18.05.13

Sportgespräch

Stich: "Ich hätte Steffis Leben nicht leben wollen"

Michael Stich und sein früherer Trainer "Herby" Horst über Tennis damals und heute. Es könnte in Deutschland viel mehr Topspieler geben, davon sind der Tennislehrer und der Rothenbaumturnierchef überzeugt.

Von Benjamin Doerfel und Achim Leoni
Foto: Roland Magunia
Dem Stich sein Trainer
Der ehemalige Tennisprofi Michael Stich und sein Jugendtrainer Herbert Horst

Hamburg. Wann sich Michael Stich und Herbert "Herby" Horst erstmals begegnet sind, wissen beide nicht mehr genau. Es wird wohl um 1983 gewesen sein. Horst, 57, war (wie seit 1993 wieder) Landestrainer des schleswig-holsteinischen Tennisverbands und Stich, 44, ein talentierter Junge aus Elmshorn, von dem nicht absehbar war, dass er einmal zum Wimbledon- und Olympiasieger aufsteigen würde. Auch Angelique Kerber, Mona Barthel, Julia Görges und Tobias Kamke haben Horsts Schule durchlaufen. Aber es könnte in Deutschland viel mehr Topspieler geben, davon sind der Tennislehrer und der Rothenbaumturnierchef überzeugt.

Hamburger Abendblatt: Herr Stich, vor 20 Jahren gewannen Sie als letzter Deutscher am Rothenbaum. Wann gewinnt endlich der nächste Deutsche?

Michael Stich: Ich glaube, dass er irgendwo da draußen ist. Wir müssen ihn nur finden und richtig ausbilden. Wir haben eine große Tradition und eigentlich alles, was wir brauchen.

Herr Horst, der Norden erlebt ein Tennishoch. Kommt der nächste Wimbledon-Sieger aus Norddeutschland?

Herbert Horst: Das wäre natürlich schön, aber noch etwas verfrüht. Die Talente sind aber durchaus da.

Der letzte richtig erfolgreiche Norddeutsche war Michael Stich. Wie kam es, dass er damals bei Ihnen trainierte?

Stich: Ich war von vielen schlechten Jugendlichen einer der besten. Bis zu meinem Titel 1986 habe ich bei deutschen Jugendmeisterschaften nie auch nur eine Runde gewonnen.

Die große Karriere war damals also nicht abzusehen?

Horst: Nein. Michael war sehr groß, und seine Schläge haben nicht zu seiner Idee von Tennis gepasst. Irgendwann mit 16 kam dann Kraft dazu, und dann wurde er richtig gut.

Was war das Wichtigste, was Sie bei Horst gelernt haben?

Stich: Herby hat mir ein gewisses Maß an Struktur vermittelt. Ich habe Tennis gespielt, weil ich das Spiel geliebt habe. Ich war wohl der größte Stoppspieler Deutschlands, aber das hat mir Herby sehr schnell abgewöhnt. Es geht eben nicht nur darum, Spaß zu haben, sondern das Match am Ende auch zu gewinnen. Und das erreicht man nicht dadurch, nur schön zu spielen.

Verlieren konnten Sie aber trotzdem nie.

Stich: Ich war unheimlich ehrgeizig und habe es gehasst zu verlieren. Das hat auch dazu geführt, dass ich auf dem Platz nicht immer nett und freundlich war, wenn es nicht so lief.

Wann haben Sie dann gemerkt, dass Sie für höhere Aufgaben geschaffen sind?

Stich: Nachdem ich 1986 völlig überraschend deutscher Jugendmeister geworden bin, fragten mich zwei Trainer, ob ich nicht Profi werden möchte. Die Überlegung gab es damals aber für mich überhaupt nicht. Ich wollte Medizin studieren, und in meiner Familie war es klar, dass man eher etwas Vernünftiges lernt. Trotzdem habe ich während meiner Schulzeit ein paar Preisgeldturniere gewonnen. Und dann kam Niki Pilic und hat mich nach München gelotst.

Warum wollten Sie nicht Profi werden?

Stich: Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Als Jugendlicher war Tennisprofi für mich auch kein richtiger Beruf, so wie man ihn zu Hause vermittelt bekommt. Ich habe aber immer hart gearbeitet und trainiert und das Glück gehabt, zur richtigen Zeit die richtigen Leute getroffen zu haben, die einen sowohl im Sportlerleben als auch im Lebensweg insgesamt weiterbringen.

Es warten da draußen also viele talentierte Spieler nur darauf, die richtigen Menschen kennenzulernen?

Horst: Junge Spieler müssen erst einmal das richtige Umfeld finden. Es gibt zwei Arten von Talenten: Spieler, bei denen es vorbestimmt ist, wie Novak Djokovic oder Rafael Nadal. Die wussten schon als Kind, dass sie Profi werden wollten, und die Eltern wussten das auch. Entsprechend wird das ganze System, die Lebensführung darauf ausgelegt. Da können wir nur noch bedingt Einfluss nehmen. Für uns sind die Spieler wichtig, die gut in den Verbänden ausgebildet wurden. Wenn sie dann reif genug sind, helfen wir ihnen auf dem Weg in eine mögliche Profilaufbahn.

Sind die jungen Spieler heute nicht reif genug, um ganz oben anzugreifen?

Horst: Es ist viel harte Arbeit. Man muss auf vieles verzichten. Hinzu kommt, dass sich der Deutsche gern erst einmal absichert und nicht Hals über Kopf Profi wird ohne Plan B. Man muss schon ein wenig Risiko eingehen.

Stich: Es gab auch früher schon verschiedene Wege. Boris Becker, Patrik Kühnen, Charly Steeb und Eric Jelen wussten schon ganz früh, dass sie Profi werden wollen, haben die Schule abgebrochen und sich komplett diesem Leben verschrieben. Der Nächste war Tommy Haas. Es kommt aber immer auf das Individuum an. Tommys Weg könnten heute wahrscheinlich 100 Kinder so versuchen, und sie würden es trotzdem nicht schaffen.

Warum nicht?

Stich: Tommy Hass hat eine Mentalität, die Dinge ohne Angst anzugehen, und eine offene Einstellung zum Leben. Die Spieler sind heute weniger empfänglich für Einflüsse von außen, auch neben dem Tennis-Input. Trainer heute sehen sich in erster Linie nur als Übungsleiter, aber es steckt heute so viel mehr dahinter, um als Team erfolgreich zu sein.

Was genau hat sich verändert?

Stich: Das Umfeld mit Eltern, Management et cetera, die alle mitreden wollen. Es gibt heute auch nicht mehr viele Trainer mit der nötigen Ausbildung und Erfahrung, um den Job auf höchstem Niveau machen zu können. Alle Komponenten müssen passen, damit der Jugendliche am Ende erfolgreich ist.

Ist der Trainerjob nicht attraktiv genug?

Horst: Im Spitzenbereich muss man sich mehr spezialisieren: ein Trainer, ein Fitnessexperte, ein Athletikcoach. Was vor allem fehlt, ist, dass man auch den Menschen stärkt. Das geht nur über einen langen Zeitraum, wie bei Rafael und Toni Nadal, die eine gemeinsame Philosophie verfolgen. Das Geschäft ist so schnelllebig heute, dass viele junge Spieler den Fehler machen, dass sie zu sprunghaft sind bei ihren Trainern.

Stich: Das ist wie in der Wirtschaft. Wenn man einen Mentor hat, der einen begleitet, Erfahrung hat und einem etwas vermitteln kann, dann entwickelt man sich anders weiter. Das Gefühl, sich an jemand wenden zu können, auch bei Misserfolg, ist ungemein wichtig.

Was sind die größten Probleme für Jugendliche in ihrer Entwicklung?

Horst: Sie sind bereits in jungen Jahren einem ungeheuren Druck ausgesetzt, sei es durch das Elternhaus, in der Schule oder auch aufgrund der eigenen Erwartungshaltung. Deswegen braucht es gute Trainer, die den Druck wegnehmen und den Spaß am Spiel bewahren.

Wie schafft man es, Schule und Leistungssport zu vereinbaren?

Horst: Das ist ganz schwierig. Wir haben Internate und sportbetonte Schulen, aber die optimale Lösung ist das nicht. Wir haben es in Deutschland versäumt, zentralistische Systeme aufzubauen. In meiner Heimat Südafrika ist der ideale Bildungsweg das Internat. In Deutschland wird das nicht so gern gesehen.

Stich: Früher ging man nach der Schule auf den Bolzplatz oder Tennis spielen. Heute surfen die Kinder erst einmal zwei Stunden im Internet, da bleibt dann wenig Zeit für Sport. Wenn Kinder aber Sport machen wollen, dann können sie das auch. Es bleibt nur etwas anderes auf der Strecke. Wir merken in Hamburg gerade wieder einen Zulauf in den Tennisvereinen. Meine Generation hat jetzt Kinder und erinnert sich wieder, wie toll der Tennissport ist.

Braucht es dann überhaupt eine Aktion wie "Tennis for free"?

Stich: Tennis braucht mehr Öffentlichkeit. Wir versuchen auch Menschen zu erreichen, die sonst keine Berührung mit Tennis haben. Je mehr wir begeistern können, umso besser für den Sport.

Carl-Uwe Steeb hat den Vorwurf geäußert, dass Einwandererfamilien zu wenig Berührungspunkte mit Tennis hätten.

Horst: Ich sehe bei uns in Schleswig-Holstein nicht, dass da eine Abgrenzung ist. Gleichwohl ist Tennis eine teure Sportart, die nicht nur Geld, sondern auch Zeit kostet. Das schüchtert die Leute ein wenig ein.

Stich: Eines der Hauptprobleme ist, dass die Bereitschaft und die Möglichkeiten der Familien, so viel Zeit aufzuwenden, aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen nicht mehr so da ist wie früher. Das familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl über den Tennisverein, auch als soziale Basis, hat sich über die Jahre stark verändert.

Wie kann man dem von Verbandsseite entgegenwirken?

Stich: Wir haben ein fantastisches System in Deutschland, auch wenn es föderal ist, was es oft sehr schwierig macht. Aber die Strukturen sind da.

Horst: Jeder Verband hat ein anderes System. Die Schaltstellen Kreis, Bezirk, Land sind da manchmal ein Hemmnis. Lübeck etwa gehört zum Kreis Lübeck und Stockelsdorf, direkt an Lübeck angrenzend, gehört zum Kreis Ostholstein. Früher konnten Kinder aus beiden Orten nicht zusammen trainieren, auch wenn das natürlich sinnlos war. Heute haben sie die Möglichkeit.

Warum funktioniert es gerade in Schleswig-Holstein so gut? Mit Kerber, Görges und Barthel gibt es drei Spielerinnen unter den besten 50 der Welt.

Horst: Das Konzept eines Vertrauenstrainers, also einer direkten Bezugsperson, ist ganz wichtig. Wir denken zudem langfristig, haben also auch Modelle, die vom 8. bis zum 22. Lebensjahr gehen, und auf diesem Weg haben wir Ideen und Visionen für die Spieler. Wir haben mittlerweile das Know-how in puncto Individualität und Kontinuität.

Warum sind die Damen so erfolgreich, während es im Herrenbereich hapert?

Stich: Es ist auch immer die Frage, was für einen Anspruch wir haben. Klar wollen wir Grand-Slam-Siege. Aber es wird keinen zweiten Becker geben. Boris war einzigartig. Und Steffi Graf wird wohl auf ewig unerreicht bleiben. Es geht einfach darum, rauszugehen und das Vertrauen zu haben, jeden schlagen zu können.

Durch die Damenerfolge wird auch der Fedcup wieder interessanter, der Daviscup tut sich dagegen schwer.

Stich: Der Fedcup bekommt durch die Mädels wieder eine Bedeutung, auch medial. Sie präsentieren sich sympathisch und vermitteln den Zuschauern, dass sie gewinnen wollen - für ihr Land. Es wäre toll, wenn das unseren Herren in ähnlicher Weise gelingen würde. Ein Finaleinzug des deutschen Daviscup-Teams würde dem Tennissport einen riesigen Schub geben.

Besteht Hoffnung auf Besserung?

Horst: Wir waren sehr verwöhnt und haben nur in Grand-Slam-Siegen gedacht. Wir hatten schon auch gute Leute, trotzdem hat man damals sicher zu groß gebaut. Die Verbände haben große Sportzentren bekommen, wo vielleicht strukturelle Maßnahmen besser gewesen wären. Dieser Boom in den 80er-Jahren war aber auch Neuland für uns. Da macht man natürlich Fehler.

Stich: Was Spieler wie Boris und Steffi damals geopfert haben, ist heute keiner mehr bereit zu tun. Gerade bei Steffi war das Leben alles andere als ein Zuckerschlecken. Ich hätte das Leben nicht leben wollen. Vergangene Woche gab es ein kleineres Challenger-Turnier in China, bei dem man gut und einfach Punkte sammeln könnte. Aber glauben Sie nicht, dass da irgendein Deutscher am Start ist. Wenn Sie 20 jungen Spielern die Wahl geben, macht das vielleicht einer. Da wird der Weg des geringeren Widerstands gegangen. Es ist auch ein Talent, die mentale Komponente und den Willen zu haben.

Kann man das trainieren?

Stich: Man muss auch akzeptieren, wenn ein Spieler dieses Talent nicht hat. Boris hatte diesen unfassbaren Willen zu gewinnen. Das lässt sich nur schwer trainieren, das ist eine Grundeinstellung. Gewisse Dinge sind einfach angeboren und lassen nicht beibringen.

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