22.12.12

Legendäre Momente

Start der Bundesliga – Zu schnell für die Kameras

Neue Serie zu 50 Jahren Bundesliga: Legendäre Momente. Dortmunds Timo Konietzka erzielte 1963 das Premierentor der neuen Spielklasse.

Von Klaus Schlütter
Foto: pa/dpa/dpaweb
Bundesliga-Start 1963 - Timo Konietzka
Der Dortmunder Stürmer Timo Konietzka (r.) wird beim ersten Bundesligaspiel im Bremer Weserstadion vom Bremer Verteidiger Max Lorenz angegriffen (Archivbild vom 24.08.1963)

Dieser Treffer hätte gar nicht fallen dürfen, das erste Tor der Fußballbundesliga. Seit ihrer Gründung sind Tausende Tore in Deutschlands höchster Spielklasse erzielt worden, und das erste schoss Friedhelm "Timo" Konietzka für Borussia Dortmund am 24. August 1963 im Bremer Weserstadion. Ein unvergänglicher Schnellschuss, von dem es aber weder ein Foto noch eine Filmsequenz gibt. Es war ein Tor, das nicht hätte fallen dürfen, denn es wurde zu einem Zeitpunkt erzielt, als die Bundesliga offiziell noch gar nicht angepfiffen worden war.

Sonntagnachmittag, kurz vor 17 Uhr, damals die übliche Anstoßzeit. Der 18-jährige Gerd Kolbe aus Itzehoe fiebert auf einem Stehplatz mit seinem Vater und dessen Arbeitskollegen dem Start einer neuen Ära entgegen. Kolbe ist BVB-Fan, wird später zwischen 1976 und 1981 Pressesprecher der Borussen, organisiert und moderiert die Meisterfeiern auf dem Dortmunder Friedensplatz und ist dem Verein als Archivar und Historiker bis heute treu geblieben. Er erinnert sich:

"Der BVB spielte zum ersten Mal mit Hans Tilkowski. Der Nationaltorwart war von Westfalia Herne gekommen und trat nun in Konkurrenz zu Bernhard Wessel, der mit 3:1 gegen den 1. FC Köln die deutsche Meisterschaft 1963 mit tollen Paraden praktisch im Alleingang gewonnen hatte. Es fehlten Abwehrchef Wolfgang Paul und Spielgestalter Alfred 'Aki' Schmidt, beide verletzt. Jürgen 'Charly' Schütz war vor der Saison nach Italien gewechselt. Und die Borussia hatte eine schmerzhafte Niederlage zu verkraften. Zehn Tage zuvor hatten die Schwarz-Gelben das Endspiel um den DFB-Pokal gegen den Hamburger SV 0:3 vergeigt. Der Traum vom ersten Double war ausgeträumt."

Als Schiedsrichter fungierte Alfred Ott aus Rheinbrohl. Werder gewann die Seitenwahl, dann der Anstoß durch die Borussen. In diesem Moment nahm Alfred Schmidt, den alle nur "Aki" nannten, neben Hermann Eppenhoff auf der Trainerbank Platz. "Dass ich nicht mitspielte, war eine Vorsichtsmaßnahme. Ich hatte eine leichte Zerrung. Der Trainer wollte nichts riskieren, hat mich geschont", erzählt der Nationalspieler.

Auf dem Stehplatz schaute Kolbe senior auf seine neue Uhr und wunderte sich: "Das ist ja ein Ding. Der Schiri hat eine Minute zu früh angepfiffen." Der Vater hatte die Uhr erst wenige Tage zuvor von seinem Chef für zehn Jahre Treue zur Firma geschenkt bekommen. Und die ging auf die Sekunde genau, was ein Blick auf die Stadionuhr bestätigte - 16.59 Uhr. Tatsächlich, der Schiedsrichter hatte die Partie eine Minute zu früh angepfiffen.

Die Dortmunder bewegten den Ball gekonnt durch ihre Reihen, ohne dass ein Bremer dazwischengehen konnte. Dann die Szene, die in die Bundesligageschichte einging. Torschütze Konietzka, der im März 2012 in seiner zweiten Heimat Schweiz im Alter von 73 Jahren freiwillig aus dem Leben schied, beschrieb sie immer so: "Der Ball kam nach links auf Lothar Emmerich. 'Emma' lief bis zur Grundlinie und flankte zur Mitte. Ich stand etwa zehn Meter vom Tor entfernt und brauchte nur noch den Fuß hinzuhalten."

Schmidt schmunzelt heute noch, wenn er daran denkt. "Ich sehe die Szene vor mir, als wenn es gestern gewesen wäre. Alles ging blitzschnell. Ich hatte noch nicht richtig Platz genommen, da lag der Ball schon im Netz. Ich glaube, es waren erst 37 Sekunden vergangen, und wir führten schon 1:0."

Wie viel Zeit bis zum ersten Bundesligator wirklich vergangen war, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Sie schwanken zwischen 35 und 51 Sekunden. "Auf jeden Fall war es weniger als eine Minute, denn die Zeiger der Stadionuhr schnappten erst danach auf 17 Uhr", versichert Kolbe.

Heute undenkbar: Ein Bilddokument dieses legendären Treffers gibt es nicht. Im Weserstadion stand nur eine einzige Fernsehkamera. Und an diesem Tag war der Kameramann - vermutlich aufgrund des verfrühten Anstoßes - schlichtweg zu spät dran. Die Fotoreporter hatten sich alle hinter dem Dortmunder Tor platziert oder waren noch auf dem Weg dorthin. Deshalb kann das erste Bundesligator bis heute nicht gezeigt, sondern nur nacherzählt werden. Konietzka hatte viele Jahre lang vergeblich eine Belohnung für ein Bilddokument ausgesetzt.

Dass er mit dem Blitztor in die Bundesliga-Geschichte einging, wurde ihm erst viel später bewusst. "Dieses Tor hat mein Leben geprägt. Ich habe in meiner Karriere viel schönere Tore geschossen, aber dieses in Bremen hat mir am meisten genutzt", erzählte er bis zu seinem Tod den Gästen im Gasthaus Ochsen am Vierwaldstättersee, das er mit seiner Frau Claudia bewirtschaftete. Auf einem Regal stand der vergoldete Schuh als einziges Erinnerungsstück an das historische Ereignis.

Um dennoch ein Foto zu haben, wurde der Spielzug vor einigen Jahren noch einmal nachgestellt. Es dauerte sehr lange, bis die Szene im Kasten war. Für Konietzka endete sie mit Schmerzen: "Mein Gegenspieler Max Lorenz meinte zu allem Überfluss, er müsse auch beim Nachstellen noch einmal ranklotzen. Er trat mir wie bei diesem ersten Tor noch mal volle Pulle in die Achillessehne. Richtig zugelangt hat er, der Lorenz, der Apparat."

Auch damals in Bremen wurde die anfängliche Freude der BVB-Spieler und ihre Aussicht, 500 Mark Siegprämie zu kassieren, rasch getrübt. Werder drehte die Partie, und Borussia stand trotz eines zweiten Konietzka-Treffers in der Schlussminute mit leeren Händen da. "Aki" Schmidt, inzwischen 77 und Mitglied des BVB-Ältestenrates, erinnert sich: "Wir fuhren enttäuscht nach Hause. Im Bus war es ziemlich still. Auch die weitere Saison verlief nicht immer nach unseren Wünschen. Wir mussten die Überlegenheit des neuen Meisters 1. FC Köln anerkennen und belegten am Ende mit deutlichem Rückstand den vierten Platz. Dafür lief es im Europacup umso besser. Wir sind im Halbfinale an Inter Mailand nur deshalb gescheitert, weil der Schiedsrichter aus Jugoslawien von den Italienern mit einer teuren Rolex und Urlaub auf Lebenszeit bestochen war."

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