Stephan Kiprotich

"Der Haspa Marathon ist ein ganz besonderer"

Olympiasieger Stephen Kiprotich startet am Sonntag das erste Mal in Hamburg. Das Abendblatt besuchte ihn in Kenia

Eldoret.  Stephen Kiprotich ist Olympiasieger und Weltmeister – und ein echter Gentleman. Der Marathonläufer aus Uganda, der am Sonntag erstmals beim Haspa Marathon startet und den Streckenrekord des Kenianers Eliud Kipchoge (2:05:30 Stunden) aus dem Jahr 2013 brechen will, schüttet zunächst seiner Sitznachbarin Viola Jelagat Kibiwot (33), die ebenfalls in Hamburg laufen wird, eine Tasse kenianischen Tee ein, fragt dann den weit gereisten Gast höflich, ob wir nun mit dem Interview beginnen wollen. Kiprotich schnappt sich zwei weiße Plastikstühle, trägt sie in den Garten hinter das Camp Global, wo er mit 30 weiteren Athleten im westkenianischen Eldoret auf 2116 Metern Höhe trainiert und lebt. "Hier haben wir ein bisschen mehr Ruhe", sagt der 28 Jahre alte Läufer.

Mr. Kiprotich, Sie sind einer der schnellsten Menschen der Welt, also kommen wir schnell zum Punkt: Hamburgs Veranstalter träumen von einem neuen Streckenrekord, also einer Traumzeit von unter 2:05:30 Stunden. Sind Sie da guter Dinge?

Stephen Kiprotich: Ich bin guter Dinge. Ich habe gehört, dass die Strecke in Hamburg sehr gut für schnelle Rennen geeignet ist. Meine persönliche Bestzeit ist 2:06:33 – und die möchte ich in Hamburg unbedingt unterbieten. Wenn ich es auch noch schaffe, den Streckenrekord von meinem Freund Eliud Kipchoge zu brechen, umso besser.

Entschuldigen Sie die banale Frage: Aber warum läuft einer der besten Marathonläufer der Welt in Hamburg? Beim zeit­gleichen London-Marathon könnten Sie doch weit mehr Geld verdienen. Dort gibt es rund drei Millionen Euro an Start- und Preisgeldern, in Hamburg nur etwa ein Zehntel davon.

Das stimmt. Und ich ja auch schon in London gelaufen. Aber der Hamburg-Marathon ist ein besonderer. Er gehört nicht zu den größten Rennen, aber ganz sicher auch nicht zu den kleineren. Und das Streckenprofil in Hamburg soll perfekt für schnelle Zeiten sein. Ich bin meine persönliche Bestzeit 2015 in Tokio gelaufen. Da ging es die ganze Zeit auf und ab. Das soll in Hamburg anders sein. Ich will unbedingt den Rekord brechen, das ist mein Hauptantrieb. Und dann gibt es da noch eine zweite Sache…

Nämlich?

Die Organisation von Hamburg ist sehr professionell. Ich unterstütze einige Athleten in meiner Heimat in Uganda – und ich hoffe, dass ich ihnen mit einem guten Rennen und vielleicht sogar einem Sieg auch einen Start in der Zukunft in Hamburg ermöglichen kann.

Sie fliegen erst am Donnerstag von Nairobi über Istanbul nach Hamburg. Haben Sie dann nicht die lange Reise in den Beinen?

Eigentlich nicht. Zwei bis drei Tage vor dem Rennen sollten reichen. Man kann sich noch mal ein Bild von den Bedingungen vor Ort machen, sich noch einmal die Strecke anschauen und ein bisschen relaxen.

Haben Sie die Strecke von Hamburg schon mal gegoogelt?

Nein. Das sollte ich vielleicht noch mal kurz vor dem Abflug machen. Aber mir wurde nur Gutes berichtet. Ich habe auch gehört, dass ziemlich viele Leute zum Anfeuern kommen, stimmt das?

Es gibt kaum einen Marathon mit so vielen Zuschauern in Europa. 700.000 Menschen sollen kommen. Hat man für die Strecke und die ganzen Leute am Rand während des Rennens einen Kopf?

Es hilft natürlich, wenn man von den Zuschauern angefeuert wird. Mich pusht das, wenn die Leute schreien, klatschen und trommeln.

Woran denken Sie in den hoffentlich 2:05:30 Stunden bis zum Ziel?

Während des Rennens bin ich wie im Tunnel. Ich denke eigentlich an gar nichts. Ich bin total fokussiert.

Europäische Läufer laufen gerne mit Musik auf den Ohren. Schon mal probiert?

Ich liebe Musik und ich liebe das Laufen. Aber beides zu gleich, das geht gar nicht. Erst wird gelaufen, dann hören wir Musik.

Alle Topathleten aus Eldoret übernachten im Radisson. Stimmt es wirklich, dass Sie alle lieber ein Zimmer teilen als im Einzelzimmer zu übernachten?

Das stimmt wirklich. In der Gruppe macht doch alles viel mehr Spaß. Wir sind wie eine Familie.

Sie kommen aus Uganda, fast alle anderen aus Eldoret sind Kenianer. Auf welcher Sprache unterhalten Sie sich?

Das ist eine gute Frage. Meine Muttersprache ist Swahili, aber hier wird hauptsächlich Kalendjin gesprochen. Eigentlich verstehe ich Kalendjin, aber es gibt so viele unterschiedliche Dialekte. Da muss ich schon genau hinhören. Meistens sprechen wir einen Mix aus Englisch, Swahili und Kalendjin.

Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag lang vor dem Marathon?

Normalerweise absolvieren wir morgens noch einen lockeren Lauf, eine gute Stunde vielleicht. Dann relaxen wir ein bisschen, essen, gehen noch mal spazieren, essen und abends geht es früh ins Bett.

Schade eigentlich. Wir hörten, dass Sie ein großer Fußballfan sein sollen. Am Sonnabend vor dem Marathon hat der HSV ein Heimspiel gegen Darmstadt 98…

(lacht) Da muss ich wohl noch mal wiederkommen. Aber ich bin wirklich ein Fußballfan…

Für welchen Verein schlägt Ihr Herz?

Arsenal London. Aber ich mag auch die deutsche Nationalmannschaft. Schon bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika fand ich die Deutschen toll. Und bei der WM in Brasilien natürlich auch.

In Deutschland träumen die meisten kleinen Jungen davon, Fußballprofi zu werden …

… und in Uganda und Kenia träumen sie davon, Profiläufer zu werden. Die kleinen Kinder sehen uns auf der Straße laufen – und dann wollen sie auch eines Tages laufen. So war das auch bei mir. Es gab da diesen einen Läufer, der jeden Tag an meinem Zuhause vorbeigelaufen ist. Ich habe ihn jeden Tag gesehen und hatte nur diesen einen Wunsch: Ich wollte unbedingt so werden wie er.

Wissen Sie noch seinen Namen?

Selbstverständlich. Francis Musani. Eines Tages, als ich dann in der Highschool war, habe ich ihm von meinem Traum erzählt – und er half mir diesen zu verwirklichen. Aber es gab noch jemanden, der entscheidend für meine Karriere war: Haile Gebrselassie (zweimaliger 10.000-Meter-Olympiasieger aus Äthiopien, die Red.). Ich habe ihn erstmals bei einem Rennen in den Niederlanden 2007 getroffen. Er hat mich um vier Minuten geschlagen. Ich habe mich dann nach dem Rennen getraut, ihn anzusprechen und ihn zu fragen, wie ich erfolgreich werden kann.

Was hat er geantwortet?

Er sagte mir, dass ich mir fünf Jahre Zeit nehmen und in dieser Zeit so hart wie möglich trainieren soll. Bevor ich mit Haile sprach, hatte ich immer nur an das schnelle Geld gedacht, das ich bei den Rennen in Europa machen kann. Ich wollte so viel Geld wie möglich gewinnen – und verlor dabei das Entscheidende aus den Augen. Doch nach dem Gespräch mit Haile hat es bei mir klick gemacht. Ich kam nach Eldoret in Kenia, trainierte so hart ich konnte und wurde tatsächlich immer schneller.

Haben Sie Haile danach noch mal wiedergetroffen?

Ja, bei einem Marathon in Tokio im Februar 2012. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits mehrere Marathons gewonnen und den Nationalrekord von Uganda gebrochen. Als ich ihn dann wiedertraf, bin ich zu ihm hingegangen und fragte, ob er sich an mich erinnern konnte.

Und? Konnte er?

Ja, genau fünf Jahre waren, um und er wusste sofort, wer ich war. Und ich sagte ihm, dass ich mir seine Worte von damals sehr zu Herzen genommen habe. Ein paar Monate später habe ich dann den Marathon bei den Olympischen Spielen von London gewonnen. Und Haile Gebrselassie war einer der Ersten, der mich angerufen und mir gratuliert hat. Ein Jahr später wurde ich auch noch Weltmeister – und wieder rief mich Haile an und gratulierte.

Glauben Sie, dass ohne Gebrselassie Ihre Karriere anders verlaufen wäre?

Sicher. Aber ich muss noch einen weiteren Läufer nennen: Eliud Kipchoge. Er gewann auch den Hamburg-Marathon 2013. Wir wohnen hier in einem Camp zusammen in Eldoret – und er half mir sehr in Kenia.

In zwei Wochen will Kipchoge auf der Formel-1-Strecke im italienischen Monza einen neuen Weltrekord aufstellen und als erster Mensch einen Marathon unter zwei Stunden laufen. Halten Sie das für möglich?

Ich selbst würde es nicht schaffen. Aber wenn es einer schafft, dann er. Die Bedingungen müssen perfekt sein: das Wetter, die Uhrzeit, der Wind, die Tempomacher. Aber Eliud ist ein erfahrener Läufer mit einer fantastischen Karriere – und alles wird an diesem Tag auf ihn abgestimmt. Ich glaube fest an ihn.

Ein Marathon unter zwei Stunden klingt nach einer Fabelzeit …

Vor ein paar Jahren wurde ich gefragt, welche Weltrekordzeit ich für möglich halten würde. Damals hätte ich eine Zeit von unter zwei Stunden auch noch für absurd gehalten. Heute glaube ich, dass bei perfekten Bedingungen sogar eine Zeit von 1:58 Stunden irgendwann möglich sein könnte.

Derartige Zeiten sind kaum zu glauben. Haben Sie noch einen Tipp für die zahlreichen Hobbyläufer in Hamburg, die statt unter zwei einfach "nur" unter vier Stunden laufen wollen?

(lacht) Just do it. Viel Wasser trinken, das Richtige essen und das Wichtigste: das Rennen ganz einfach genießen.


Lesen Sie am Wochenende im Abendblatt-Magazin "mehr Hamburg" eine große Reportage über das Läufereldorado Eldoret in der Hochebene Kenias. Ab heute Mittag online: Unter www.abendblatt.de/moinmoinausKenia ein kleiner Gruß von Stephen Kiprotich und weiteren Hamburg-Läufern aus Kenia.

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