04.02.13

Fussball-Wettskandal

Manipulationen "auf einem nie dagewesenen Niveau"

Europol deckt größten Wettbetrug der Geschichte auf. 70 Partien sollen in Deutschland verschoben worden sein. Mehr als 380 in Europa.

Foto: pa/M.i.S.-Sportp
Fußball-Symbolbild - Wettskandal und Bestechung
Die europäische Polizeibehörde Europol will den weltgrößten Fußball-Wettskandal aufgedeckt haben

Den Haag. Die Ermittlungen unter dem Codenamen "Veto" haben den größten Wettskandal der Sport-Geschichte offenbart und die Glaubwürdigkeitskrise der Fußball-Welt verschärft. Nach Auswertung von mehr als 13.000 E-Mails hat die europäische Polizeibehörde Europol rund 700 verdächtige Spiele von 2008 bis 2011 registriert. Darunter sind weltweit 300 völlig neue Fälle und alleine in Europa mehr als 380 Partien, die in den Ländern meist schon bekannt waren. Betroffen sind Begegnungen der WM- und EM-Qualifikation sowie zwei Champions-League-Spiele, davon ein Duell in England. "Wenn die Zahl echt wäre, wäre das beängstigend", meinte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff zu den erschreckenden Ausmaßen. Für die Ermittler ist dies sogar nur "die Spitze des Eisbergs".

Alleine in Deutschland stehen, so der Bochumer Hauptkommissar Friedhelm Althans, 70 Spiele unter Verdacht – das wären deutlich mehr als bisher in den Prozessen am Landgericht Bochum verhandelt wurden. "Nach unseren Informationen gehen wir davon aus, dass es über die bereits bekannten Spiele hinaus keine neuen Fälle in Deutschland gibt", sagte Helmut Sandrock, Generalsekretär des Deutschen Fußball- Bundes.

Die beiden Bundesligen sollen auch nach Erkenntnissen der Deutschen Fußball Liga nicht betroffen sein. "Wer aber weiß, dass im Wettgeschäft nicht Tausende, nicht Millionen, sondern Milliarden umgesetzt werden, der ahnt, dass dort auch Kriminelle ihre Geschäfte machen und davon profitieren wollen", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball der "Bild"-Zeitung (Dienstag). "Für uns ist enorm wichtig, dass die Strafverfolgungsbehörden dieses Thema intensiv verfolgen."

An den Manipulationen sollen insgesamt 425 Club-Funktionäre, ehemalige oder heutige Spieler und Schiedsrichter in mindestens 15 Ländern beteiligt gewesen sein. 151 von ihnen haben demnach ihren Wohnsitz in Deutschland, wo im Zuge des Wettskandals bislang 14 Personen zu Strafen von insgesamt 39 Jahren verurteilt worden waren.

Europol-Chef Rob Wainwright sprach am Montag von Manipulationen "auf einem nie dagewesenen Niveau" und betonte auf einer Pressekonferenz in Den Haag: "Wir haben ein dichtes kriminelles Netzwerk aufgedeckt. Das ist ein trauriger Tag für den Fußball und ein weiterer Beweis der Korruption durch organisierte Kriminalität in der Gesellschaft." Der Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld wertete die Erkenntnisse als "Katastrophe für den Fußball".

Neben den zumeist schon bekannten Spielen in Europa wird nun zusätzlich wegen rund 300 neuer verdächtiger Begegnungen, meist in Asien, Zentral- und Südamerika sowie Afrika, ermittelt. Untersuchungen würden aber auch in Spanien, Großbritannien und den Niederlande angestellt, sagten die Ermittler auf Nachfrage. "Es sind sogar zwei WM-Qualifikationsspiele in Afrika und eine Partie in Zentralamerika unter Verdacht", sagte Althans. Weltverbandschef Joseph Blatter twitterte: "Ich wiederhole, das ist ein großes Thema für den Fußball und die Regierungen, das es zu lösen gilt."

Seit 2011 kooperiert die Fifa mit der internationalen Polizeiorganisation Interpol. "Spielmanipulation ist ein globales Problem, das starke Partnerschaften auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene benötigt", verdeutlichte Gianni Baldi, Chef der Interpol-Einheit Drogen und organisierte Kriminalität. IOC-Vize Thomas Bach forderte für die mutmaßlichen Täter "drastische Strafen zur Abschreckung". Das Internationale Olympische Komitee habe der Bedrohung durch Wettmanipulation bereits vor Jahren hohe Priorität eingeräumt. "Wir haben seitdem eine enge Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, die zu diesen Fahndungserfolgen beigetragen hat", sagte Bach der Nachrichtenagentur dpa.

Hinter dem Wettskandal soll Europol zufolge ein asiatisches Verbrechersyndikat stecken, das auch in Europa aktiv sei. Zudem seien auch russischsprachige Gangs involviert. "Wir haben Beweise für 150 dieser Fälle. Die Aktivitäten mit Bestechungsgeldern von bis zu 100.000 Euro pro Spiel gingen von Singapur aus", sagte Althans, Sprecher des Ermittlerteams aus 13 europäischen Ländern, zu den neuen Erkenntnissen. In Dänemark wurde ein Zweitligaprofi wegen Betrugverdachts für sechs Monate suspendiert – er soll Wetten auf ein Pokalspiel seines eigenen Teams platziert haben.

Insgesamt seien mehr als zwei Millionen Euro an Bestechungsgeldern an Spieler und Offizielle geflossen, europaweit strichen die Manipulateure Wettprofite in Höhe von acht Millionen Euro ein. "Das ist das erste Mal, dass wir substanzielle Beweise dafür haben, dass die organisierte Kriminalität nun auch in der Welt des Fußballs agiert", meinte Wainwright.

Die internationale Fußball-Gemeinschaft müsse "abgestimmten Einsatz" zeigen, um die Korruption in den Griff zu bekommen, erklärte der Brite. Die Ergebnisse der Untersuchungen wolle er nun an Uefa-Präsident Michel Platini senden. Die Europäische Fußball-Union hielt sich mit einer klaren Einschätzung zunächst zurück. "Wenn die Details der Ermittlungen der Uefa vorliegen, werden sie von den geeigneten Disziplinargremien überprüft, um die notwendigen Maßnahmen zu treffen", hieß es lediglich aus Nyon.

Angesichts der Dimensionen des Skandals mahnte die Fifa eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Verbänden und Ermittlungsbehörden an. "Spiel-Manipulationen sind ein globales Problem und keines, das morgen wieder verschwinden wird. Die Fifa und die gesamte Fußball-Familie sind verpflichtet, dagegen anzukämpfen, aber wir werden das allein nicht schaffen können", sagte Sicherheitsdirektor Ralf Mutschke.

Der frühere leitende Direktor des Bundeskriminalamts erklärte, dass die verschiedenen Verbände "nur Mitglieder der Fußball-Familie" - sprich Spieler, Offizielle oder Vereine bestrafen könnten – nicht aber die Hintermänner außerhalb des Sports. Von daher müsse "die Kooperation zwischen den Strafverfolgungsbehörden und den Sport-Organisationen verstärkt werden", meinte Mutschke.

(dpa)
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