02.02.13

Midland City

Das Geiseldrama um einen Fünfjährigen

Seit Dienstag hält ein US-Rentner das Kind in einem Bunker fest. Warum, weiß niemand. Die Polizei setzt auf Zermürbung.

Von Michael Remke
Foto: REUTERS
Law enforcement personnel walk away from the perimeter of the scene of a shooting and hostage taking in Midland City
Schwer bewaffnete Polizisten marschieren am Tatort auf

Midland City. Die Einsatzkräfte sind ausgerüstet, als zögen sie in einen Krieg. Mindestens 50 schwer bewaffnete und mit Splitterschutzwesten ausgerüstete Männer der Staatspolizei und des FBI sowie Sprengstoffexperten haben das Anwesen in dem kleinen Ort Midland City (US-Staat Alabama) umstellt. Sie sollen einen fünfjährigen Jungen retten, den der Grundstücksbesitzer dort in einem selbst gebauten Bunker schon den vierten Tag festhält.

Der Vietnam-Veteran und pensionierte Lastwagenfahrer Jimmy Lee Dykes, 65, hatte am Dienstagnachmittag einen Schulbus überfallen, den Fahrer Charles Poland, 65, erschossen und eines der 23 Kinder als Geisel genommen. Trotz intensiver Verhandlungen der Polizei hat sich Dykes auch am Freitag geweigert, den Jungen - sein Name wird mit Ethan angegeben - freizulassen und aufzugeben.

"Wir nehmen uns Zeit und hoffen, so den Geiselnehmer zu zermürben", sagt Polizeisprecher James Arrington. Nachbarin Kelley Miller, die Dykes kennt, sagt: "Ich denke, er wird dem Jungen nichts tun. Dykes will uns etwas sagen. Was auch immer das sein mag: Der Junge dient ihm nur zum Schutz."

Laut Polizei kenne Dykes seine Geisel nicht und habe sie nur zufällig ausgesucht. Ursprünglich wollte er offenbar zwei Kinder mitnehmen. Busfahrer Poland hatte sich Dykes aber in den Weg gestellt und so die Flucht der anderen 22 Schüler durch die Hintertür des Schulbusses ermöglicht. Dykes tötete Poland daraufhin mit vier Schüssen.

Poland und Dykes haben sich offenbar gekannt. Am Morgen hatte der Busfahrer seinem späteren Mörder noch Eier und Marmelade geschenkt. Poland bedankte sich dafür, dass Dykes seine Einfahrt aufgeräumt hatte und er den Bus so besser wenden konnte. Dykes soll das Geschenk später einem Nachbarn gegeben haben. "Ich brauch das Zeug nicht", soll er gesagt haben.

Für die Einsatzkräfte ist es schwierig, den 1,20 Meter unter der Erde liegenden Bunker im Garten von Dykes zu stürmen, ohne den Jungen in Gefahr zu bringen. Der Schutzraum soll etwa 1,80 Meter mal 2,40 Meter groß und fast 2,50 Meter hoch sein. Dykes, der vor fünf Jahren nach Midland City gezogen war, muss ihn vor seiner Tat mit Lebensmitteln und einem Fernseher ausgestattet haben. Auch Strom und eine Heizung muss es geben. Die Temperaturen in der Nacht liegen nur knapp über dem Gefrierpunkt. Die umliegenden Häuser wurden vorsichtshalber evakuiert.

Die Polizei verhandelt über ein zehn Zentimeter dickes Lüftungsrohr mit dem Geiselnehmer. Darüber wurde das unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit) und dem Asperger Syndrom, einer Form von Autismus, leidende Kind auch mit Medikamenten, einem Malbuch sowie Buntstiften versorgt. "Er weint viel und vermisst seine Eltern", sagt Polizeisprecher Arrington. Ansonsten soll es dem Jungen aber den Umständen entsprechend gut gehen. Die Eltern warten in der Nähe.

"Dykes hat vor zwei Jahren mit dem Bau des Bunkers begonnen", sagte Nachbar Jimmy Davis den örtlichen TV-Stationen. "Immer wenn ich gegen 2 Uhr morgens von meiner Nachtschicht kam, habe ich ihn gesehen." Als er Dykes darauf ansprach, habe der nur gesagt, er wolle sich einen Schutzraum gegen Tornados bauen. Viele Bürger in der vor allem durch ihre Erdnussfarmen bekannten Gegend haben einen solchen Bunker. Ungewöhnlich sei nur, so Davis, dass Dykes daran mitten in der Nacht gebaut habe.

Nachbarn beschreiben den Geiselnehmer als "einsamen Mann", der keine Freunde habe und sich nicht in der Gemeinde engagiere. Dykes soll "paranoid" sein und einen "Hass auf die Regierung" haben. Der Vietnam-Veteran habe sich von der Regierung in Washington bedroht gefühlt. Die Beschreibungen der Nachbarn bestätigte mittlerweile auch die Polizei. "Er ist ein typischer Einzelgänger, der der Regierung nicht über den Weg traut", sagt Tim Byrd, einer der Ermittler. "Er fiel in der Nachbarschaft immer wieder durch antiamerikanische Parolen auf."

Ob das das Motiv des Geiselnehmers ist, blieb jedoch auch am Freitag völlig unklar. Dykes hatte am Mittwoch einen Gerichtstermin. Ihm wird vorgeworfen, einen Nachbarn und dessen sechs Monate alte Tochter mit einer Waffe bedroht zu haben. James Davis war mit seinem Wagen über Dykes Grundstück gefahren. Nach einem Streit habe Dykes daraufhin seine Pistole geholt und zwei Schüsse auf den im Auto flüchtenden Davis und dessen Tochter abgegeben.

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