Dortmund "Mein Bruder sagt Bugs Bunny zu mir"

BVB-Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang spricht vor dem Duell gegen die Bayern über Tore, Torjubel und seine immer gute Laune

Dortmund.  22 Tore hat Pierre-Emerick Aubameyang, 26, in dieser Saison schon erzielt. Erhöht er sein Konto am Sonnabend beim Topspiel gegen den FC Bayern (18.30 Uhr), ist der Kampf um die Deutsche Meisterschaft wieder spannend.

Hamburger Abendblatt: Herr Aubameyang, kennen Sie eigentlich Lothar Emmerich?

Pierre-Emerick Aubameyang: Natürlich. Er hat hier in Dortmund gespielt. Und er hat fast den gleichen Namen wie ich: Emmerich statt Emmerick.

Und er war bislang der einzige Dortmunder, der zu diesem Zeitpunkt der Saison so viele Tore geschossen hatte wie Sie.

Aubameyang: Ja, ich weiß. Ich habe neulich die Liste aller Torjäger bei Borussia Dortmund im Internet gefunden – und damit natürlich auch Lothar Emmerich gesehen.

Sie sind ihm eng auf den Fersen – sind Ihnen Bestmarken wichtig?

Aubameyang:Ja, ich bin natürlich glücklich, dass es zurzeit so gut läuft und ich schon so viele Tore geschossen und einige Rekorde aufgestellt habe. Aber wir müssen weiter hart arbeiten, die Saison ist noch lange nicht zu Ende. Aber ich möchte mich gerne in diesen Statistiken verewigen.

Ein Stürmer hat in dieser Saison sogar noch ein Tor mehr geschossen: Robert Lewandowski. Sie haben ein Jahr zusammen in Dortmund gespielt. Wie ist Ihr Verhältnis?

Aubameyang:Es ist total okay (lacht). Wir telefonieren ab und zu oder schreiben uns Nachrichten. Wir hatten ein gutes Verhältnis. Er ist ein ganz großer Stürmer.

Sie haben mal gesagt, Sie haben viel von Lewandowski gelernt. Was denn?

Aubameyang:Tore schießen (lacht). Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, war ich sehr beeindruckt, wie eiskalt er vor dem Tor war. Ich habe mir gedacht: Boah, ich muss genauso cool werden. Und nach und nach klappt das jetzt.

Wie geht das? Ist Toreschießen eine natürliche Begabung, oder kann man sich das erarbeiten?

Aubameyang:Beides. Es steckt natürlich viel Arbeit, viel Training dahinter. Aber wichtig ist auch das Spiel der Mannschaft. Sie macht mir Geschenke. So wie mein letztes Tor gegen Hannover: Micki (Henrikh Mkhitaryan, d. Red.) legt den Ball quer, und ich mache das Tor – das ist ein Geschenk, das ich nur anzunehmen brauche.

Sie schauen sich viele Youtube-Videos anderer Spieler an, um davon zu lernen. Wie funktioniert das?

Aubameyang:Also, wenn ich so ein Video sehe und mir ein Trick gefällt, dann versuche ich das beim Training. Und wenn es nicht klappt, versuche ich es noch einmal und noch einmal – bis es eben funktioniert.

Von welchen Stürmern schauen Sie sich denn besonders gerne etwas ab?

Aubameyang:An erster Stelle steht Ronaldo. Nicht Cristiano, sondern der Brasilianer. Dann gibt es da Sonny Anderson. Und viele andere: Lewandowski, Suarez, Cristiano Ronaldo, Messi...

Wollten Sie schon immer Stürmer sein?

Aubameyang:Ja. Ich wollte immer Tore schießen.

Wie war das, als Sie mit Ihren Brüdern und Ihrem Vater gespielt haben?

Aubameyang:Meine Brüder habe ich erst kennengelernt, als ich neun war, wir haben nämlich nicht dieselbe Mutter. Mit meinen Brüdern habe ich auf der Straße gespielt, wenn unser Vater dabei war, in einem Park in Mailand. Die haben mir nie etwas geschenkt, mich nie gewinnen lassen. Dafür bin ich heute derjenige, der keine Geschenke verteilt... Es war immer schön, gegen meine Brüder, meinen Vater zu spielen, weil wir uns nie etwas geschenkt haben. Und so bin ich auch aufgewachsen.

War es Vor- oder Nachteil, dass Sie der Jüngste waren?

Aubameyang:Später war das ein Vorteil für mich, ich konnte von allen ein bisschen lernen. Catilina, der Älteste, war der Erste beim AC Mailand, dann kam Willy. Von allen konnte ich etwas mitnehmen und lernen.

Sie sind jemand, der sich ehrgeizige Ziele setzt. Wo kommt Ihr Optimismus her?

Aubameyang:Ich bin immer positiv, ich bin ein positiver Mensch. Wie in dieser Saison: Ich war der Einzige, der schon vor der Saison gesagt hat: Ich glaube nicht, dass Bayern wieder Meister wird.

Wer denn dann?

Aubameyang (grinst): Da kommen ja nicht mehr ganz so viele in Betracht.

Woher kommt dieser Optimismus?

Aubameyang:Ich glaube, das kommt von meinen Eltern, die mich erzogen haben, immer positiv zu denken – auch wenn es mir mal schlechter geht. Wie letztes Jahr: Ich habe schon, als wir Tabellenletzter waren, gesagt, dass wir es nach Europa schaffen können. Davon war ich überzeugt. Ich bin zwar auf meine eigene Art und Weise ein bisschen verrückt, okay, aber ich haue nicht einfach Sprüche raus, nur um etwas zu sagen. Wenn ich so etwas sage, bin ich immer davon überzeugt.

Tuchel schwärmt von Ihrem Lächeln, der guten Laune. Woher kommt das?

Aubameyang:Ich habe große Zähne, da kommt das Lächeln stärker rüber. Mein Bruder nennt mich Bugs Bunny.

Bugs Bunny wäre vielleicht ja eine Verkleidungsidee für einen Torjubel .

Aubameyang:Bugs Bunny? (lacht und beißt in eine imaginäre Karotte). Warum nicht!

Sie haben derzeit eine sehr erfolgreiche Phase, aber es gab auch andere Zeiten. Sind Sie da trotzdem immer mit einem Lächeln zum Training gekommen?

Aubameyang:Auch wenn es nicht gut läuft, gebe ich mich nach außen fast immer gut gelaunt, immer mit einem Lächeln. Wenn ich mal traurig, verärgert oder schlecht gelaunt war, habe ich das zu Hause gelassen. Bei der Mannschaft bin ich immer positiv. Denn es geht um die Mannschaft.

Sehen Sie das als eine Aufgabe, für gute Stimmung in der Mannschaft zu sorgen? Ist das vielleicht sogar ein weiteres Talent von Ihnen?

Aubameyang:Vielleicht (lacht).Ich weiß gar nicht, warum ich so bin, vielleicht ist es ein Geschenk der Natur. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir einen tollen Beruf haben. Es gibt zwar Höhen und Tiefen, aber insgesamt ist das ein ganz toller Beruf.

Gab es jemals Zweifel, ob Sie gut genug sein könnten für eine Profikarriere?

Aubameyang: Eigentlich habe ich nie gezweifelt. Nur ein einziges Mal, als ich 16 Jahre alt war, war ich für ein halbes Jahr ohne Mannschaft. Das war eine harte Zeit, da habe ich natürlich Zweifel gespürt. Aber ich habe auch zu dieser Zeit immer hart trainiert, wie meine Schnelligkeit. Ich bin viel gelaufen.

Was hat denn Ihr Vater dazu gesagt?

Aubameyang:Er war zu dieser Zeit in Afrika, hatte seine Karriere beendet, musste aber weiter arbeiten und Geld für die Familie verdienen. Deshalb war das eine schwierige Zeit. Mein Vater wusste, dass ich hart trainiere und alles tue, um Profi zu werden. Am Ende der sechs Monate hatte ich ein Probetraining. Zum Glück hat es geklappt.

Zum Spiel: Kommt es für Sie nicht überraschend, dass Sie bis auf zwei Punkte an die Bayern heranrücken könnten?

Aubameyang:Nein, das habe ich ja schon vor der Saison gesagt. Die Bayern sind natürlich eine großartige Mannschaft, sie können in einem Jahr alles gewinnen. Aber dieses Jahr spüre ich, dass sie einige Spiele verlieren könnten. Für uns ist das eine Chance. Die können wir nutzen, ohne uns unter Druck zu setzen, ohne uns verrückt zu machen. Einfach Fußball spielen – dann wird man sehen. Wir sind schließlich nicht der Favorit!

Das Hinspiel in München ging 1:5 verloren, jetzt aber fehlt fast die gesamte Abwehr verletzt. War es noch nie so leicht, die Bayern zu schlagen?

Aubameyang:Das ist nie leicht, auch ohne die Verletzten wird das schwierig genug. Klar fehlt mit Boateng ein sehr starker Spieler – aber Bayern hat etliche andere Topleute. Mal sehen, wie es läuft, wir haben auf jeden Fall eine Chance.

Sie glauben, dass der BVB Meister wird?

Aubameyang:Solange es möglich ist, glaube ich daran. Wir sind Profis, streben nach dem maximal Möglichen.