Wo laufen sie denn hin?

Durch eine neue Gebühr bringt der Leichtathletikverband Hamburgs Veranstalter von Straßen- und Volksläufen gegen sich auf. Die sehen in ihm einen Konkurrenten

Hamburg. Hans Schreckenberg weiß, dass der Zeitpunkt zum Klagen vielleicht nicht der richtige ist. Am Dienstagabend haben sie beim Lauftreff Alstertal die Anmeldungen nachgezählt: 2460. Damit ist der Volkslauf am 28. September ausverkauft. Die Freude darüber ist diesmal allerdings eher gedämpft. "Hätten wir nicht zuletzt noch massiv in Werbung investiert", sagt Schreckenberg, "dann wären wir kaum auf unsere Kosten gekommen."

Der vermeintliche Grund dafür ist am kommenden Sonnabend in Wandsbek zu besichtigen. Um 18 Uhr fällt der Startschuss zum 1. HEK-Halbmarathon Hamburg. Gut 1000 Teilnehmer haben gemeldet, dazu 240 Dreierstaffeln. Fürs erste Mal, sagt Frank Thaleiser von der Marathon-Hamburg-Veranstaltungs-GmbH, sei man damit "gar nicht unzufrieden". Seine Teilnehmer indes könnten den etablierten Veranstaltungen weggelaufen sein. So fehlten dem Airport Race am Sonntag 350 Finisher im Vergleich zum Vorjahr. Auch der Blankeneser Heldenlauf vor drei Wochen verbuchte rückläufige Zahlen.

"Der September ist inzwischen überfrachtet", sagt Karsten Schölermann von der BMS-Laufgesellschaft (Hella-Hamburg-Halbmarathon, Airport Race, Alsterlauf). Wie andere Veranstalter wittert auch er einen ungleichen Wettbewerb. So bewilligte die Wandsbeker Bezirksversammlung für den HEK-Halbmarathon eine sogenannte Fehlbedarfsfinanzierung: Für Verluste von bis zu 45.405 Euro steht die öffentliche Hand gerade. Für den Bezirk, der sich vergeblich um einen Schwenk des Marathons durch Wandsbek bemüht hatte, ist der neue Abendlauf "eine Sportveranstaltung von überbezirklicher Bedeutung". Immerhin sind Spitzenathleten wie Manuel Stöcker (Ostheim v. d. Rhön) oder die Hamburgerin Mona Stockhecke am Start.

Üppiger wird allerdings nur der Haspa-Marathon (100.000 Euro) bezuschusst, den auch Thaleiser ausrichtet. Der Alsterlauf hingegen muss mit 6000 Euro auskommen. Der "Lauf durchs schöne Alstertal" geht sogar leer aus – obwohl er größtenteils durch Wandsbek führt. "Diese Ungleichbehandlung ist für uns, die wir als Einzige noch einen Traditionslauf dieser Größenordnung ehrenamtlich organisieren, nicht nachzuvollziehen", sagt Schreckenberg.

Auch die neue Gebührenordnung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) drückte bei der Volkslaufbörse vergangene Woche, als die Termine fürs nächste Jahr vergeben wurden, auf die Stimmung. Demnach müssen von 2016 an alle Straßen- und Volksläufe einen Euro pro erwachsenem Finisher abführen – bisher gab es lediglich eine freiwillige Zahlung von zehn Cent in einen sogenannten Härtefonds.

Das Geld soll es den Verbänden ermöglichen, "ihre Satzungsaufgaben zu erfüllen" und "die Solidargemeinschaft der Laufbewegung" zu stärken. Tatsächlich geht es wohl darum, Löcher zu stopfen, die durch den Wegfall öffentlicher Mittel aufgerissen wurden. Klaus Jakobs, Geschäftsführer des Hamburger Verbandes (HLV), bestreitet das gar nicht: "Wir haben Fördergelder verloren und wollen mit dem Finisher-Euro zum Beispiel Honorartrainer bezahlen, die zuletzt für lau gearbeitet haben." Dies habe auch der Hamburger Verbandsrat einstimmig befürwortet.

"Für die kleinen Läufe ist ein Euro aber zu viel", sagt Schölermann. Konkurrent Thaleiser sieht es hingegen als "durchlaufenden Posten", den man auf die Teilnehmer umlegen könne. Pikant ist freilich, dass der HLV Gesellschafter der Marathon-GmbH ist – und seinen Etat zu einem großen Teil aus deren Überschüssen bestreitet. Da passt es für einige Laufveranstalter ins schiefe Bild, dass HLV-Präsidiumsmitglied Wolfgang Timm in seiner Eigenschaft als Sprecher der Laufwarte im DLV zu den Initiatoren des Finisher-Euros gehört.

Timm wurde nun auf der Volkslaufbörse beauftragt, sich für eine Halbierung auf 50 Cent einzusetzen. Auch in anderen Bundesländern wurden Bedenken angemeldet. "Wir werden vom Verband abkassiert, aber nicht repräsentiert. Mehr noch: Er tritt mit eigenen Veranstaltungen unter fast gleichem Namen gegen uns an", sagt Schölermann. Er schließt eine Abspaltung nicht aus. Lieber wäre ihm aber ein gemeinsamer Arbeitskreis, der die Interessen wieder zusammenführt.