Der 15-malige Weltmeister verlor gegen seinen Landsmann Dave Chisnall mit 1:4 Sätzen und schied so früh wie noch nie bei einer WM aus.

London. Der SV Meppen schlägt im Fußball die großen Bayern aus München. Oder Sebastian Vettel gewinnt ein Formel-1-Rennen auf nur drei Rädern. So etwa ist es wohl im Darts-Sport, wenn Phil Taylor seine Pfeile schon viele Tage vor einem wichtigen Finale einpacken muss – dann ist wahrhaft Historisches im Sport passiert. So geschehen am Dienstagabend bei der Weltmeisterschaft im Alexandra Palace in London. Das sensationelle Zweitrunden-Aus des besten Dartsspielers des Planeten kommt in der Sportart mit den kleinen Pfeilen einem Erdbeben gleich.

Allein die Bilder sprachen Bände. Sieger Dave Chisnall blies die Backen auf und reckte die Faust stolz nach oben. Taylor, den der Darts-Sport zum Multi-Millionär gemacht hat, stand wie ein begossener Pudel daneben. Mit gesenktem Haupt applaudierte der 51-Jährige seinem 20 Jahre jüngeren Bezwinger. Seit Einführung des professionellen Dartsspiels vor 19 Jahren ist der stämmige und trinkfeste Brite, den sie respektvoll „The Power“ nennen, noch nie so früh bei einer Weltmeisterschaft gescheitert.

Der 15-malige Weltmeister zeigte sich trotz des Desasters als fairer Verlierer: „Dave war der bessere Spieler und hat verdient gewonnen.“ Doch ein Blick in Taylors Augen verriet: An dieser Niederlage dürfte „Mister Darts“ noch eine ganze Weile zu knabbern haben. Vielleicht war er einfach zu siegessicher. Taylors bittere Erkenntnis: „Ich muss härter arbeiten, damit so etwas nicht noch einmal passiert.“

Im ersten Spiel bei den mit umgerechnet 1,2 Millionen Euro dotierten Titelkämpfen hatte es Taylor selbst in der Hand. Nur 87 Punkte bis zum Finish. Für einen wie ihn normalerweise nur Formsache. Doch „The Power“ patzte, und irgendwie kam er danach nicht mehr richtig rein ins Spiel. Das belegen so manche Zahlen: 31-mal zielte er an diesem denkwürdigen Abend beispielsweise auf einen Doppel-Ring auf der kleinen runden Scheibe, doch er traf nur zehnmal.

Überraschungsmann Chisnall schwebte auf Wolke sieben durch die Halle. „Das ist sicher die schönste Nacht meiner Karriere“, sagte der Brite immer wieder. Er sei „over the moon“, was so viel heißen soll wie: „Ich bin hin und weg.“ Er habe ja schon so lange darauf gewartet, einmal gegen Phil Taylor zu spielen, sagte Chisnall.

Aber wie hat er es nur geschafft, die Darts-Legende zu besiegen? „Ich habe mir immer wieder gesagt: Dein Gegner ist die Darts-Scheibe und nicht Phil Taylor“, sagte Chisnall, der noch nie zuvor gegen Taylor gespielt hatte. Und deshalb ist er wohl der einzige Spieler, der jetzt eine positive Bilanz gegen den Superstar der Szene vorzuweisen hat. (dapd/abendblatt.de)