03.01.13

Oberstaufen

Eine Packung Gesundheit im Dreiländereck

Wohin reisen gute Vorsätze? Das Schroth-Heilbad Oberstaufen im Allgäu ist ein ideales Ziel für die Runderneuerung zum Beginn des Jahres.

Von Yvonne Weiß
Foto: pa/gms/Oberstaufen_Tourismus
Natur, Sport und Wellness - Oberstaufen bietet mehr als Schrothkuren
Großputz für den Körper - wichtigstes Element der Kur sind feuchtwarme Wickel

Morgens um fünf wird es heiß in Oberstaufens Betten. Menschen ziehen sich aus, legen sich hin, schließen die Augen. Der Körper arbeitet. Schweiß rinnt. Zum Frühstück gibt es Glückshormone - und einen steinharten Zwieback. "So, das muss reichen bis zum Mittagessen", sagt Regina Forster und zieht die Laken wieder in Ordnung.

Was wie das Ende einer durchfeierten Nacht klingt, ist der Beginn eines typischen Schrothkur-Tages. Nichts für Langschläfer oder Hungrige, könnte man meinen, aber wie so oft bei ungewöhnlichen Dingen muss man sie erst zu verstehen lernen. Frau Forster hilft einem dabei. Sie ist Packerin; ein Job, den es so eigentlich nur in Oberstaufen gibt. Dem Finanzbeamten in ihrem 13 Kilometer entfernten Heimatort musste Regina Forster erst mal erklären, was sie tut. "Der dachte, ich verpacke Ölsardinen in Dosen." In Wirklichkeit schnürt die 55-Jährige kalte, nasse Laken um Kurgäste, und zwar morgens zwischen vier und sechs Uhr, wenn Leber und Niere ihre Arbeit beginnen.

Das fühlt sich an, als würde man schlafend in die Arktis gekippt. Selbst der härteste Typ möchte plötzlich in die Kategorie Warmduscher gehören. Aber die Wickel und einige zusätzliche Wärmflaschen erhöhen nach und nach die Kerntemperatur des Körpers; eine Art künstliches Fieber wird erzeugt, und man beginnt zu schwitzen. "Das Gift muss raus, und Ihre Haut wird weich wie ein Babypo", verspricht Regina Forster, die in den letzten 20 Jahren vom Konzernboss bis zur erschöpften Mutter, vom Teenager bis zur 104 Jahre alten Dame alles verpackt hat, was nach Oberstaufen zur Kur kam. Frau Forster ist der Christo der Wellnessreisen - wenngleich Begriffe wie Wellness, Detox oder Anti-Aging viel zu unspezifisch für das 180 Jahre alte Naturheilverfahren sind, das in Oberstaufen sein Zentrum gefunden hat.

Zur Linken der Bodensee, zur Rechten Schloss Neuschwanstein: Oberstaufen liegt 800 Meter hoch im Dreiländereck Deutschland-Österreich-Schweiz und ist der touristische Mittelpunkt des Naturparks Nagelfluhkette. Ein Stück Postkarten-Allgäu, wo Kühe glücklich grasen und Wanderer lustige Lieder pfeifen. Der "Wanderort des Jahres 2008" punktet mit einem 300 Kilometer langen, gut markierten Wegenetz und vielen urigen Einkehrmöglichkeiten. Auf der Enzianhütte oder im Ponyhof spielen Livebands, so kommt Schwung in die Idylle. Im Ort lohnen das Färberhaus, das Erlebnisbad Aquaria, das Heimatmuseum und das blaue Haus - eine Mischung aus Café und Shop - einen Besuch.

Bekannt und stolz ist die Gemeinde aber dafür und darauf, Deutschlands einzig anerkanntes Schroth-Heilbad zu sein. Dabei wurde die Kur zunächst ganz woanders entwickelt, in Niederlindewiese im Sudetenland (heute Tschechien). Dort verletzte sich Landwirt und Fuhrmann Johann Schroth 1817 am Knie und benutzte zur Heilung feuchtwarme Umschläge. Zudem beobachtete er, dass kranke Tiere die Nahrungsaufnahme einschränken, um mehr Energie für die Selbstheilung aufbringen zu können, anstatt als für die Verdauungsprozesse zu verwenden. Auch Kinder folgen oft diesem Instinkt und essen fast nichts, wenn sie krank sind. Johann Schroth schuf die vier Grundprinzipien der Kur, die bis heute unangetastet sind: 1. Schwitz-Packung, 2. Wechsel von Trink- und Trockentagen, 3. kohlehydratreiche, vegetarische Diät, 4. Wechsel von Ruhe und Bewegung.

Schroths Ideen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vom einzig überlebenden Schrothkurarzt Dr. Hermann Brosig ins Allgäu gebracht, weil der dort "von der einzigartigen Schönheit der Landschaft und dem heilkräftigen Klima begeistert" war. Seitdem dreht sich in Oberstaufen alles ums Schrothen. Die Einwohner wissen, dass sie der Kur die Touristen verdanken, und beschweren sich nicht, wenn die Kurgäste im Café nur einen Tee bestellen oder gegen Mitte der Kurwoche schlechte Laune verbreiten. "Wenn mich am Mittwoch ein Tourist anmeckert, dann ist mir klar: Ah! Ein Schrothler, der das typische Tief hat!", sagt Bianca Keybach, Geschäftsführerin der Oberstaufen Tourismus Marketing GmbH. Die PR-Arbeit der Gemeinde muss als extrem pfiffig bezeichnet werden, immer wieder gibt es Aktionen, die es in die Zeitungen schaffen. So war Oberstaufen beispielsweise 2010 der erste Ort, der bei Googles Geodatendienst "Street View" mitmachte. Außerdem wurden ein Duz- und ein Siez-Schalter in der Touristen-Information eingeführt. Der Besucher entscheidet, wie er angesprochen werden möchte. Neuester Marketing-Gag ist eine Kurschatten-App: iPhone-Besitzer erfahren die örtlichen Veranstaltungen, können aber auch Gleichgesinnte für Freizeitaktivitäten suchen - oder eben jemanden zum Flirten. Sehr hilfreich wirkt in diesem Zusammenhang der Wein, der an den Trinktagen empfohlen ist. Die Schrothkur gilt aufgrund dieser seltsamen Regel als die fröhlichste Kur überhaupt. Früher, als das Heilverfahren noch von den Krankenkassen übernommen wurde und es somit viel mehr Schrothler gab, waren vor allem die Donnerstage in Oberstaufen berüchtigt. Da tanzte das ganze Dorf - quasi auf Rezept.

Die Kommunikation sollte durchaus als heilendes Element angesehen werden. Die Männer reden hier fünfmal mehr als zu Hause, sagt ein Hotelwirt. In seiner Bar habe schon so mancher Kurgast kostenlose Therapiestunden erhalten. "Medizinisch hat der Wein allerdings keinen Nutzen", sagt Dr. Ingolf Schmitz, der seit 30 Jahren in Oberstaufen Kurgäste betreut und früher mal als Internist am Hamburger UKE war. "Er regt höchstens die Stimmung an und dämpft das Hungergefühl." Dieses tritt manchmal in den ersten Tagen auf, denn die Schrothkur basiert auf den Prinzipien des Heilfastens. Es gibt nur circa 600 Kilokalorien am Tag, und dieses Nichts ist dann auch noch komplett frei von Zucker, Salz und Fett.

"Oje", jammert der innere Schweinehund. "Oh, ja!" sagt der Organismus, der eine Entgiftung gerade nach Weihnachten und Silvester gut gebrauchen kann. Durch die Diät wird der Stoffwechsel entlastet. Die Wickel steigern zusätzlich den Grundumsatz. Frauen können in zwei Wochen fünf Prozent ihres Körpergewichtes abnehmen, Männer sieben. Doch dies sei nur ein Nebeneffekt, erklärt Dr. Schmitz. In erster Linie ginge es um die Heilung verschiedener Krankheiten. "Besonders bei Diabetes und Bluthochdruck lassen sich durch eine Schrothkur jede Menge Medikamente sparen." Auch Rheuma und erhöhtes Cholesterin seien relativ gut zu behandeln. Angst vor der strengen Diät müsse niemand haben. "Es ist lange nicht mehr so brutal wie früher", sagt Schmitz. "Da hatte man nach drei Wochen Karotten und Sellerie lange Ohren." Heute aber wird beispielsweise Polenta mit Gemüseragout serviert. Das schmeckt nach einem ganzen Kräutergarten, und mit dem halben Liter Rotwein kommt man gut durch die Nacht.

Bis Frau Forster wieder abrupt die Träume von Lasagne und Schokolade unterbricht. "Guten Morgen", sagt sie und schwenkt das feuchte Tuch. So schlaftrunken sieht es aus wie eine weiße Fahne. Ja, man ergibt sich. Für die Gesundheit.

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