Die Geschichte unter Schutz gestellt

Weltkulturerbe: Dieses Siegel der Unesco bringt 27 Stätten in Deutschland ein deutliches Plus an Besuchern.

Hamburg. Seit dem 30. November 2000 steht die Bodensee-Insel Reichenau auf der Welterbe-Liste der Unesco. "Im ersten Jahr danach erlebten wir bei den Prospektanfragen eine Zunahme um 40 Prozent, im zweiten Jahr von 20 Prozent. Zu den Führungen kamen 50 beziehungsweise 30 Prozent mehr Gäste", freut sich Mechthild Christ von der Tourist-Information. Da sich auch der Tagestourismus stark entwickelt habe, führt sie das Plus eindeutig darauf zurück, dass die Klosterinsel mit ihren drei romanischen Kirchen und den Wandmalereien im Innern von der Unesco als "herausragendes Beispiel klösterlicher Architektur des 9. bis 11. Jahrhunderts" geadelt wurde. Seit im Jahre 2000 das Gartenreich Dessau-Wörlitz (Sachsen-Anhalt) ins Welterbe einbezogen wurde, hat Christine Lambrecht vom Tourismus-Marketing Dessau registriert: "Doppelt so viele Reiseveranstalter führen unser Gebiet nun im Programm. Legten noch Mitte der 90er-Jahre jeden Sommer erst zehn Elbe-Schiffe hier an, sind es jetzt 80, und jedes bringt zwei bis vier Busladungen. Kamen früher Touristen-Anfragen zu Radfahren und Natur, bezieht sich jetzt ein Viertel aller Interessenten auf das Unesco-Welterbe." Zudem hat die Deutsche Post dem Gartenreich eine Sondermarke gewidmet. Die "Industrielle Kulturlandschaft Zeche Zollverein I" in Essen (Welterbe seit 2001) habe in dem einen Jahr seit ihrer Würdigung bei den Führungen ein Drittel an Zuwachs erlebt, weiß der Sprecher der Einrichtung, Bertolt Buttermann. Doch er schränkt ein: "Letztlich sind es die Veranstaltungen, vorrangig Jazz-, Pop- und Rock-Konzerte, die uns eine Stammkundschaft schaffen." Beim ehemaligen Erzbergwerk Rammelsberg im Harz, das wie die Altstadt von Goslar 1992 ins Welterbe einbezogen wurde, summierten sich drei Faktoren: Es fand als Projekt der Expo Aufmerksamkeit, die Wende bescherte Touristen, und die Eröffnung von vier weitläufigen Museen sowie neue Führungen wie "Abenteuertour", "Seilfahrt" oder "Erzaufbereitung" ließ die Besucherzahl im Jahr 2000 um 80 Prozent auf 224 000 hochschnellen. Die prachtvolle ehemalige Kaiserpfalz und freie Reichsstadt Goslar hingegen wird als Kulturperle seit eh und je gern besucht. Von Lübeck über Aachen, Potsdam, Essen, Trier, Lorch, Wittenberg, Hildesheim, Goslar, Bamberg und Würzburg bis zur barocken Wieskirche im bayerischen Pfaffenwinkel ist von den Tourismuszentralen unisono zu hören, dass das internationale Medieninteresse bei der Aufnahme ins Unnesco-Welterbe sehr groß war. Diese Publicity wirkt sich durchweg positiv auf das Besucher-Interesse aus und lässt auch die Internetzugriffe steigen. "Wenn das Fernsehen einen Bericht ausstrahlt", so Touristikerin Christine Lambrecht aus Dessau, "kriegen wir vier Wochen später noch Anfragen." Wieviel die Medien bewirken können, erleben die Geschäftsführerin der Rhein-Touristik, Claudia Schwarz, und ihre Stralsunder Kollegin Birgit Wacks genauso wie Horst Wadehn, der Vorsitzende der Unesco-Welterbestätten Deutschland e. V. Das gut fünfprozentige Plus an Übernachtungen in Stralsund schreibt Birgit Wacks allerdings aufs Konto der Kampagne "Wege zur Backsteingotik". Ähnlich sieht es die Wittenberg-Information: Fast jede Buchung für den Besuch der Luther-Gedenkstätten Wittenberg und Eisleben habe mit Interesse an dem Reformator und nicht mit den Titeln der Unesco zu tun gehabt. Es war 1972, als die Generalkonferenz der Unesco die "Internationale Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" verabschiedete. Sie legt die Bewahrung eines Kultur- oder Naturgutes von außergewöhnlichem, universellem Wert in die Obhut der gesamten Menschheit. Mit Unterzeichnung der Konvention verpflichtet sich jedes teilnehmende Land, seine Denkmäler zu schützen und für künftige Generationen zu erhalten. Als erste deutsche Welterbe-Stätte wurde 1978 der Dom zu Aachen gewürdigt. Den Kölner Dom nahm die Unesco 1996 in ihre Liste auf, den Kaiserdom zu Speyer 1981. Deutschland hat jetzt 27 solcher Stätten. Insgesamt sind es 730 in 125 Ländern, vom Londoner Tower bis zu den Tempelanlagen von Abu Simbel in Ägypten. Die im Herbst 2001 gegründete Geschäftsstelle Unesco-Welterbestätten Deutschland e. V. finanziert sich ausschließlich aus Beiträgen ihrer Mitglieder, also der Welterbe-Stätten, der Deutschen Unesco-Kommission, der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Der Verein, zuvor eine Werbegemeinschaft, fordert im Internet dazu auf, mit einem Jahresbeitrag ab 100 Euro Fördermitglied zu werden. Eine Broschüre mit 25 Welterbe-Objekten in Deutschland, "Geschichte voller Leben", kann gegen 2,50 Euro Schutzgebühr bestellt werden. Zunächst wurden 10 000 Exemplare gedruckt, und zur ITB (Internationale Tourismus-Börse) in Berlin kommt Anfang März eine Neuauflage von 25 000 Heften heraus. Denn neu hinzugekommene Welterbe-Objekte wie das Obere Mittelrheintal zwischen Koblenz und Bingen oder die Altstadt-Ensembles der Hansestädte Stralsund und Wismar mussten einbezogen werden. Kurz und knapp, in deutscher und englischer Sprache auf jeweils einer Seite, ist das Wesentliche des jeweiligen Objekts zusammengefasst und mit einem Foto, einem Ausflugstipp, einem Pauschalangebot und einem Hinweis auf jährlich wiederkehrende Veranstaltungen versehen. Broschüre und weitere Informationen sind erhältlich bei der Unesco-Welterbestätten Deutschland e. V., Kornmarkt 5 in 06484 Quedlinburg, Telefon: 03946/81 00 -41 oder -42, E-Mail: unescoqlb@quedlinburg.de