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Für die Königsklasse braucht man eine ruhige Hand

Foto: franz lerchenmüller

Im sächsischen Glashütte werden die teuersten Uhren Deutschlands gefertigt. Zu Besuch bei der Firma Nomos, einer der drei ansässigen Manufakturen.

Glashütte. Ticken Uhrmacher eigentlich anders? Nehmen sie jemand ernst, an dessen Handgelenk der Billigchronograf einer Kaffeekette baumelt? Vielleicht ist es besser, das Stück vor dem Besuch unter dem Ärmel zu verstecken.

Uhrmachermeister Daniel Malchert sitzt in einem hellen Raum im renovierten Alten Bahnhof von Glashütte, in dem heute die Firma Nomos residiert. Es ist ein schönes Gebäude: klare rechteckige Flächen, Fenster im Bauhausstil, alles in Weiß und Grau gehalten. Der 30-Jährige mit dem kräftigen Kinn, den großen braunen Augen und dem offenen Gesicht entspricht mit seinem zurückhaltenden Auftreten ganz dem Bild, das die Öffentlichkeit sich von seinesgleichen macht: "Introvertiert, ruhig und ausgeglichen zu sein sagt man uns Uhrmachern nach", sagt er lachend.

Eigentlich wollte Malchert Tierpfleger werden. Doch schon sein Uropa war Uhrmacher, er selbst verbrachte viel Zeit bei ihm in der Werkstatt, und als sich nach der Wende zeigte, dass die Uhrenfabrikation in Glashütte neuen Schwung bekam, begann er 1997 eine Lehre in der Uhrmacherschule. "Handwerkliches Geschick muss man mitbringen, Verständnis für technische Zusammenhänge und räumliches Vorstellungsvermögen." Vier Jahre arbeitete er als Geselle, dann machte er seinen Meister und blieb bei der Firma.

Nomos Glashütte wurde 1990 von dem Düsseldorfer Roland Schwertner gegründet. Heute sind dort mehr als 90 Uhrmacher und Techniker tätig. Nomos Glashütte ist mit Glashütte Original und A. Lange & Söhne die dritte Uhrenmanufaktur am Ort: Sie stellt das Uhrwerk zum großen Teil selbst her und baut nicht, wie die meisten Firmen, nur Fremdteile zusammen. Nur etwa 20 Betriebe arbeiten weltweit noch so.

Gefertigt werden die meisten Einzelteile im Erdgeschoss des Bahnhofs. Es riecht nach Öl, das Neonlicht erinnert eher an ein Labor als an eine Fabrik. Maschinen beherrschen das Bild: Ein automatischer Bohrer fräst Messingrohlinge zu und wechselt seine Werkzeuge selbst. Eine Drahterodiermaschine schneidet Sperrklinken aus. Eine Werkzeugschleifmaschine sorgt dafür, dass stets mit präzisem Gerät produziert wird. Und ein "Steinsetzer" presst automatisch winzige künstliche Rubine in die Platinen und setzt passende Lager und Stifte ein.

In der Chronometrie, die in der Stadt weiter oben am Hang liegt, zeigt sich, dass Nomos zu Recht den Titel Manufaktur trägt: Hier werden die Einzelteile zusammengesetzt, und zwar überwiegend in Handarbeit. Frauen und Männer in weißen Kitteln und mit Lupe passen winzige Teile namens Ankerkloben, Automatikbrücken, Korrektorräder oder Datumhebeldecken ein.

Am Höhenspielmesstisch wird die Position der Räder kontrolliert, in der Feinreglage die Spiralfeder mit dem Unruhkolben montiert - das künftige Kraftwerk der Uhr. Dann "lernt die Unruh eine Woche lang Schwingen", ehe sie feinreguliert wird. "Deshalb hat jede unserer Uhren ihr individuell reguliertes Herz", sagt der Meister. Am Ende kommen Zifferblatt und Zeiger darauf.

Jedes Exemplar, das die Manufaktur verlässt, darf die Aufschrift "Glashütte" tragen. Die bekommen nur Uhren, deren Wertschöpfung zu mehr als 50 Prozent am Ort erfolgt. Bei Nomos sind es zwischen 75 und 95 Prozent.

Der gute Ruf, den Glashütte in der Fachwelt hat, beruht auf einer langen Tradition. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden am Ort Uhren hergestellt, erfährt der Besucher im neuen Uhrenmuseum im Herzen der Stadt. Zu DDR-Zeiten lieferte der VEB Glashüttener Uhrenbetriebe auch in den Westen: Die Meister Anker gab es bei Quelle. Es begann der Siegeszug der Quarzuhren.

Mechanische Uhren erlebten erst nach der Wende ihre Wiedergeburt. In Glashütte gab es noch Meister, die wussten, wie man den "Glashütter Sonnenschliff" herstellte oder Schrauben auf exakt 300 Grad erhitzte, um sie kornblumenblau zu färben. Dieses Know-how nutzten Investoren aus dem Westen. Walter Lange kam zurück und übernahm den Betrieb, den sein Urgroßvater 1845 gegründet hatte. Und mit den Jahren siedelten sich weitere zehn Firmen an. Heute beschäftigt die Uhrenindustrie rund 1000 Menschen.

Daniel Malchert hat es, auch wenn er das nie von sich sagen würde, in der Gesellschaft von Uhrmachern ganz schön weit gebracht. Zusammen mit seinem Bruder Benjamin und dem Konstrukteur Thierry Albert entwickelte und baute er das erste "Tourbillon" - ein Uhrwerk, bei dem eine rotierende Lagerung der Unruh für noch mehr Ganggenauigkeit sorgt: die Königsklasse der Uhrmacherei. 25 Stück wurden für die Juwelierfirma Wempe hergestellt, jede 80 000 Euro teuer. Vier Jahre lang schnitt, fräste und schliff Malchert die Einzelteile für diese Uhr mit dem "ersten deutschen chronometergeprüften Tourbillonwerk". Dann hatte er genügend Erfahrung gesammelt, um die neue Weltzeituhr "Zürich" mitzuentwickeln. Was kann da noch kommen?

Der Ärmel des Besuchers ist während des Gesprächs einige Male nach oben gerutscht, der zerkratzte Chronograf war zu sehen. Wenn Daniel Malchert die Augenbrauen hochgezogen hat, dann nur innerlich. Verloren hat er kein Wort. Höflich sind sie auch noch, die Uhrmacher von Glashütte.

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