30.05.11

Fifa-Skandal

Ex-Offizieller: 20 Millionen Euro Schmiergeld für Katar-WM

Am Dienstag soll der von Ex-Fifa-Mitglied Warner angekündigte "Tsunami" über den Weltverband rollen. Weitere Vorwürfe gegen Präsident Blatter.

Von Marc Schmidt und Jörg Mebus
Foto: dpa
Valcke und Blatter
Präsident contra Generalsekretär: Joseph Blatter (r.) wurde am Montag mit einer brisanten E-Mail von Jerome Valcke (l.) über einen angeblichen Kauf von Katar der WM 2022 konfrontiert (Archivbild)

Zürich. Bestechung in Millionenhöhe, Machtmissbrauch, eine mysteriöse E-Mail, und nun rollt auch noch der angekündigte Tsunami auf den Fußball-Weltverband Fifa zu: Nach SID-Informationen findet am Dienstag (14 Uhr) im Züricher Nobelhotel The Grand Dolder eine Pressekonferenz statt, auf der vier Exekutivmitglieder beschuldigt werden, für die umstrittene Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar insgesamt 20 Millionen Dollar an Bestechungsgeldern kassiert zu haben.

Ein ehemaliger Fifa-Offizieller will am Dienstag die Namen der vier Mitglieder nennen. Zudem sollen Dokumente und Bankkonten veröffentlicht werden, die die Geldflüsse beweisen sollen. Bei den Beschuldigten soll es sich um Issa Hayatou (Kamerun), Nicolas Leoz (Paraguay), Julio Gordona (Argentinien) und Rafael Salguero (Guatemala) handeln.

Damit gerät der 61. Fifa-Kongress in Zürich zunehmend zur Farce. Joseph S. Blatter bläst nach dem Triumph über seinen abservierten Widersacher Mohamed Bin Hammam in der größten Schlammschlacht der Fifa-Geschichte ohnehin weiter eiskalter Wind ins Gesicht. Doch trotz aller neuen Vorwürfe scheint die Wiederwahl des allmächtigen Präsidenten am Mittwoch beim 61. Kongress des strauchelnden Fußball-Weltverbandes in Zürich sicher - sollten seine Rivalen nicht noch zum entscheidenden Gegenschlag ausholen.

Bin Hammam zumindest will sich seine Suspendierung durch das Fifa-Ethik-Komitee nicht bieten lassen und Einspruch einlegen. "Diese Entscheidung hat mit rechtsstaatlichen Prinzipien nichts zu tun. Ich werde bestraft, bevor ich schuldig gesprochen bin. Und ich befürchte, dass auch die weiteren Ermittlungen beeinflusst und manipuliert werden."

Die Chronologie der Fifa-Bestechungsaffäre

Was die Gegner Blatters am Montag ansonsten vorbrachten, beschmutzte das Ansehen des Schweizers zwar weiter, beweiskräftig war es aber auch nicht. Der am Sonntag gemeinsam mit Bin Hammam suspendierte Fifa-Vize Jack Warner behauptet, Blatter habe Warners Verband auf dem CONCACAF-Kongress im Mai in Miami "eine Spende von einer Million Dollar (knapp 700.000 Euro, d. Red.) zur freien Verwendung" überreicht.

Auf den Protest des Uefa-Präsidenten Michel Platini, das Finanzkomitee habe keine Zustimmung für diese Zahlung erteilt, soll Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke laut Warner gesagt haben, er werde schon "Geld für Blatter finden". Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Warner: "Blatter muss gestoppt werden."

Platini sagte am Montag lapidar, seine Entrüstung gegenüber Blatter sei scherzhaft gemeint gewesen, und verwies auf ein privates Präsidenten-Budget, mit dem Blatter "ein oder zwei Projekte" unterstützen könne. Erst im Nachhinein müsse das Exekutiv-Komitee zustimmen.

Das Ethik-Komitee, das Blatter am Sonntag von allen Vorwürfen freigesprochen hatte, wurde von Warner als "korruptes Gericht" bezeichnet, dessen Mitglieder "von Blatter handverlesen" seien. Zudem legte Warner eine angeblich von Valcke versandte E-Mail vor, in der dieser behauptete, Katar habe die WM 2022 "gekauft".

Die Mail könnte Valcke anscheinend tatsächlich in Schwierigkeiten bringen, Blatter jedoch offenbar nicht. Valcke bezeichnete die Mail am Montag in Zürich als "echt", allerdings auch als "privat" und nahm seinen Boss damit vorab aus der Schusslinie. Man werde über das Schreiben diskutieren, so Valcke.

Valcke relativierte die Äußerungen aus der E-Mail noch am Montag und erklärte, er habe das Wort "gekauft" verwendet, um damit auszudrücken, dass Katar seine finanzielle Stärke als rohstoffreiches Land genutzt habe, um die Unterstützung für die Entscheidung zu stärken. Er habe damit aber nicht gesagt, dass sich das Land auf irgendeine Weise sittenwidrig verhalten habe.

"Ich habe nie verstanden, warum MBH (Mohamed Bin Hammam) kandidiert hat", heißt es in der E-Mail von Valcke an den mittlerweile suspendierten Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner. Und weiter: "Hat er wirklich gedacht, er habe eine Chance, oder war es nur eine extreme Art und Weise zu zeigen, wie sehr er JSB (Blatter) nicht mehr mag. Oder dachte er, man könne die Fifa kaufen wie sie (die Katarer) die WM."

Das Organisationskomitee des Emirats wies am Montag alle Vorwürfe zurück und schließt rechtliche Schritte nicht aus. "Wir erwarten dringend Aufklärung durch die Fifa bezüglich der Stellungnahme ihres Generalsekretärs. In der Zwischenzeit werden wir uns rechtlich beraten lassen, um unsere Optionen zu prüfen."

Wie verzweifelt Warner im Kampf gegen Blatter sein muss, lässt eine Aussage vermuten, die der Funktionär aus Trinidad und Tobago gegenüber Reuters-Journalisten bei der Präsentation der vermeintlich belastenden E-Mail tätigte: "Sie müssen mir nicht glauben, Sie müssen mich nicht mögen, niemand muss mit mir essen oder schlafen, aber Jesus Christus: Erkennen Sie die Wahrheit, wenn Sie sie sehen!" Wenig überzeugend kündigte er weitere Enthüllungen an: "Ich werde bald sehr viel mehr zu dieser Sache sagen."

Dass Katar die WM 2022 noch aberkannt werden könnte, scheint nicht ausgeschlossen, obwohl eine derzeit beliebte Verschwörungstheorie dagegen spricht: Demnach hat Blatter seine Beziehungen zum katarischen Königshaus spielen lassen und diesem weitere WM-Unterstützung zugesagt, sollte Bin Hammam seine Bewerbung zurückziehen - was er am Sonntagmorgen getan hat.

Blatter sagte am Montag zunächst nichts und bat für den Abend im Fifa-Hauptquartier zu einer Pressekonferenz. Zuvor hatte er nicht mehr als ein karges Statement zur Entscheidung des Ethik-Komitees abgegeben, "die ich nicht im Detail kommentieren will". Er bedauere, was passiert sei: "Das Image der Fifa hat dadurch großen Schaden genommen."

Daran lassen auch die Reaktionen aus der internationalen Presse keinen Zweifel. Selbst der Schweizer Blick, in dem Blatter Kolummnen schreibt, kommentierte bissig: "Wer mit Blatter in den Ring steigt, der sollte wissen, worauf er sich einlässt. Kein Sportfunktionär lobbyiert schlauer als dieser Fuchs. Und keiner zieht sein Netz der Macht geschickter und skrupelloser über alle Kontinente."

Eine Verlegung der Wahl schloss Valcke schon am Sonntag aus, ohnehin müsste diese mit einer Dreiviertelmehrheit der 208 Fifa-Verbände beschlossen werden. Sonst steht rein technisch einer Wiederwahl Blatters per Akklamation nichts mehr im Wege. 1998 hatte Herausforderer Lennart Johansson gegen Blatter das Nachsehen gehabt, 2002 boxte sich der heute 75-jährige Schweizer gegen Hayatou durch. Diesmal räumte Bin Hammam schon vor der Wahl das Feld.


Ex-Fifa-Pressesprecher Guido Tognoni im Abendblatt-Interview:

Hamburger Abendblatt: Kurz vor den Präsidentenwahlen erschüttern Korruptionsaffären den Weltfußballverband. Wie korrupt ist die Fifa?

Guido Tognoni: Die Korruptionsvorwürfe sind aktenkundig und von Gerichten bestätigt. Es handelt sich hier um kriminelle Tatbestände. Die Fifa muss endlich aufwachen und den Handlungsbedarf erkennen. Niemand kann erwarten, dass der Fußball auf dem Platz sauber ist, wenn die Vorbilder in den Chefetagen versagen. Die Gefahr für den Fußball ist enorm, da es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich etwa wichtige Sponsoren zurückziehen werden. Eine Weltfirma wie Adidas kann kein Interesse haben, sich mit einem Verband zu identifizieren, der immer wieder unter Korruptionsverdacht steht.

Blatters Gegenkandidat Mohamed Bin Hammam hat seine Kandidatur zurückgezogen. Ist der Weg für Blatter jetzt frei?

Tognoni: So sieht es zumindest aus. Natürlich wäre eine Verschiebung der Wahl, eine Atempause, sinnvoll. Aber dies wird Blatter nicht zulassen. Er wird weiter mit allen Mitteln um seine Macht kämpfen.

Was muss die Fifa jetzt tun?

Tognoni: Zunächst braucht der Weltverband eine Beschränkung der Amtszeit. Es ist doch ein Witz, dass die Herrschaft des Präsidenten der USA nach maximal acht Jahren endet, während ein Fifa-Präsident wieder und wieder kandidieren kann. Und Blatter muss sich endlich von Personen in seinem Umfeld trennen, die als korrupt gelten. Wichtig ist auch, dass sich eine wirklich unabhängige Kommission mit den Fällen beschäftigt. Nur im ersten Schritt kann dies eine interne Ethikkommission - wie derzeit - tun. Dann müssen unabhängige Experten ran. Korruption kann man nicht mit naiven Fragen und guten Worten aufklären.

Sind Sie enttäuscht vom DFB, der sich nach wie vor zu Blatter bekennt?

Tognoni: Mit Ausnahme des englischen Verbandes, der für eine Wahlverschiebung plädiert hat, bin ich von allen großen Verbänden enttäuscht. Es kann weder die Aufgabe der Medien noch der Zuschauer sein, Korruption zu bekämpfen. Die Verbände müssen reagieren und verhindern, dass ihr Verband und damit der Fußball den Bach runtergeht.

Sie plädieren für eine Auslosung bei der WM-Vergabe. Warum?

Tognoni: Eine Auslosung unter den Kandidaten erstickt Korruptionsvorwürfe gegenüber dem Exekutivkomitee im Keim. Zudem muss das Verfahren grundsätzlich reformiert werden. Wenn etwa beschlossene Sache ist, dass man bei der Vergabe neue Gebiete wie Russland erschließen will, braucht man einem Verband wie dem englischen keine Bewerbung zuzumuten.

Der suspendierte Fifa-Vizepräsident Jack Warner erhebt erneut schwere Vorwürfe gegen Präsident Joseph Blatter
Foto: REUTERS Der suspendierte Fifa-Vizepräsident Jack Warner erhebt erneut schwere Vorwürfe gegen Präsident Joseph Blatter
Guido Tognoni war einst Pressechef und Marketing- und Wettbewerbskommissionsdirektor der Fifa
Foto: WITTERS/Witters/EQ Images Guido Tognoni war einst Pressechef und Marketing- und Wettbewerbskommissionsdirektor der Fifa
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