23.11.12

Formel 1

Schumachers letzte Runde: "Runder Karriere-Abschluss"

Der Ex-Weltmeister bestreitet in Brasilien seinen 308. und letzten Grand Prix. Die Formel 1 sucht einen Nachfolger für den Rekordchampion.

Von Burkhard Nuppeney, Simon Pausch
Foto: REUTERS
File photo of Mercedes Formula One driver Schumacher of Germany celebrating being the fastest in qualifying at the Monaco F1 Grand Prix
Mercedes-Pilot Michael Schumacher will seinen Abschied aus der Formel 1 genießen

São Paulo. Michael Schumacher hat angeblich mehr als 600 Millionen Euro auf dem Konto. Solche Menschen sind traditionell schwer zu beschenken. Entweder sie haben schon alles, oder sie können sich das, was sie nicht haben, problemlos leisten. Trotzdem glauben sie bei Mercedes, für den Abschied ihres prominentesten Mitarbeiters das richtige Präsent gefunden zu haben. Nach dem Großen Preis von Brasilien (17 Uhr/RTL und Sky) werden Teamchef Ross Brawn und Motorsportvorstand Norbert Haug Schumacher am Sonntag feierlich seinen Dienstwagen vermachen. Der Wert des W03, der den äußeren Umständen Wochenende für Wochenende angepasst wird und somit als Unikat gilt, beträgt rund eine Million Euro. Der ideelle Wert, auch darum soll es ja manchmal in der Formel 1 gehen, ist noch viel höher. Fraglich ist allerdings, ob sie dem 43-Jährigen damit wirklich eine Freude machen.

Viel ist gespottet worden über Schumachers erfolglose Rückkehr vor drei Jahren. Zu mehr als einem dritten Platz und dem Sieg beim Qualifying in Monaco hat ihn der W03 nicht getragen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich das auch in São Paulo nicht ändern. Zu groß ist der Rückstand auf die Spitzenteams inzwischen. Und zu klar ist der Mercedes-Fokus schon auf die nächste Saison gerichtet, in der das Nachfolgemodell W04 Nico Rosberg und dessen neuem Teamkollegen Lewis Hamilton endlich Erfolge bringen soll. Diesem Ziel hat sich auch Schumacher unterzuordnen. "Ich habe traumhafte Jahre erlebt und viel Unterstützung von Fans weltweit erhalten", sagte er nach seiner Ankunft in Brasilien etwas steif: "Interlagos ist ein runder Abschluss für meine Karriere, denn dort wurzelt viel von der Faszination der Formel 1."

Die spannende Frage wird sein, wie viel Faszination die Rennserie noch verströmen kann, wenn ihr populärster Botschafter nicht mehr regelmäßig Dutzende Werbeaufkleber über die Pisten dieser Welt chauffiert. Zu großen Teilen, weiß Haug zu berichten, gehe die Entscheidung etwa der indischen Politiker, bei Delhi eine Rennstrecke zu bauen, auf das Comeback Michael Schumachers zurück: "Es gibt wenige Sportler, die weltweit so bekannt, geschätzt und beliebt sind wie er."

An anderen Orten ist das nicht anders: In Malaysia musste im März eine Autogrammstunde mit ihm fast abgebrochen werden, weil der riesige Saal im Petronas-Tower in Kuala Lumpur aus allen Nähten zu platzen drohte. Selbst am vergangenen Wochenende in Austin war Schumacher den Amerikanern, die sich sonst eher nicht für die Formel 1 interessieren, am ehesten ein Begriff. Daran ändern selbst Rang 15 in der Fahrerwertung und sechs punktlose Rennen hintereinander wenig.

Das müssen auch die Dominatoren Sebastian Vettel und Fernando Alonso zugeben, deren Zweikampf um die Weltmeisterschaft den Abgang des siebenmaligen Titelträgers begleitet. "Sein Rücktritt ist ein großer Verlust und schade. Er wird immer eine Inspiration für mich bleiben", sagt der Heppenheimer, und sein spanischer Rivale pflichtet bei: "Ich finde immer noch, dass sein Comeback richtig war, denn er hat sicher die Aufregung und das Adrenalin vermisst. Ich bin mir sicher, dass es für einen Champion wie ihn schwierig war, kein konkurrenzfähiges Auto zu haben. Für mich war es eine Freude, in diesen drei Jahren gegen ihn zu fahren."

Solch warme Worte sind schnell gesprochen, wenn sportlich nichts zu befürchten ist. 2006, als Alonso und Schumacher bis zum letzten Rennen um den WM-Titel rangelten, hatte der damalige Renault-Pilot noch gezischt: "Michael ist der unsportlichste und am meisten bestrafte Fahrer der Formel-1-Geschichte. Zinédine Zidane ist mit größerem Ruhm abgetreten als er." Gleichzeitig belegen Vettels und Alonsos Äußerungen die Abhängigkeit ihrer Sportart von dem Sohn eines Kaminmaurers. Wenn selbst diejenigen, die noch am nächsten dran sind an den Fußstapfen des Rekordmannes, große Abschiedstränen vergießen, lässt das aufhorchen.

Erst am Donnerstag verkündeten die Streckenbetreiber in Südkorea, mit ihrem Grand Prix in diesem Jahr 45 Millionen Euro Verlust gemacht zu haben. Der Nürburgring ist pleite, in Hockenheim wollen sie keine Risiken übernehmen, in New Jersey wurde das für Juni geplante Rennen abgesagt, weil Finanzprobleme den Streckenausbau verzögern. Angeblich arbeiten drei Viertel der Rennställe defizitär, die Sponsorenakquise wird immer schwieriger, die Fernsehquoten sinken. Analog zur Wirtschaft befindet sich auch die Formel 1 in der Krise - der Zeitpunkt, um seinen größten Aufmerksamkeitsmagneten zu verlieren, könnte ungünstiger kaum sein. Es ist ein bisschen wie bei einer Kutsche, der das Zugpferd abhanden kommt: Sie hat noch genug Schwung, nicht sofort stehen zu bleiben, aber allzu lange sollte es nicht dauern, bis ein neuer Antrieb gefunden ist.

Inwieweit Schumacher selbst bei der Suche nach Alternativen mithelfen kann, liegt allein in seiner Hand. "Es wird nach der Saison Gespräche geben", kündigte Haug an: "Ich glaube aber nicht, dass Michael eine Rolle in der Formel 1 möchte." Schumacher selbst hüllt sich zu diesem Thema in Schweigen. Vielmehr hofft er darauf, den Abschied anders als 2006 "bewusster wahrnehmen und hoffentlich auch genießen zu können". Seinerzeit gewann Alonso den Titel, weil Schumacher wegen technischer Probleme im Qualifying nur von Position zehn aus starten konnte und am Ende Vierter wurde.

Seinen Ferrari 248 bekam er damals übrigens trotz der defekten Benzinpumpe zum Abschied geschenkt. Ab Sonntag ist der rote Renner nicht mehr der einzige unvollkommene Bolide in seiner Sammlung.

Die Ära des Michael Schumacher in der Formel 1

Michael Schumachers Erfolgsbilanz in der Formel 1 ist einzigartig. Mit sieben WM-Titeln, 91 Grand-Prix-Siegen und 68 Pole-Positionen hat er Rekorde für die Ewigkeit aufgestellt. Aber auch Skandale, Unfälle und ein vorrübergehender Rücktritt gehören dazu.

1991: 25. August, Spa-Francorchamps, erstes Formel-1-Rennen. Gleich im zweiten Lauf fährt er in die Punkte.

1992: Erster Sieg, auch in Spa-Francorchamps. In seiner ersten kompletten Saison wird Schumacher gleich WM-Dritter.

1993: Ein Saisonsieg, WM-Vierter.

1994: Schumacher gewinnt im Benetton zum ersten Mal den Titel. Überschattet wird die Saison vom Tod Ayrton Sennas (1. Mai) - Schumacher siegt in dem Rennen in Imola. In der Stunde des WM-Triumphs erinnert er an Senna. Es wäre Sennas Jahr geworden, sagt der neue Weltmeister.

1995: Schumacher verteidigt seinen Titel. Das Duell zwischen dem kompromisslosen Kerpener und dem erneut geschlagenen Damon Hill fesselt die Formel-1-Fans.

1996: Erstes Jahr bei Ferrari. Aufbauarbeit ist gefragt. Drei Saisonsiege, keine Chance auf den Titel.

1997: Der Skandal von Jerez: Schumacher rammt im letzten Rennen das Auto seines Titelrivalen Jacques Villeneuve. Der Kanadier kann weiterfahren, Schumacher nicht. Der Kerpener wird wegen Unsportlichkeit zudem aus der WM-Wertung gestrichen. Titel futsch, Ruf erstmal ramponiert.

1998: Mal wieder Spa. Im Regen fährt Schumacher ins Heck vom Wagen des zur Überrundung anstehende Schotten David Coulthard – Teamkollege des WM-Führenden und späteren Weltmeisters Mika Häkkinen. Schumacher scheidet aus, ist stinksauer und stapft in der Boxengasse wutentbrannt zu Coulthard. Es kommt fast zu Handgreiflichkeiten. Der Brite entschuldigt sich Jahre später.

1999: Schumachers schwerster Formel-1-Unfall. In Silverstone rast er wegen eines Bremsdefekts in einen Reifenstapel: Schien- und Wadenbeinbruch. Lange Pause.  

2000: Die sagenhafte Titelserie mit Ferrari beginnt. Es ist der erste Triumph für die Italiener seit 1979.

2001: Die Titelverteidigung ist vier Rennen vor dem Saisonende perfekt. Zugleich stellt er den Rekord von Alain Prost ein, der 51 Grand Prix gewann.

2002: Titel Nummer drei im Ferrari und sein fünfter insgesamt. Schumacher zieht mit Juan Manuel Fangio gleich. Der Stallorder-Skandal von Spielberg – Ferrari bremst Rubens Barrichello zugunsten von Schumacher vor der Ziellinie ein ("Let Michael pass for the Championship") – wirft aber einen Schatten auf den Triumph.

2003: Mit nur zwei Punkten Vorsprung auf Laren-Mercedes-Konkurrent Kimi Räikkönen gewinnt Schumacher seine sechste WM.

2004: Titel Nummer sieben. Triumph – wo sonst?! – in Spa perfekt gemacht.

2005: Schumacher muss sich Fernando Alonso im Renault geschlagen geben. Dazu Bruderzwist in Monaco: Schumacher versucht, Ralf noch auf der Ziellinie zu überholen, um Sechster zu werden. Schumi II tobt: "Manchmal schaltet er sein Gehirn nicht ein."

2006: Kein Titel, aber mit der 66. Pole Position überbietet er Sennas Rekord. Und wieder ein Skandal: In Monaco stellt Schumacher seinen Ferrari auf der Strecke in den Weg. Ein paar Monate später die Rücktrittsankündigung zum Saisonende. Damals letztes Rennen wie auch an diesem Sonntag in Sao Paulo.

2007: Schumacher arbeitet als Ferrari-Berater.

2008: Ein weiteres Jahr als Tipgeber für die Scuderia.

2009: Schumacher will für den verunglückten Felipe Massa bei Ferrari einspringen. Die Folgen eines Motorradunfalls im Februar durchkreuzen die Pläne. Dann der Vorweihnachts-Kracher: Schumacher fährt ab 2010 für das Werksteam Mercedes Grand Prix.

2010: Die Rückkehr ins Renngeschehen. Nicht aber zu alten Erfolgen. WM-Neunter. Meist geschlagen vom eigenen Teamkollegen Nico Rosberg.

2011: Das zweite Comeback-Jahr verläuft bis zur Sommerpause erneut frustrierend. "Schumi" hofft auf "Achtungszeichen". Vergeblich.

2012: Der dritte Anlauf im Silberpfeil, viel besser wird es nicht. Bestzeit in der Qualifikation von Monaco, Platz drei in Valencia - mehr war nicht drin. Mercedes mustert "Schumi" zum Saisonende aus und verpflichtet Lewis Hamilton als Nachfolger. Am 4. Oktober erklärt Schumacher sein Karriereende nach der laufenden Saison. Nach dem Saisonfinale in Sao Paulo geht Schumacher erneut in die PS-Rente - dieses Mal wohl endgültig.

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