Bordeaux/Hamburg. Auch Khedira offenbar vor dem EM-Aus. Schweinsteiger verblüfft mit Elfer-Wahl. 43-jährige Frau stirbt bei Feier nach Elfmeterschießen.

Das war ein erster, dafür umso gewaltigerer Schritt in der Trauma-Therapie: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat im Viertelfinale der Europameisterschaft tatsächlich Angstgegner Italien besiegt und steht somit im Halbfinale am kommenden Donnerstag im Stade Velodrome in Marseille (21 Uhr). Gegner ist Gastgeber Frankreich, das am Sonntagabend das Überraschungsteam aus Island mit 5:2 nachhause schickte.

Die deutschen Spieler in der Einzelkritik

Allerdings musste für den hart umkämpften Erfolg gegen die Squadra Azzurra ein denkwürdiges Elfmeterschießen herhalten, das erst nach dem 18. Schützen zu Gunsten der Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw entschieden wurde. Den letzten Standard verwandelte Kölns Jonas Hector. Zuvor hatte es nach 120 Spielminuten nach Treffern von Mesut Özil (65.) und Leonardo Bonucci (78./Handelfmeter) 1:1 gestanden.

Abendblatt.de hält Sie nach dem Elfmeter-Krimi über die deutsche und italienische Nationalmannschaft auf dem Laufenden.

Deutschland trifft auf Frankreich

Nach dem 5:2-Sieg Frankreichs im letzten Viertelfinale am Abend gegen ein tapfer kämpfendes Island steht fest, dass Deutschland im Halbfinale auf den Gastgeber, die Équipe Tricolore trifft.

Boateng-Handspiel löst Internet-Hype aus

Jéôme Boatengs Handspiel im Strafraum hat weitreichende Folgen: Es gab im Anschluss nicht nur Elfmeter für Italien, es löste auch Gespött im Netz aus. Sehen Sie HIER die besten Fotomontagen mit dem Abwehrchef der Nationalmannschaft aus Protogonisten.

EM-Aus für Gomez

Für Mario Gomez ist die EM vorzeitig beendet. Der Angreifer hat einen Muskelfaserriss im rechten hinteren Oberschenkel erlitten, teilte der DFB mit. Ein Einsatz im Halbfinale und einem möglichen Endspiel sei ausgeschlossen. "Es ist sehr bitter, wenn in der entscheidenden Phase des Turniers wichtige Spieler ausfallen", sagte Bundestrainer Joachim Löw. "Besonders für Mario tut es mir leid. Er hat bei der EM starke Leistungen gezeigt und der Mannschaft nicht nur mit seinen Toren sehr geholfen."

Da auch Sami Khedira das EM-Aus droht, Bastian Schweinsteiger angeschlagen ist und Mats Hummels im nächsten Spiel gelbgesperrt fehlt, ist Löw zum Umbauen gezwungen. "Die Probleme bedeuten, dass wir neue Situation annehmen und Lösungen finden müssen. Und das werden wir. Die Qualität des Kaders ist hoch, ich habe volles Vertrauen in alle Spieler – wir werden am Donnerstag bereit sein und freuen uns auf das Halbfinale in Marseille."

Auch Schweinsteiger fraglich fürs Halbfinale

Bundestrainer Joachim Löw bangt um den Einsatz von Kapitän Bastian Schweinsteiger im Halbfinale. Beim defensiven Mittelfeldspieler wurde nach einer MRT-Untersuchung im Krankenhaus von Annecy eine Außenbandzerrung am rechten Knie diagnostiziert. Ob er am Donnerstag gegen Frankreich auflaufen kann, entscheidet sich wohl erst kurz vor Spielbeginn.

Becker ärgert sich über Lineker

Gary Linekers Bonmot vom einfachen Fußballspiel, das am Ende Deutschland gewinnt, ist ein Klassiker. Nach dem Elfmetersieg gegen Italien zitierte sich der englische WM-Rekordschütze gewissermaßen selbst. "Nun, wer hätte wohl damit gerechnet, dass Deutschland ein Elfmeterschießen gewinnen würde?", twitterte Lineker unmittelbar nach Hectors finalem Schuss, um dann fortzufahren: " Fußball ist ein einfaches Spiel ....... für sie." Noch während des Elfmeterschießens mit sieben Fehlversuchen war sich Lineker nicht gar so sicher über einen deutschen Triumph.

In der BBC trauert der Experte anschließend ein wenig den Italienern hinterher, was wiederum Boris Becker übel aufstieß. Das deutsche Tennis-Idol, dessen Schützling Novak Djokovic zuvor völlig überraschend in Wimbledon ausgeschieden war, mahnte Lineker zu etwas mehr Professionalität an. "Mr. Lineker, Sie scheinen ja beinahe traurig darüber zu sein, dass Italien das Elfmeterschießen verloren hat", twitterte Becker.

43-Jährige stirbt durch Sturz nach Spiel

Die Halbfinalfeier bezahlte eine 43 Jahre alte Frau in Monheim am Rhein (Nordrhein-Westfalen) mit ihrem Leben. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, trat das spätere Opfer nach dem Elfmeterschießen alleine auf die Galerie ihrer Wohnung im dritten Stock hinaus und stürzte aus noch unbekannten Gründen in die Tiefe auf ein Parkdeck.

Zuvor hatte sie mit mehreren Bekannten gemeinsam das Spiel geschaut. Nach ihrem Sturz war die 43-Jährige zunächst noch ansprechbar, erlag später in einem Krankenhaus aber ihren schweren Kopfverletzungen. Die Polizei geht nach ersten Ermittlungen von einem tragischen Unglücksfall aus.

Offenbar EM-Aus für Khedira

Für Sami Khedira ist die EM möglicherweise beendet. Wie der "Kicker" auf Grundlage eigener Informationen berichtet, hat sich der 29-Jährige gegen Italien zumindest einen Anriss im Adduktorenbereich des linken Oberschenkels zugezogen. Damit könnte Khedira weder am Donnerstag im Halbfinale in Marseille noch im möglichen Endspiel am Sonntag in Paris eingesetzt werden. Vom DFB gab es zunächst keine Bestätigung.

Genaue Erkenntnisse über die Schwere der Verletzung sollte eine Kernspin-Untersuchung an diesem Sonntag bringen. „Khedira konnte nicht mehr sprinten“, hatte Bundestrainer Joachim Löw direkt nach dem Spiel in Bordeaux berichtet. Das klang nicht hoffnungsvoll.

Für das Halbfinale gegen Frankreich oder Island steht auch Innenverteidiger Mats Hummels wegen einer Gelb-Sperre nicht zur Verfügung. Ob Stürmer Mario Gomez mitwirken kann, der gegen Italien wie Khedira verletzungsbedingt ausgewechselt wurde, ist ungewiss.

Nur ein Handküsschen für Neuers Nina

Für Manuel Neuers Freundin Nina Weiss reichte es diesmal nur für ein Kusshändchen, Mats Hummels wurde dagegen nach dem Elfmeterkrimi mit einem realen Schmetzer seiner Frau Cathy belohnt. Auch beim Spiel gegen Italien fieberten wieder zahlreiche bessere Hälften im Stadion mit ihren Stars. Hier sind ein paar Eindrücke der Spielefrauen bei dieser EM:

Schweinsteiger verblüfft mit Elfmeter-Wahl

Viktor Kassai schaute einigermaßen verdutzt drein, als Bastian Schweinsteiger ihm das Handzeichen gegeben hatte. Wollte der Kapitän der deutschen Fußball-Weltmeister das Elfmeterschießen wirklich vor der italienischen Fankurve austragen lassen? Im EM-Viertelfinale? Gegen Italien? Der ungarische Schiedsrichter fragte zweimal nach.

Ja, Schweinsteiger wollte. Aus Aberglaube. "Ich habe an Dinge aus der Vergangenheit gedacht, an frühere Elfmeterschießen", berichtete er später. Sicher war damit sein Fehlschuss gegen Petr Cech für den FC Bayern im Champions-League-Finale 2012 gemeint - vor dem Münchner Fanblock. "Wir haben damals auf die Bayern-Kurve geschossen", sagte Schweinsteiger, beim Halbfinalsieg 2012 gegen Real Madrid jedoch "auf die Real-Kurve". Er verwies zudem auf die Schweiz, die vor den eigenen Fans im EM-Achtelfinale gegen Polen scheiterte. Also: "Lass uns mal lieber bei ihnen schießen."

Die Tifosi bejubelten diese Entscheidung ungläubig - doch Schweinsteiger behielt recht. Seinen eigenen Elfmeter allerdings schoss er fast senkrecht in die Höhe und weit über das Tor. Aber das war am Ende glücklicherweise egal.

Nach dem Abpfiff gab der Mittelfeldspieler von Manchester United auch Entwarnung, was seinen geschundenen Körper angeht. "Dafür, dass ich 104 Minuten gespielt habe, fühle ich mich sehr gut", sagte Schweinsteiger, der sich nach seiner Einwechslung für Sami Khedira (16.) wiederholt ans Knie gefasst hatte. "Das war aber natürlich etwas anderes als die Kurzeinsätze zuvor."

Merkel meldet sich, Steinmeier jubelt

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat der Nationalmannschaft zum Sieg gegen Italien gratuliert. „Was für ein Spiel! Herzlichen Glückwunsch an das DFB-Team (Die Mannschaft) zum Erreichen des Halbfinals“, hieß es am frühen Sonntagmorgen auf Merkels offiziellem Facebook-Account. „Ich freue mich sehr über den Erfolg gegen Italien. Jetzt heißt es weiter die Daumen drücken!“ Merkel selbst konnte am Sonnabend nicht im Stadion in Bordeaux dabei sein. Eigentlich hätte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) auf der Tribüne sitzen wollen. Er musste aber kurzfristig absagen aufgrund von technischen Problemen am Flugzeug.

Auch bei Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) war die Freude über den überstandenen Elfmeter-Krimi groß, wie dieses Foto beweist:

Italiener spotten über Fehlschützen

Trotz des Ausscheidens im Viertelfinale hat Italiens Nationalmannschaft mit ihrer EM-Leistung viele Fans überzeugt - die zwei verschossenen Elfmeter von Simone Zaza und Graziano Pellè sorgten aber für reichlich Kritik und Spott. „Was waren das für Schüsse?“, fragte am Sonntagmorgen die „Gazzetta dello Sport“ und lieferte gleich selbst die Antwort: „Was für peinliche Elfmeter.“

Der in der Nachspielzeit der Verlängerung einzig und allein für die finale Entscheidung vom Punkt eingewechselte Zaza sorgte mit kuriosen Trippelschritten und einem Schuss über das Tor für digitale Lacher in den Sozialen Netzwerken. Dort wurden Vergleiche mit dem legendären „Silly Walk“ von Monty Python oder dem Pinguin-Zeichentrickfilm „Happy Feet“ gezogen. Zudem kursierten Fotomontagen, in denen der Ball nach Zazas Schuss auf dem Mond oder zumindest im All landet.

Pellè zog den Spott wegen seiner Gesten vor dem Schuss auf sich, als er etwas zu Torhüter Manuel Neuer sagte und einen Lupfer-Elfmeter à la Panenka ankündigte. Dann aber schob er den Ball flach am linken Pfosten vorbei. „Großmaul“, schimpfte der „Corriere dello Sport“.

Steffen Freund bekam als Experte im englischen Fernsehen gar einen Lachanfall.

Deutschlandweite Hupkonzerte

Das EM-Fieber in Deutschland steigt: Hunderttausende Fußballfans haben weitgehend friedlich den deutschen Halbfinal-Einzug gefeiert. Landesweit wurden von den Fanmeilen steigende Besucherzahlen gemeldet, in den allermeisten Fanarealen blieben aber auch noch Plätze frei.

Vor dem Brandenburger Tor verlebte die Berliner Polizei bei knapp 50.000 Zuschauern einen weitgehend ruhigen Abend, meldete aber zwei Festnahmen. Gegen die beiden Männer wurden Ermittlungen aufgenommen, weil sie das Abspielen der Nationalhymne mit erhobenem rechten Arm begleitet hatten.

Steigende Zuschauerzahlen wurden auch in Hamburg registriert. Schätzungen zufolge verfolgten etwa 35.000 Menschen auf dem Heiligengeistfeld auf einer 126 Quadratmeter großen Leinwand trotz zum Teil heftiger Regenschauer den 6:5-Erfolg des DFB-Teams im Elfmeterschießen gegen Italien.

Nach Angaben des Veranstalters wurde damit eine Höchstmarke erreicht, Platz ist neben dem Millerntorstadion des Zweitligisten FC St. Pauli allerdings für 50.000 Fans. Nach der Partie wurde die Reeperbahn aus Sicherheitsgründen 90 Minuten lang für den Autoverkehr gesperrt, es gab keine nennenswerten Zwischenfälle.

30.000 Menschen hatten sich in der Frankfurter WM-Arena versammelt, im Münchner Olympiastadion zählte man gut 10.000 Fußball-Begeisterte. Nach dem Abpfiff der EM-Partie in Bordeaux wurde auf der Schwabinger Leopoldstraße gefeiert. Fünf Fans fielen der Polizei durch das Zünden von Pyrotechnik auf und wurden angezeigt.

Landesweit waren Hupkonzerte zu hören, unter anderem auch in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. In Mannheim wurden allerdings bei Auseinandersetzungen nach dem Spiel vier Menschen verletzt und zehn vorläufig festgenommen. Beim Public Viewing mit 5000 Fans am Friedrichspark mussten Beamte bereits zum Ende der regulären Spielzeit pöbelnde deutsche und italienische Fans trennen.

Söder twittert gegen Özil und Müller

Der bayerische Finanzminister Markus Söder (49/CSU) hat den im EM-Turnier zweimal als Elfmeter-Fehlschütze in Erscheinung getretenen Mesut Özil via Twitter kritisiert. Kurz vor Mitternacht schrieb Söder bei dem Kurznachrichtendienst: "Irre! Darauf warten wir seit 40 Jahren. Nur: Nie mehr Elfer für Özil. Künftig Elfer nur noch durch junge Spieler."

Um 23:41 Uhr hatte Özil im Elfmeterschießen gegen Italien im Viertelfinale nur den Pfosten getroffen. Der England-Legionär hatte bereits im Achtelfinale gegen die Slowakei einen Elfer verschossen.

Söder, auch zuständig für Landesentwicklung und Heimat, besann sich am frühen Sonntagmorgen allerdings eines Besseren und überarbeitete den Tweet. "Tolle Leistung. Nur: lasst künftig die Elfer nur von den Jungen schießen. Müller, Schweinsteiger, Özil haben verschossen."

Özil ist im Übrigen 27 Jahre alt, Thomas Müller 26. Kritik von anderen Nutzern gab es dann nicht nur zum Ursprungs-Tweet - sondern auch daran, dass er diesen einfach löschte. Etliche User posteten einen Screenshot mit Kommentaren wie „Das Netz vergisst nicht“ oder „...Transparenz und so.“

"Mull" muss wohl auch noch Bolt behandeln

Kleiner Schwenk ins Lazarett: Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt muss sich wohl nicht nur um Jeromes Boatengs Wade sowie die Muskeln von Sami Khedira und Mario Gomez kümmern, sondern sich auch noch auf einen Besuch seines verletzten Edel-Patienten Usain Bolt gefasst machen. Einem Bericht der Zeitung Jamaica Gleaner zufolge will der sechsmalige Olympiasieger für eine Untersuchung seines verletzten Oberschenkels durch seinen Vertrauensarzt extra ins deutsche EM-Quartier nach Frankreich fliegen.

Wann Bolt, der am vergangenen Freitag bei den nationalen Olympia-Ausscheidungen in Kingston wegen einer leichten Zerrung ausgestiegen war, den Übersee-Trip antreten will, ließ das Blatt in seinem Bericht über die Pläne des Weltrekordlers offen. Allerdings drängt die Zeit: Bolt soll in rund drei Wochen in London seinen nachträglichen Lesitungsnachweis für einen Start in Rio erbringen.

Bolts behandelnden Ärzte in Kingston hatte eine Ausheilung der Verletzung innerhalb einer Woche prognostiziert. Allerdings will Bolt sich durch die Expertise von Müller-Wohlfahrt offenkundig zusätzlich absichern, nachdem der renommierte Münchner Mediziner den 29-Jährigen wie zuletzt erst wieder vor rund zwei Monaten im Laufe der vergangenen Jahre erfolgreich behandelt hatte.

Die internationalen Pressestimmen

In den italienischen Medienberichten mischen sich nach dem verlorenen Elfmeterschießen gegen Deutschland Stolz und Trauer. In den anderen Ländern wird vor allem das besiegte Trauma der Deutschen thematisiert. Hier eine Auswahl:

DFB-Kicker vor Prämienrekord

Die deutschen Nationalspieler füllen weiter ihre Urlaubskasse. Mit dem Einzug ins Halbfinale haben Kapitän Bastian Schweinsteiger und seine 22 Teamkollegen ihr Prämienkonto auf 100.000 Euro pro Mann verdoppelt. Dieser Betrag könnte noch weiter bis zur Titelprämie von 300.000 Euro anwachsen. Diese Höchstsumme hatten die deutschen Weltmeister auch 2014 für ihren Triumph in Brasilien kassiert. Der DFB steigerte seine EM-Einnahmen durch den Erfolg im Viertelfinale gegen Italien auf bereits 18,5 Millionen Euro.

Ein vierter EM-Titel würde den Verband eine Ausschüttung von 6,9 Millionen Euro an die Mannschaft kosten. „300.000 Euro sind eine maßvolle, eine angemessene Prämienregelung, die wir mit den Spielern vereinbart haben“, hatte DFB-Präsident Reinhard Grindel erklärt. Das Halbfinale kostet den Verband 2,3 Millionen Euro an die Spieler.

Als Europameister würde der DFB in Frankreich die Rekordsumme von 26,5 Millionen Euro von der Uefa erhalten. Die bisher eingenommenen 18,5 Millionen Euro setzen sich aus Startprämie (8,0 Mio), zwei Siegen und einem Unentschieden in der Gruppenphase (2,5 Mio), Achtelfinale (1,5 Mio), Viertelfinale (2,5 Mio) und Halbfinale (4,0 Mio) zusammen.

Löw muss im Halbfinale umbauen

Im Halbfinale dürfte Joachim Löw im Gegensatz zum Krimi gegen die Squadra Azzurra zu einer Viererkette zurückkehren. Shkodran Mustafi, Torschütze, aber auch Unsicherheitsfaktor gegen die Ukraine, und Benedikt Höwedes stehen als Ersatz für den Gelb gesperrten Mats Hummels bereit.

Löw schloss aber auch nicht aus, erneut mit einer Dreierkette zu spielen. "Ob es eine weitere Option sein wird, muss man sehen", sagte der Bundestrainer.

Darüber hinaus muss sich Löw um die Besetzung im defensiven Mittelfeld neben Toni Kroos Gedanken machen. Nach der Verletzung Sami Khediras kam Kapitän Bastian Schweinsteiger in die Partie. Nach zahlreichen Verletzungen in diesem Jahr und wenig Spielpraxis bei Manchester United ist Schweinsteiger aber noch nicht bei hundert Prozent. In der Verlängerung schleppte er sich über den Platz. "Es war nicht leicht, es war sein erstes Spiel seit langem über so eine lange Distanz", sagte Löw. Das zweite könnte am Donnerstag folgen.

Außerdem lief Jerome Boateng, der schon nach dem Spiel gegen Nordirland mit einer "neurogenen Verhärtung" in der rechten Wade zu kämpfen hatte, in der Schlussphase gegen Italien nicht mehr rund. "Meine Wade hat wieder zugemacht", sagte Boateng nach dem Spiel.

Verletzte bei Massenpanik in Paris

Bei einer kurzen Massenpanik in der Pariser Fanzone sind während der Live-Übertragung des EM-Viertelfinals zwischen Deutschland und Italien (6:5 i.E.) mehrere Menschen leicht verletzt worden. Ausgelöst wurde die Panik laut übereinstimmender Medienberichte durch das Zünden mehrerer Feuerwerkskörper mitten auf dem Marsfeld vor dem Eiffelturm, wo beim Public Viewing während der Fußball-EM 92.000 Menschen Platz finden können.

Am Sonnabendabend rannten nach dem Knall laut des Fernsehsenders RT Hunderte Menschen in Panik los, mehrere stürzten dabei und wurden überrannt. Die Situation habe sich aber schnell wieder beruhigt, die Übertragung des Viertelfinals sei nicht unterbrochen worden.

In Frankreich gilt seit den Terroranschlägen vom November 2015 der Ausnahmezustand, auch die Fanzone in Paris wird von mehreren Hundert Sicherheitskräften gesichert.

Schweinsteiger ist Ronaldo auf den Fersen

Kapitän Bastian Schweinsteiger liegt durch seine Einwechslung in der 16. Minute für Sami Khedira nur noch zwei Einsätze hinter EM-Rekordspieler Cristiano Ronaldo.

Portugals Superstar hat 19 EM-Spiele absolviert, Schweinsteiger und Italiens Torhüter-Ikone Gianluigi Buffon folgen mit 17 Einsätzen. Ronaldo trifft mit Portugal am Mittwoch (21 Uhr) in Lyon im Halbfinale auf Wales.

Schweinsteiger hatte durch seinen Einsatz im dritten Gruppenspiel gegen Nordirland (1:0) Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm (14 Einsätze) als deutschen EM-Rekordspieler hinter sich gelassen.

Scholl attackiert DFB-Scout Siegenthaler

ARD-Experte Mehmet Scholl hat nach dem Spiel scharfe Kritik an der deutschen Taktik und dem DFB-Chefscout Urs Siegenthaler geübt. "Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen. Ich weiß nicht, ob es nur Siegenthaler ist, aber Jogi Löw wacht nicht nachts auf und sagt: 'Jetzt hab ich's: Dreierkette, Dreierkette, Dreierkette'. Das hätte man heute auch anders lösen können“, meinte Scholl angesichts der Hereinnahme des defensiven Benedikt Höwedes für den zuvor starken Offensivmann Julian Draxler.

Joachim Löw und sein Stab sind verärgert über die scharfe Kritik von Scholl. „Eigentlich hat er den gesamten Trainerstab damit irgendwie angegriffen“, erklärte Teammanager Oliver Bierhoff. „Das war unmöglich, wie Mehmet das dargestellt hat. Was uns unglaublich ärgert, und das kann nicht sein. Mehmet kennt unsere Abläufe nicht, er weiß nicht, wie Entscheidungen hier getroffen werden“, betonte Bierhoff.

Mehr zu Scholls Rundumschlag lesen Sie hier.

Hummels ärgert sich über zweite Karte

Abwehrspieler Mats Hummels fehlt Deutschland im Halbfinale. Der 27 Jahre alte Neuzugang von Bayern München sah gegen Italien in der 90. Minute seine zweite Gelbe Karte bei der EURO. "Die zweite Gelbe Karte tut jetzt weh, wegen zwei solcher Situationen gesperrt zu sein. So kann sich mein geschundener Körper noch zwei, drei Tage mehr erholen", sagte Hummels im ARD-Interview nach dem Spiel.

Die erste Gelbe Karte hatte sich Hummels unberechtigterweise im Achtelfinale gegen die Slowakei eingehandelt. "Es hat sich nicht wie ein Foul angefühlt", sagte Hummels nun zur Szene an der Mittellinie gegen Italien. "Es ist sehr hart für mich, im Halbfinale nur zuschauen zu können."

Neuers Jagd auf Lehmann beendet

Manuel Neuers Jagd nach dem Zu-Null-Rekord von Jens Lehmann ist am Sonnabend zu Ende gegangenen. Nach zuvor 527 Minuten ohne Gegentor kassierte Neuer wieder einen Treffer. Leonardo Bonucci traf per Handelfmeter in der 78. Minute. Vorausgegangen war ein unnötiges Handspiel von Jerome Boateng im Strafraum.

Lehmann blieb 2007/08 insgesamt 681 Minuten unbezwungen - allerdings nicht in aufeinanderfolgenden Länderspielen. Im Elfmeterschießen parierte Neuer zwei Elfer und avancierte damit zu einem der Helden.

Conte rechnet mit Medien ab

Der scheidende italienische Nationaltrainer Antonio Conte rechnet mit den Medien ab. "Manche wollten jede Chance nutzen, Zwietracht zu säen oder Aufmerksamkeit im Fernsehen zu erhaschen", sagte der Coach, der zum FC Chelsea wechseln wird.

"Ich habe mich wirklich niemals unterstützt gefühlt. Von niemandem", erklärt der 46-Jährige: "Okay, der Präsident des Verbandes stand immer auf meiner Seite. Die Presse aber nicht. Ich hätte durchaus gerne weiter gearbeitet als Nationaltrainer, aber aufgrund einiger Umstände habe ich mich schon vor dem Turnier entschieden, aufzuhören."

Die Spieler dagegen, versicherte Conte, "haben einen festen Platz in meinem Herzen. Es waren zwei wundervolle Jahre, die in den vergangenen acht Wochen ihren Höhepunkt erlebt haben. Es ist nur schade, dass es so bitter zu Ende geht."

Enttäuschender ARD-Rekord

Die ARD hat mit dem Elfmeterkrimi von Bordeaux und 28,32 Millionen Zuschauern (79,8 Prozent Marktanteil) bei der Live-Übertragung des Viertelfinals zwischen Deutschland und Italien (6:5 i.E.) zwar einen Rekord für die EURO in Frankreich aufgestellt. Dennoch dürfte sich der öffentlich-rechtliche Sender von dem Klassiker mehr erwartet haben.

Schließlich wurde der bisherige Bestwert nur marginal übertroffen: Im Achtelfinale hatten sich dem Spiel gegen die Slowakei bereits 28,11 Millionen Zuschauer (81,2 Prozent) im ZDF zugeschaltet. Auch die "Bild"-Zeitung war vor dem Viertelfinale von weit mehr als 30 Millionen Zuschauern ausgegangen. Allerdings sind in die Italien-Quote noch nicht die Zuschauer mit eingerechnet, die das Spiel bei Public-Viewing-Veranstaltungen verfolgten.

Und nichtsdestotrotz hält das Quotenhoch im deutschen Fernsehen bei den EM-Übertragungen somit an. Das zweite Viertelfinale am Freitagabend zwischen Belgien und Wales (1:3) hatten im ZDF 14,42 Millionen Zuschauer verfolgt, der Marktanteil betrug 49,2 Prozent. Die Zusammenfassung und Interviews im Anschluss verzeichneten noch 8,96 Millionen (39,6 Prozent).

Italien-Bilanz etwas aufpoliert

Der Fluch gegen Italien ist gebrochen: Erstmals hat die deutsche Nationalmannschaft bei einem großen Turnier gegen die Azzurri gewonnen. Zuvor hatte es in acht Duellen gegen die Azzurri bei großen Turnieren keinen Sieg gegeben.

Buffon weint und macht weiter

Gianluigi Buffon kniete niedergeschlagen auf dem Rasen des Stadions in Bordeaux, dann weinte Italiens Kapitän bittere Tränen. Das 5:6 im Elfmeterschießen war für den 38-Jährigen das Ende aller EM-Träume. „Wir waren nur einen Schritt von der Heldentat entfernt“, sagte der Italiener später enttäuscht. „Eine solche Niederlage ist hart, das war ein Schock für uns“, gab Buffon zu.

Gegen Deutschland hielt die Torhüter-Legende Italien mit einer großartigen Parade gegen Mario Gomez im Spiel, hält später sogar den Elfmeter von Thomas Müller. „Buffon, ein Phänomen, auch unter Tränen“, urteilte „Tuttosport“. Doch weil insgesamt vier Italiener verschossen, war selbst das am Ende zu wenig. „Im Elfmeterschießen auszuscheiden, wenn der Gegner so oft vergibt, das tut wirklich weh. Das ist wirklich schade“, kommentierte Buffon den Krimi.

Das Ende seiner Nationalmannschaftskarriere war das EM-Aus aber wohl nicht, der Keeper von Juventus Turin hat bereits angekündigt, bis zur WM 2018 weitermachen zu wollen. „Wir haben unser Maximum gegeben. Mit einer großartigen Gruppe ist nichts unmöglich“, sagte er stolz. Doch eine Chance auf den EM-Titel, der ihm noch fehlt, hat Buffon jetzt wohl nicht mehr: Bei der EM 2020 wäre er bereits 42 Jahre alt.

Sorgen um Khedira und Gomez

Sami Khedira ist in der 16. Minute mit einer Adduktorenverletzung ausgewechselt worden. Nach einem Zweikampf mit seinem Teamkollegen von Juventus Turin, Giorgio Chiellini, klagte der Ex-Stuttgarter über Schmerzen am linken Oberschenkel.

"Khedira hatte Adduktorenprobleme", bestätigte Bundestrainer Joachim Löw nach dem Spiel und ergänzte: "Ob es bis Donnerstag reicht, weiß ich nicht." Auch Stürmer Mario Gomez "hatte muskuläre Probleme", sagte Löw. Gomez war in der 72. Minute ausgewechselt worden.

Für Khedira eingewechselt wurde Kapitän Bastian Schweinsteiger, der sein 17. EM-Spiel bestritt und sofort die Kapitänsbinde von Torwart Manuel Neuer übernahm.

Ballack fand das Spiel "schlecht"

Michael Ballack räumt der deutschen Nationalmannschaft nun beste Chancen auf den Titel ein. Als Experte beim US-Fernsehsender ESPN betonte der ehemalige DFB-Kapitän, Deutschland sei "jetzt ein riesiger Favorit, auch wenn sich nicht ihr bestes Spiel gezeigt haben".

Das Spiel bezeichnete Ballack als "nicht schön zum Anschauen", es sei "nur Taktik gewesen" und "schlecht". Italien habe "so viele Fehler gemacht, aber Deutschland hat daraus keinen Vorteil ziehen können. Vielleicht hatte Deutschland zu viel Respekt".

Im Halbfinale gegen Frankreich oder Island erwartet Ballack "eine andere deutsche Mannschaft" als gegen Italien: "Vielleicht gehen sie wieder zurück zu einer Viererkette".

Statistik

Deutschland: Neuer/Bayern München (30 Jahre/70 Länderspiele) - Höwedes/Schalke 04 (28/39), Boateng/Bayern München (27/64), Hummels/Borussia Dortmund (27/50) - Kimmich/Bayern München (21/4), Khedira/Juventus Turin (29/65) ab 16. Schweinsteiger/Manchester United (31/119), Hector/1. FC Köln (26/19) - Müller/Bayern München (26/76), 18 Kroos/Real Madrid (26/70), 8 Özil/FC Arsenal (27/78) - Gomez/Besiktas Istanbul (30/68) ab 72. Draxler/VfL Wolfsburg (22/23). Trainer: Löw

Italien: Buffon/Juventus Turin (38 Jahre/160 Länderspiele) - Barzagli/Juventus Turin (35/61), Bonucci/Juventus Turin (29/62), Chiellini/Juventus Turin (31/88) ab 120. Zaza/Juventus Turin (25/14) - Sturaro/Juventus Turin (23/4), Parolo/Lazio Rom (31/24), Giaccherini/FC Bologna (31/29) - Florenzi/AS Rom (25/21) ab 86. Darmian/Manchester United (26/26), De Sciglio/AC Mailand (23/26) - Pellè/FC Southampton (30/17), Eder/Inter Mailand (29/14) ab 108. Insigne/SSC Neapel (25/12). -Trainer: Conte

Schiedsrichter: Viktor Kassai (Ungarn)

Tore: 1:0 Özil (65.), 1:1 Bonucci (78., Handelfmeter)

Elfmeterschießen: 0:1 Insigne, 1:1 Kroos, Zaza schießt Elfmeter über das Tor, Buffon hält gegen Müller, 1:2 Barzagli, Özil schießt Elfmeter gegen den Pfosten, Pelle schießt Elfmeter neben das Tor, 2:2 Draxler, Neuer hält gegen Bonucci,Schweinsteiger schießt Elfmeter über das Tor, 2:3 Giaccherini, 3:3 Hummels, 3:4 Parolo, 4:4 Kimmich, 4:5 De Sciglio, 5:5 Boateng, Neuer hält gegen Darmian, 6:5 Hector

Zuschauer: 38.764

Gelbe Karten: Hummels (2), Schweinsteiger - Sturaro, De Sciglio (2), Parolo, Pelle (2), Giaccherini

Erweiterte Statistik (Quelle: deltatre):

Torschüsse: 12:12

Ecken: 7:5

Ballbesitz: 60:40 Prozent

Zweikämpfe: 91:82