23.01.13

HSV

Manfred Ertel: "Zeit der Patriarchen ist vorbei"

Der neue HSV-Aufsichtsratschef spricht im Abendblatt-Interview über Führung, Investor Kühne und den FC Bayern München.

Von Kai Schiller
Foto: Roland Magunia
Manfred Ertel, HSV-Aufsichtsratschef;
Manfred Ertel, 62, auf einer Terrasse in der Hamburger Speicherstadt. Der "Spiegel"-Redakteur ist seit Montag Vorsitzender des HSV-Aufsichtsrats

Hamburg. Viel Zeit hatte Manfred Ertel am Dienstag nicht. Trotzdem traf sich der 62 Jahre alte Journalist einen Tag nach seiner Wahl zum neuen HSV-Aufsichtsratschef mit dem Abendblatt zum ersten Interview als Vorsitzender. Im Wasserschloss in der Speicherstadt gab es eine Currysuppe, Bruschetta und einige überraschende Antworten.

Hamburger Abendblatt: Herr Ertel, was hat Ihre Frau Krista Sager, eine große St.-Pauli-Anhängerin, am Montagabend gesagt, als Sie als neuer Vorsitzender des HSV-Aufsichtsrats nach Hause kamen?

Manfred Ertel: Zunächst mal hat sie nichts gesagt, weil sie gerade auf Dienstreise ist. Aber am Telefon hat sie sich sehr für mich gefreut. Gleichzeitig macht sie auch ein wenig Sorgen, dass ich nun angefeindet werden könnte.

Brauchten Sie eigentlich die Erlaubnis Ihres Arbeitgebers?

Ertel: Mir ist sehr wichtig, dass ich meine private Leidenschaft für den HSV und mein berufliches Engagement für den "Spiegel" in keiner Weise vermische. Deswegen möchte ich eigentlich dazu auch gar nicht viel sagen. Nur so viel: Ich freue mich, dass meine Chefs sehr tolerant sind und mir sogar zu meiner Wahl gratuliert haben.

Im Vorfeld der Mitgliederversammlung haben Sie und Ihr Vorgänger Alexander Otto aktiv um Hamburger Persönlichkeiten geworben. Sind Sie enttäuscht, dass diesem Aufsichtsrat trotz Ihres Bemühen die Aushängeschilder fehlen?

Ertel: Überhaupt nicht. Am Ende geht es doch darum, was für Qualitäten und Lebensleistungen jeder Kontrolleur mit einbringt. Und ich bin sehr wohl der Meinung, dass unser Rat sehr geeignete Kandidaten hat, mit hervorragenden Qualitäten und Qualifikationen und einer sehr großen Leidenschaft.

Verglichen mit dem Verwaltungsrat des FC Bayern München, der durchgängig mit Wirtschaftsgrößen besetzt ist, scheint die Wirtschaftskompetenz beim HSV überschaubar.

Ertel: Bayern München ist ein sehr professionell geführter Verein, der unglaublich erfolgreich ist. Aber auch wir haben Grund, stolz auf unsere Strukturen, unsere Tradition und unsere Erfolge zu sein. Und man kann die Rahmenbedingungen des FC Bayern nicht so einfach auf den HSV übertragen. In München ist die Fußballabteilung aus dem Gesamtverein ausgegliedert in eine AG, die Großunternehmen Adidas und Audi haben für wahnsinnige Millionenbeträge Anteile erworben, demnächst kommt wohl noch ein Unternehmen hinzu. Wenn deren Vertreter im Aufsichtsrat sitzen und über ihr eigenes Kapital wachen, ist das doch nur logisch. Diese Form der Struktur finde ich derzeit für uns nicht erstrebenswert und die übergroße Mehrheit unserer Mitglieder auch nicht. Und das ist für uns entscheidend.

Öffentlich wird auch immer wieder fehlende sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat beklagt. Sehen Sie das anders?

Ertel: Ich habe das Gefühl, dass dieses Thema oft überbewertet wird. Der Aufsichtsrat hat die Aufgabe, den Verein und den Vorstand in wirtschaftlichen Fragen zu kontrollieren, aber das Gremium hat laut Satzung keine sportlichen Befugnisse. Dafür haben wir hervorragende Experten als Trainer, Sportchef und in deren Mitarbeiterstab.

Sportliche Expertise im Aufsichtsrat würde aber auch nicht schaden.

Ertel: Es wurden ja ehemalige Spieler gefragt, aber niemand war bereit. Es ist aber auch kein entscheidendes Kriterium als Aufsichtsrat, ob man die Außenlinie zehn Jahre lang mehr oder weniger erfolgreich hoch- und runtergelaufen ist und Flanken aus vollem Lauf schlagen konnte oder nicht. Das Wichtigste ist und bleibt das Fachwissen in Finanzfragen und die Kenntnis des Vereins.

Dann lassen Sie uns übers Wirtschaftliche sprechen. Hat der HSV in den vergangenen zwei Jahren über seine Verhältnisse gelebt?

Ertel: Das denke ich nicht. Alles, was der Vorstand gemacht hat, war wirtschaftlich verantwortbar, sonst hätte der Aufsichtsrat nicht seinen Segen gegeben. Und man sollte auch nicht vergessen, dass wir noch immer unter den Altlasten der Vergangenheit zu leiden haben.

Es war der aktuelle Vorstand, der gleich mehrere millionenschwere Darlehen wie zum Beispiel beim Kauf Rafael van der Vaarts aufgenommen hat. Ist es da nicht zu einfach, immer wieder die Altlasten aus der Vergangenheit als Begründung für die wirtschaftlich schwierige Lage der Gegenwart heranzuziehen?

Ertel: So einfach macht es sich ja auch niemand, aber es muss erlaubt sein, beim Gesamtbild auch das im Blick zu behalten. Und was die Verpflichtung Rafael van der Vaarts betrifft: Jeder im Verein war sich des finanziellen Risikos bei dieser Verpflichtung bewusst. Gerade im Aufsichtsrat wurde selten zuvor ein Transfer so sorgfältig überprüft. Trotzdem bin ich auch im Nachhinein, nach Abwägung aller Chancen und Risiken, der Meinung, dass dieser Transfer sehr wichtig für uns war - und auch verantwortbar.

Der Transfer war nur durch das Darlehen des Milliardärs Klaus-Michael Kühne möglich. Werden Sie in Ihrer neuen Funktion den Kontakt zu ihm suchen?

Ertel: Warum nicht? In der Vergangenheit habe ich mich bereits sehr intensiv mit seinem Bevollmächtigten Karl Gernandt ausgetauscht. Das war ein ausgezeichnetes Gespräch mit vielen Gemeinsamkeiten. Ich war ja auch nie ein Gegner von Herrn Kühne, sondern habe lediglich das Investorenmodell des alten Vorstands abgelehnt, bei dem das wichtigste Kapital unseres Vereins, nämlich sechs unserer Spieler, praktisch verpfändet wurden. Dies hat unser Vorstand ja nun erfolgreich zurückabgewickelt, und Herr Kühne hat uns dazu ein faires Darlehen gewährt, das uns in dieser Form keine Bank gegeben hätte.

Anhänger des ersten Deals kontern, dass Herr Kühne dem HSV damals 12,5 Millionen Euro praktisch geschenkt hat und dem Verein beim zweiten Modell lediglich acht Millionen Euro leiht.

Ertel: Das stimmt aber nicht. Herr Kühne ist dem HSV durch die neue vertragliche Situation finanziell so weit entgegengekommen, weil unser Vorstand durch den zweiten Vertrag die Rechte an den zahlreichen Spielern zurückerworben hat. Das ist ein großer Erfolg und eine große Geste.

Ist Ihnen denn bewusst, dass Sie als Vorsitzender und Supporters-Vertreter öffentlich sehr viel mehr im Fokus stehen dürften als Ihre Vorgänger?

Ertel: Das sehe ich nicht so. Wir sind ein Kollektivorgan, arbeiten auf Augenhöhe zusammen. Als neuer Vorsitzender bin ich lediglich so etwas wie ein Sprecher und Primus inter pares. Die Zeiten der Patriarchen sind vorbei.

Auf die Frage, was einen guten Aufsichtsratschef auszeichnet, antwortete Udo Bandow, der Grandseigneur des HSV: "Ein Vorsitzender sollte Sympathieträger und Aushängeschild des Vereins sein, Kontaktperson zu Wirtschaft und Politik und gut vernetzt im deutschen Fußball sein." Was trifft davon auf Sie zu?

Ertel: Das sollten in den kommenden Monaten dann wohl besser andere bewerten. Meine Frau würde Ihnen aber sicher bestätigen, dass ich zumindest ein Sympathieträger bin.

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