Jahreswechsel

Abschied von der Doppelnull - ein Rückblick

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Welche Ereignisse und Phänomene haben die Nullerjahre geprägt? Diana Zinkler über ein Jahrzehnt zwischen Erwartung und Suche.

Die Oper in Sydney leuchtete, die Menschen jubelten, der Times Square in New York war überfüllt wie nie, Hamburg feierte lautstark am Hafen, sogar auf einem Steg in Saßnitz auf der Ostseeinsel Rügen war mehr los als sonst. Schon gegen 23 Uhr am letzten Tag des zu Ende gehenden Jahrtausends trieb es die Silvester-Urlauber auf die Mole, raus in den Wind, um das zu begrüßen, was so groß angekündigt war: Millennium 2000. Die Obersause. Der Aufbruch in eine neue Zeit.

Obwohl man schon da hätte skeptisch sein können. Das, was kommen sollte, waren die "Nullerjahre", so genannt eigentlich nur wegen der beiden Ziffern in der Mitte.

Aber die New Economy war zu diesem Zeitpunkt für die meisten noch nicht zu Ende. Firmen luden ihre Mitarbeiter zu kostspieligen Betriebsausflügen ein, Helikopterflüge, Schneekatzenrennen in Finnland, gemeinsame Konzertbesuche bei Robbie Williams in London. "Anything goes" lautete die Parole, und das britische Ex-Boygroup-Mitglied lieferte den vorgezogenen Soundtrack für das Jahrzehnt mit seiner Hitsingle "Millennium" (1998) und seinem Album "Sing When You're Winning" (2000). Die Spaßgesellschaft feierte, benutzte mehr und mehr das Internet, telefonierte selbstverständlich mit dem Handy, stürzte sich auf Computerspiele, schrieb sich per E-Mail und zog in das Big-Brother-Haus. Auch die Sache mit den Nullen ging gut aus. Am "Jahr-2000-Problem" zeigte sich, wie fragil die digitale Welt wirklich war. Denn bei der Programmierung unserer Computer war anfangs nicht bedacht worden, dass sie auch über das Jahr 2000 hinaus in Betrieb sein würden. So fürchteten Experten, dass viele Rechner automatisch beim Jahreswechsel auf das Jahr 1900 springen würden, weil sie mit der Doppelnull nicht zurechtkämen. Aber der große gefürchtete Computer-Crash, der Y2K, blieb aus.

So hätte es weitergehen können.

Und dann passierte das, womit niemand gerechnet hatte. Der erste Wendepunkt dieses Jahrzehnts. Der 11. September 2001 veränderte die Welt, kostete Tausenden Menschen das Leben, bedrohte die, die sich sicher wähnten, störte die Ruhe. Der im ersten Moment befürchtete Dritte Weltkrieg fand nicht statt, doch Kriegseinsätze in Irak und Afghanistan folgten, bis heute dauern sie noch an. Die Weltgemeinde fand nach dem Ende des Kalten Krieges und einem Jahrzehnt, den 90ern, das scheinbar völlig postmodern ohne das Beziehen jeglicher Positionen ausgekommen war, neue Feindbilder: die Muslime, die Amerikaner, gute Staaten und schlechte Staaten. Im Schatten dieses "Krieges der Kulturen" erhob sich weitab davon China zur neuen Weltmacht. Doch hierzulande war die Stimmung nicht mehr auf dem Höhepunkt, sondern fiel ohne Ankündigung auf "Ground Zero".

Die Ironie war am Ende. So wie es bereits 1998 der Brit-Popper Jarvis Cocker mit "Irony Is Over" schon angekündigt hatte und die neue deutsche Popliteratur es mit dem Sammelband von Christian Kracht, "Mesopotamia. Ernste Geschichten am Ende des Jahrtausends", noch einmal zitierte. Was nun? Viele verloren an den Börsen ihr Geld. Die Start-ups, die für die Gewinne gesorgt hatten, zogen aus den Lofts und Design-Büroetagen aus. Die Arbeitslosenquote stieg. Eine Krise und niemand ahnte, dass noch eine zweite folgen sollte.

Die kommenden Jahre waren nicht leicht.

Wir sahen jetzt die Kreativen und Werber, die bis vor Kurzem noch in schmalen Paul-Smith-Anzügen und Turnschuhen selbstbewusst die geschäftige Lässigkeit des Erfolgs vor sich hertrugen, mit ihren Laptops in Cafés arbeiten. Man fragte sich, wo kommen die eigentlich plötzlich alle her? Arbeiten die überhaupt? Man hörte junge Leute selbstbewusst äußern, Lehrer werden zu wollen, weil das ein sicherer Job sei. Wer "irgendwas mit Medien" plante, hatte entweder sehr viel Mut oder einfach versäumt, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten.

Dieses Phänomen, allein im Café oder von zu Hause arbeiten, bekam schließlich 2003 einen Namen, die Ich-AG. Und die Jüngeren, obwohl sie ein Studium abgeschlossen hatten, gehörten nun zur "Generation Praktikum". Jung, gut, billig.

Die Gucci-Versace-Zeit, golden, vergnügungssüchtig, oberflächlich und respektlos, war vorbei. Das, was vorher so viel Möglichkeiten eröffnete, Status und Geld, fehlte vielen jetzt. Und die, die beides noch hatten, verloren die Lust daran, es zu zeigen. Tita von Hardenberg, frühere Moderatorin des Zeitgeist-Magazins "Polylux" schrieb einmal in ihrer "Zeit"-Kolumne, dass sie beim Besuch einer teuren Berliner Boutique von den anderen Besucherinnen und sogar der Verkäuferin überrascht bis missgünstig beäugt wurde, weil diese sich wohl darüber wunderten, dass es sich jemand leisten konnte oder wollte, dort wirklich noch einkaufen zu gehen.

Was blieb, war die Suche nach neuen Inhalten.

Während auf der Weltbühne der amerikanische Präsident George W. Bush nach seinen größten Feinden fahndete, Saddam Hussein (fand er am 13. Dezember 2003 in einem Erdloch) und Osama Bin Laden (bis heute vermutlich versteckt in pakistanischen Höhlen), blieb den Bürgern nur die Neuorientierung. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit versuchte 2004 in einem Interview die prekären Zustände positiv zu beschreiben "Berlin ist arm, aber sexy", irgendwie galt das gefühlt auch für den Rest der Republik.

Was, wenn der Job weg und die Welt da draußen so unsicher ist, dass man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass alles gut wird, wie Nina Ruge es jeden Abend in ihrer Sendung "Leute heute" bis zum Februar 2007 versprach? Yoga boomte und die Yogamatte wurde zum Accessoire des modernen Großstadtmenschen. Das war genauso schick wie Einkaufen im Bio-Supermarkt, wie eine Espressomaschine, der solarbetriebene Milchaufschäumer, wie Buddhismus und Ayurveda-Urlaub, und überhaupt die teuren Küchengeräte im eigenen Heim. Sinnsuche und die neue Heimeligkeit bei Ikea finden, das löste die goldene Kreditkarte ab. Die Welt da draußen forderte wieder mehr Disziplin. Mehr Sparsamkeit. Und einige, wie eine Kette für Elektronisches, verpassten dem Zeitgeist einen Slogan: "Geiz ist geil".

Das Großmäulige und Überschwängliche zu Anfang des Millenniums hatte sich verzogen. Kleinbürgerlichkeit, sogar die neue Spießigkeit wurde zeitweilig propagiert. Dann kam Hartz IV, und arm war nicht mehr sexy. Die rot-grüne Regierung wurde abgewählt. Deutschland bekam im November 2005 die erste weibliche Kanzlerin.

Zum Glück entwickelte sich über die Jahre aus einer kleinen Parallelwelt heraus eine Gegenbewegung. Die Love-Generation der 90er-Jahre muss irgendwann nach Mallorca und Ibiza gezogen sein, und deren Feiermentalität schwappte 2006 rechtzeitig auf den deutschen Boden über. Mit der Fußball-Weltmeisterschaft kehrte die Leichtigkeit zurück. Der "Teamgeist" nahm alle mit und bescherte den Deutschen und all ihren Gästen bei Sonnenschein einen Monat lang beste Partyverhältnisse. Die deutsche Nationalmannschaft schaffte es bis ins Halbfinale. Die Stimmung war wieder auf dem Höhepunkt, das Land war glücklich, die Geilheit der Geizigen war vergessen, das Geld wurde für Bier ausgegeben. Argentinier, Schweden und Afrikaner wunderten sich über dieses Land, und das Bild von den Deutschen änderte sich nachhaltig. Eine "fiesta alemana" war nun keine langweilige Party mehr, sondern eine, auf der ausgelassen getanzt und gesungen wurde. Auch wenn der Grat zwischen gesundem Patriotismus und übertriebenem Nationalismus schmal war. Nur der Autor Maxim Biller wollte Deutschland am Ende dieses Sommers sogar verlassen, er empfand das Fahnenschwenken als Bedrohung.

Aber von da an ging es wenigstens wieder aufwärts. Die WM war im positiven Sinne ein zweiter Wendepunkt dieses Jahrzehnts. Der Kunstmarkt boomte, denn Kunst galt als höherer Wert, aber vor allem als gute Anlage, fernab der Börse. Der digitale Fortschritt machte soziale Netzwerke wie Facebook, Xing oder studiVz immer beliebter. Es wurde getwittert, gechattet und der Computer als Zugang zum Internet vom Smartphone abgelöst. Viele schworen auf das iPhone, die Fortführung des iPods, dem Symbol für den spätdigitalen Siegeszug des amerikanischen Computerherstellers Apple. MP3 war nicht mehr einfach MP3 für die, die sich die schlanken, schlichten Fortsetzungen des Walkmans leisten konnten. Der Apfel war in den Nullerjahren überall, war das neue Sony. Weiß, klar, der Gegenentwurf zum Zuviel der 90er.

Der Mensch war mobil, Internet überall und die meisten Inhalte darin kostenlos. Eine Welt hatte sich entwickelt, in der eine "freie Enzyklopädie" inzwischen über eine Million Einträge hat, die nicht durch die bezahlten Kräfte Einzelner entstanden ist, sondern allein durch das kollektive Wissen der Weltgemeinde wächst.

Alle Zeichen standen auf Grün, zumindest für die, die es nicht besser wussten. Als am 15. September 2008 die amerikanische Bank Lehman Brothers die Pleite verkündete, begann die weltweite Finanzkrise. Das war der dritte Wendepunkt dieses Jahrzehnts. Wieder verloren Menschen ihr Geld, Firmen ihre Aufträge, Angestellte ihre Jobs. Die Bundeskanzlerin mahnte zur Ruhe: "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind." Ermöglichte Kurzarbeit und die Abwrackprämie. Mittendrin wählte Amerika seinen ersten schwarzen Präsidenten, und mit ihm stiegen weltweit die Erwartungen auf eine bessere, friedlichere und ruhigere Welt ohne Terroranschläge und Kriege, nicht nur in Afghanistan und im Irak, auch den Nahost-Konflikt sollte er lösen und für ein besseres Klima sorgen.

Heute Nacht verabschieden wir uns von diesem Jahrzehnt der Erwartungen und der Suche. Vielleicht sogar ein bisschen froh, denn 2010 ist wieder ein WM-Jahr, und Deutschland ist einfach noch nie in der Vorrunde ausgeschieden. Hoffen wir auf das "Wunder vom Kap". Ein schöner Auftakt für die Zehner-Jahre.

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