polizei hatte in den vergangenen Tagen nicht nur über ein zehn Zentimeter breites und sechs Meter langes Plastikrohr mit dem Geiselnehmer Kontakt. Das FBI installierte auch heimlich eine Kamera in dem 2,50 Meter mal 2,50 Meter großen und 2,40 Meter hohen Schutzraum. Das Verteidigungsministerium stellte militärisches Spezialgerät zur Verfügung. Eine Drohne, die eigentlich im Krieg gegen den Terrorismus eingesetzt wird, soll über dem Bunker gekreist sein und von der Luft aus den Raum auf mögliche Bombenfallen "geröntgt" haben.

Die Lage war brisant, denn Dykes soll dort auch Sprengstoff gelagert haben. Am Ende gelang die Stürmung des 1,20 Meter unter der Erde liegenden Bunkers - mit einem einfachen Trick. Der Junge, der unter dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, sowie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit) leidet und täglich Medikamente nehmen muss, sollte neue Medizin bekommen. Dazu hatte sich Ethan zusätzlich Käsechips und ein weiteres Spielzeugauto gewünscht. Seit der Geiselnahme hatte der Fünfjährige die Sachen über das Plastikrohr bekommen, doch diesmal bestand die Polizei darauf, das Paket wegen der Übergröße am Eingang abzustellen. Der übermüdete Geiselnehmer fiel auf die List herein. Als er die Tür öffnete, warfen die Einsatzkräfte eine Blendgranate, die ihn sofort außer Gefecht setzte. "Ich habe einen unglaublich lauten Knall gehört", sagte Nachbar Daryle Hendry. "Dann folgten mehrere Gewehrschüsse."

Begonnen hatte die Geiselnahme in dem 2300 Einwohner zählenden Ort Midland City Dienstag vor einer Woche. Der 1,82 Meter große und 77 Kilogramm schwere Dykes hatte einen Schulbus überfallen und zwei Kinder als Geiseln gefordert. Als sich der Fahrer, Charles Poland, 66, Dykes in den Weg stellte und so 21 Schülern die Flucht über die Hintertür des Busses ermöglichte, tötete der Kidnapper ihn mit vier Schüssen. Danach packte er Ethan und flüchtete. Schüler berichteten, wie Poland ihnen das Leben gerettet hat. "Dykes hat geschrien, dass er alle erschießen wolle", sagte Tarrica Singletary, 14. "Mister Poland ist wirklich ein Held." Die Geiselnahme muss Dykes, der vor zwei Jahren mit dem Bau seines Bunkers begonnen hatte, lange vorher geplant haben. Der Schutzraum verfügte über eine Heizung und Strom. Ethan konnte auch Fernsehen schauen. Nur eine Toilette soll es nicht gegeben haben. Zur Verständigung hatte der Amerikaner ein Plastikrohr nach außen gelegt.

Nachbarn beschreiben Dykes als "einsamen, gewaltbereiten und paranoiden Mann". Er soll einen Hund, der auf sein Grundstück gelaufen war, ohne Grund mit einem Rohr erschlagen haben. Dykes fühlte sich bedroht, vor allem von der Regierung in Washington. "Er war ein typischer Einzelgänger, der der Regierung nicht über den Weg getraut hat", sagte Ermittler Tim Bryd. "Er fiel immer wieder durch antiamerikanische Parolen auf." Hass auf die Regierung könnte deshalb ein Motiv gewesen sein. Dykes, der von 1964 bis 1969 als Navy-Soldat in Vietnam diente und mehrfach ausgezeichnet wurde, sollte am vergangenen Mittwoch aber auch vor Gericht erscheinen. Er hatte einen Nachbarn und dessen sechs Monate alte Tochter mit einer Pistole bedroht. Als beide im Auto flüchteten, hatte er auf sie geschossen. Sheriff Warry Olsen spekulierte, dass "Dykes eine Botschaft loswerden" wollte. Er bestätigte, dass der Kidnapper gefordert hatte, Ethan gegen einen Journalisten auszutauschen. "Dykes wollte ihm seine Geschichte erzählen."

An diesem Mittwoch kann Ethan seinen sechsten Geburtstag feiern - in Freiheit.

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