Mit dem gelben Postbus durch die Bergwelt

Eine Fahrt im Ticino Route Express über die schönsten Pässe des Alpenlandes

Oberwald. Die Schweiz versteht es, Sehnsüchte zu wecken und zu stillen. Dank ihrer ausgeklügelten Eisenbahn- und Schiffsanbindung stellt sie Freunde dieser Verkehrsmittel vollauf zufrieden. Und wo weder Zug noch Schiff hinkommen, da fahren die gelben Postbusse - präzise nach Fahrplan. Jedes Dorf mit mehr als 100 Einwohnern muss bedient werden, auch wenn es sich dabei "nur" um einige Feriengäste handelt. Eine von vielen romantischen Strecken ist die mit dem Ticino Route Express. Ausgangspunkt ist das ursprüngliche Walliser Dörfchen Oberwald. Doch bevor es losgeht, braucht man Zeit, um die pittoresken Dörfer des Goms mit sonnenverbrannten Häusern, verträumten Lauben und Gässchen anzusehen - Münster und Ernen etwa. Letzteres macht im August mit einem Musikfestival von sich reden. Mit etwas Glück hört man vielleicht einen fürs Wallis typischen Alpsegen: Durch einen Trichter rufen, singen und beten die Einwohner. Mit dem Postauto geht es weiter durch das Äginental auf den 2478 Meter hohen Nufenenpass und von dort ins Bedrettotal. Gut, dass einen das glitzernde Panorama der Viertausender und die springenden Gemsen dort oben von den Angst einflößenden Kurven ablenken. In Airolo, im italienischen Sprachgebiet der Schweiz, dem Tessin, angekommen, ist es ein Muss, auf die Ritom-Standseilbahn zu wechseln. Sie ist eine der ältesten und steilsten (88 Prozent) der Welt - und gar nichts für Höhenängstliche. Abenteurer gelangen so zum Ritom-Stausee, von dem sehr schöne Wanderwege ausgehen. Zurück in Airolo, setzt man dann die Reise im Postauto über den Gotthardpass (2108 Meter) fort. Oben angekommen, dürfen alle aussteigen, um Landschaft und Luft zu genießen. Um ein Jahrhundert zurückversetzt fühlt man sich, wenn einem dort oben eine Postkutsche begegnet, begleitet von Postillon, Kondukteur und einem Gespann von vier bis fünf Pferden. Nein, keine Fata Morgana, sondern eine der heiß begehrten Nostalgiefahrten, die mit 597 Schweizer Franken zu Buche schlagen. In einem nachgebauten Achtsitzer Coupe-Landauer überqueren Nostalgiker den Gotthardpass vom Höhenkurort (1444 Meter) Andermatt im Kanton Uri nach Airolo. Die Postkutsche benutzt die alte Passstraße Tremola, jene Serpentine, die ein Zürcher Maler namens Rudolf Koller im Bild festhielt und auf der die Gotthardpost im Rekordjahr 1875 exakt 72 030 Reisende transportierte. Zwischen Ende Juni und Mitte September veranstaltet die Historische Reisepost täglich solche Fahrten. Für Neugierige startet schon Anfang Mai eine eintägige Tour. Sie beginnt in Biasca und führt entlang des Tessinflusses nach Bellinzona, der Hauptstadt des Tessin. Stopps werden für den Aperitif, das Mittagessen und eine Weinprobe eingelegt. Kostenpunkt: 525 Schweizer Fränkli. Nach einer Abfahrt durch fast unberührte Natur hat man Hospental und die Endhaltestelle des Ticino Route Express erreicht: Andermatt, die Autoverladestation durch den Furka-Tunnel nach Oberwald. Der Ort ist wie geschaffen zum Wandern. Eisenbahn-Fans aber setzen sich in Realp in die schnaufende, qualmende Furka-Bahn und zockeln über den 2431 Meter hohen Furkapass bis Gletsch. Geplant ist, die derzeit 16 Kilometer lange Strecke auszubauen bis Oberwald, um Anschluss an den Glacier-Express zu haben, den Schweizer Vorzeigezug, der den Wallis-Nobelort Zermatt am Matterhorn mit St. Moritz im Engadin verbindet. Die Dampflok der Furka-Bahn von 1913 war vor langer Zeit nach Vietnam verkauft worden. Doch nachdem sie im thüringischen Meinungen wieder in Stand gesetzt wurde, tut sie nun auf der Furka-Bergstrecke wieder ihren Dienst. Ab und an muss das alte Vehikel verschnaufen und Wasser tanken - eine Sensation für die Fahrgäste. Wenn eine Kuh den Schienenweg versperrt, kann der Halt eine Weile dauern - Kühe sind geduldig. "In den Tunneln die Fenster geschlossen halten", rät der Schaffner, der wie alle Mitarbeiter ehrenamtlich mit viel Herzblut arbeitet, "sonst sind Sie eingeräuchert." Als Alternative von Andermatt aus könnte man den Romantic Route Express nach Grindelwald nehmen. Aber das ist eine andere Geschichte. Der Prospekt "Die schönsten Postautolinien in den Schweizer Alpen" kann gratis angefordert werden bei Schweiz Tourismus, Telefon: 00800/100 200 30 (gebührenfrei) oder online unter www.MySwitzerland.com. Die Historische Reisepost ist erreichbar unter Telefon: 0041/041/8256153, E-mail: info@gotthardpost.ch