Eine Oase vor Afrikas Küste

Fuerteventura, zweitgrößte Insel der Kanaren, hat sich mit dem Tourismus verändert.

Puerto del Rosario. Nur der Radarturm lässt einen Flugplatz vermuten. Die Spantax landet sicher. Niemand holt uns ab. Mutterseelenallein stehen wir da und wissen nicht weiter. Da, ein Auto. Mit notdürftigem Spanisch nennen wir dem Fahrer unser im Süden der Insel gebuchtes Hotel, Jandia Playa. Er lässt uns einsteigen. Querfeldein über Schotterpisten rumpeln wir durch karge, eintönige, steinige Wüstenlandschaft, bis eine Ansammlung von Häusern auftaucht. Schwarz gekleidete Frauen treten heraus , sprechen kurz mit dem Fahrer, um daraufhin laut zu wehklagen. Offenbar überbringt er ihnen eine Schreckensnachricht. Wir aber fassen Vertrauen - der Fahrer ist hier kein Unbekannter. Lang, lang ist es her, genau 33 Jahre, dass Fuerteventura, die zweitgrößte Insel des Kanarischen Archipels, nur den Insulanern, den Majoreros, gehörte und lediglich zwei Hotels im Süden und einige Privatunterkünfte im Norden besaß. Die Spantax ist heute nur noch eine Erinnerung. Auf dem modernen Flughafen von Puerto del Rosario tummeln sich neben der spanischen Iberia vor allem die Ferienflieger Condor/Thomas Cook, Hapag-Lloyd, Air Berlin und LTU. Denn allen Nationen voran haben die Deutschen sich in die Insel verliebt. Im August 2002 kamen 60 551, mehr als die Insel Einwohner hat. Im Dezember 1993 waren es erst 36 428. Doch diese Invasion konnte der Afrika am nächsten liegenden Kanareninsel keinen Schaden zufügen. Kilometerlanger, breiter, feinsandiger Strand (etwa der von Sotavento) wird so schnell nicht okkupiert. Selbst nach 33 Jahren noch kann man die unermesslichen Weiten afrikanischen Sandes im Süden und die hohen Wanderdünen im Norden genießen. Romantiker und Ruhesuchende werden immer ihr Eckchen finden, auch wenn mittlerweile am (FKK)-Strand von Corralejo bei den Riu-Hotels "Tres Islas" und "Oliva Beach" mit beschilderten Strandburgen und zum Halbrund aufgeschichteten Steinhaufen die Deutschtümelei Einzug gehalten hat: "Besetzt von Familie XY vom 1. bis 14. 10." Was die Spanier "urbanizacion" nennen und die Deutschen "Verbesserung der Infrastruktur", das kann sich auf Fuerteventura sehen lassen. Breite Asphaltstraßen führen nicht nur vom Flughafen in den Süden, sondern auch durch die Berge; der höchste misst 807 Meter. Eine Autobahn ist im Bau. Doch wozu? Es fehlt der Verkehr. Einerseits schossen erschreckend wirkende Massenhotel-Neubauten aus dem Boden, andererseits verwandeln die mit Palmen, Hibiskus, Weihnachtssternen und Kakteen großzügig angelegten Gärten die auf den ersten Blick öde wirkende Insel in eine Oase. Ähnlich verhält es sich mit den alten Fischerdörfern wie Morro del Jable im Süden auf der Halbinsel Jandia, das nicht mehr wiederzuerkennen ist. Damals genügte den Einheimischen eine Bruchbude als Tante-Emma-Laden. Der Tourismus machte aus den Fischern von einst Kaufleute: kaum ein Haus ohne Bar, Restaurant, Geschäft. Reiseführer erinnern gern daran, dass die Römer die Kanaren als "Inseln der Glückseligen" bezeichneten. Als Gast darf man sich so fühlen. Das ebenfalls von den Römern verliehene Attribut "Inseln des ewigen Frühlings" trifft nach wie vor zu. Ein ausgeglichenes, trocken-heißes Klima gestattet eine Badesaison rund ums Jahr an den schönsten Stränden Spaniens. Die 1726 Quadratkilometer große Insel im Atlantik birgt keine Sehenswürdigkeiten im landläufigen Sinn. Wohl ein Grund, weshalb Club- und Hotelanlagen den Gast rund um die Uhr mit Sport und Unterhaltung beschäftigen. "Fuerte aktiv" liegt im Trend, ob beim Wandern, Kite-Surfen oder Tauchen. Die Meerenge zwischen Corralejo und dem nahen Eiland Los Lobos verspricht eine aufregende Unterwasserwelt. Auf jeden Fall lohnt es sich, ein Geländeauto zu mieten, um das Landesinnere zu beschnuppern. So bekommt man bestätigt, dass es sie noch gibt, die holprigen Pisten, die zur rauen Westküste führen, wo Todesmutige sich in die Brandung wagen und der vor Jahren gestrandete Luxusliner "American Star" ein reizvolles Fotomotiv abgibt. Weiter gehts nach Betancuria, in die ehemalige Hauptstadt, benannt nach dem Normannen Jean de Bethencourt, der die Insel im 15. Jahrhundert im Auftrag der spanischen Krone in Besitz nahm. Der Ort mit der Kirche Santa Maria gleicht einem Museumsdorf. Mit ihrem ungewöhnlichen Lavaturm wirkt die Kirche von La Oliva noch reizvoller. Was jedoch am meisten beeindruckt, ist ein "Bauwerk" der Natur: die Bergformationen. Nur auf den ersten Blick erscheinen sie eintönig in Farbe und Form. Schnell vorüberziehende Wolken verleihen ihnen alle Farbnuancen von Ocker über Beige-Braun bis Rostrot, von Grau bis Tiefschwarz. Und die Sonne lässt sie glitzern und leuchten. Und liegt da nicht ein schlafender Elefant? Den kann selbst der Sophia-Loren-Busen in unmittelbarer Nachbarschaft nicht aufwecken . . .