Stormarn
Basler AG

Norddeutschlands erfolgreichste Aktie kommt aus Ahrensburg

Hardy Mehl ist Finanzvorstand und leitet das operative Geschäft der Basler AG

Foto: Michael Rauhe

Hardy Mehl ist Finanzvorstand und leitet das operative Geschäft der Basler AG

Papiere der Basler AG gewinnen seit Jahresbeginn fast 80 Prozent. Die vielen Aufträge sind ein (Luxus-)Problem.

Ahrensburg.  Ungefähr zum Jahreswechsel bekam die Basler AG überraschend ein Problem. Ein Luxusproblem: Bei dem Industriekamera-Hersteller gingen­ so viele Aufträge ein, dass die Mitarbeiter in der Fertigung im Ahrensburger Industriegebiet Nord und in Singapur bis heute kaum noch nachkommen. "Für gewöhnlich liefern wir etwa 14 Tage nach einer Bestellung aus", sagt Finanzvorstand Hardy Mehl, der auch für das operative Geschäft zuständig ist. Derzeit müssen Basler-Kunden oft länger warten.

"Material- und Produktionseng­pässe" hätten zu steigenden Lieferzeiten geführt, heißt es im jüngst veröffentlichten Quartalsbericht des Unternehmens für die ersten drei Monate des Geschäftsjahres 2017. Wegen dieser längeren Lieferzeiten hätten Kunden Bestellungen vorgezogen – und die Auftragsbücher damit noch weiter gefüllt. Wie stark, zeigt der Quartalsbericht ebenfalls: Um satte 157 Prozent stieg der Auftragseingang zwischen Anfang Januar und Ende März im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – von 23,5 Millionen auf 60,4 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Steuern (EBT) schnellte gar um 259 Prozent auf 7,9 Millionen Euro in die Höhe.

Die Kameras überwachen Produktionsprozesse

Dass Kunden Aufträge früher als üblich erteilen, weil sie fürchten, sonst zu spät beliefert zu werden, ist das Ergebnis zweier anderer Entwicklungen, von denen Basler seit Monaten stark profitiert. "Der weltweite Wachstumsschub hat die Nachfrage nach unseren Produkten deutlich belebt", sagt Mehl. Wichtiger noch für die Ahrensburger: "In Asien gibt es derzeit ein gigantisches Investitionsprogramm in der Elektronikindus­trie." Die Hersteller von Smartphones oder Tablet-PC rüsten ihre Produktionsanlagen massiv auf. Die Fabriken sollen spätestens Anfang Herbst bereit sein für die Fertigung von Endgeräten, die im Weihnachtsgeschäft weltweit über die Ladentische gehen. "Das ist zwar in jedem Jahr so", sagt Mehl, "aber 2017 ist die Nachfragewelle gut 50 Prozent höher als in den Vorjahren."

Die Basler AG betreibt ihr Geschäft weit entfernt vom Käufer eines Smartphones. Das Unternehmen entwickelt und produziert meist sehr kleine Kameras und verkauft sie überwiegend an Maschinenbauunternehmen. Die bauen die Kameras in Fertigungsstraßen ein, auf denen zum Beispiel ein Smartphone zusammengesetzt wird. Die Kameras überwachen den Produktionsprozess innerhalb der Maschinen sehr viel zuverlässiger, als ein Mensch es könnte, erkennen frühzeitig Fehler und helfen, Produkte, die nicht der Norm entsprechen, auszusortieren. Die Kamera ist das Herzstück des Prüfsystems. Mit solchen industriellen Anwendungen erzielt der Konzern etwa zwei Drittel seines Umsatzes. Und den erwirtschaftet das Unternehmen mittlerweile zur Hälfte in Asien, zu 30 Prozent in Europa und dem Mittleren Osten und zu 20 Prozent in den USA.

Rüstungs- und Waffenindustrie werden nicht beliefert

Basler-Kameras stecken aber auch in Medizintechnik-Apparaten, die etwa Augenärzten helfen, grünen und grauen Star im Frühstadium zu erkennen, in Geschwindigkeitsmessgeräten der Polizei und in fahrerlosen Gabelstaplern, die – von Software gesteuert – in weithin menschenleeren Lagerhallen das gewünschte Produkt aus dem Regal holen. "Kameratechnik für Systeme in der Logistik und im Handel gewinnen für uns zunehmend an Bedeutung", sagt Finanzvorstand Mehl. Auch in Kassensystemen ohne Personal dürfen Kameras, die die Produkte im Einkaufskorb erkennen, bald eine große Rolle spielen.

In einem anderen Zukunftsmarkt hält der Konzern sich dagegen sehr bewusst zurück: Autonom fahrende Autos benötigen ebenfalls eine Vielzahl von Kameras, doch aus Sicht der Ahrensburger ist das ein heikles Geschäft. "Wir betreiben Produktgeschäft, entwickeln Kameras für unterschiedliche Anwendungen. Zulieferung für die Autoindus-trie ist Projektgeschäft mit einem maßgeschneiderten Kameratyp, wir wollen aber nicht von wenigen großen Kunden abhängig sein", sagt Mehl. Und für Anwendungen in der Rüstungsindustrie und für Waffensysteme liefert Basler gar nicht, so ein Unternehmensgrundsatz.

Basler hat weltweit gut 520 Mitarbeiter

Der Weltmarkt für optische Systeme, wie die Ahrensburger sie fertigen, hat ein Volumen von etwa einer Milliarde Euro, etwa 80 bis 100 Unternehmen teilen ihn sich. Die Basler AG mit ihren weltweit gut 520 Mitarbeitern – davon 450 in Ahrensburg – erwartet in diesem Jahr zwischen 120 und 130 Millionen Euro Umsatz. Der Konzern ist Weltmarktführer. "Das Unternehmen ist gut aufgestellt, es hat frühzeitig die richtigen strategischen Entscheidungen getroffen", sagt Andreas Wolf vom Hamburger Analysehaus Warburg Research.

Mit einem erwarteten Umsatzzuwachs von bis zu 30 Prozent gegenüber 2016 (97,5 Millionen Euro) übertrifft die Basler AG nicht nur das Wachstum des Weltmarkts von sieben bis acht Prozent deutlich, sondern auch das eigene strategische Ziel von 15 Prozent mehr Umsatz pro Jahr, das zuletzt regelmäßig erreicht wurde. Und das macht die Aktien des Konzerns für Anleger interessant.

Kurs stieg seit Jahresbeginn von 60 auf 100 Euro

Der Kurs der Papiere stieg zuletzt fast ebenso rasant wie der Auftragseingang. Zu Jahresbeginn lag er noch bei etwa 60 Euro. Als das Unternehmen Mitte vergangener Woche seinen Quartals­bericht veröffentlichte, schoss er kurzzeitig auf ein Rekordhoch von 123,50 Euro. Nun hat er sich über 100 Euro etabliert. Gegenüber Januar ist das ein Kursplus von fast 80 Prozent. Daran gemessen sind Basler-Papiere derzeit die erfolgreichste Aktie eines norddeutschen Unternehmens. Keine der 23 anderen im HASPAX-Index notierten Firmen aus der Metropolregion entwickelte sich seit Jahresbeginn besser. Warburg-Research-Analyst Wolf und sein Kollege Oliver Pucker von der Privatbank Oddo Seydler, die Anfang April noch Kursziele von 89 und 84 Euro ausgegeben hatten, haben diese in den vergangenen Tagen auf 115 und 111 Euro angehoben. Wolf empfiehlt "kaufen", Pucker "halten". "Das Management macht einen hervorragenden Job und verfolgt eine gute Langfrist-Strategie. Ich sehe aktuell keine Probleme am Horizont", sagt der Analyst von Oddo Seydler. Das Papier sei nach der Kursrallye seit Jahresbeginn aber bereits "etwas teuer".

Basler passt ins Beuteschema chinesischer Investoren

Die Kursgewinne verbuchen konnten Gründer Norbert Basler, der das Unternehmen 1988 gleich nach dem Studium gegründet hatte und 52 Prozent der Aktien besitzt. Vorstandschef Dietmar Ley hält vier Prozent der Anteile. Weitere acht Prozent der Aktien hat die Gesellschaft selbst in den vergangenen Jahren zurückgekauft. Nur 36 Prozent der Papiere sind in Streubesitz.

Es ist eine Eigentümerstruktur, die Druck vom Management nimmt, von Quartal zu Quartal steigende Umsätze und Gewinne zu verkünden – und das Unternehmen gegen Übernahmeversuche immunisiert. Als mittelständischer deutscher Hochtechnologie-Konzern und Weltmarktführer passt die Basler AG perfekt ins Beuteschema chinesischer Investoren. Übernahmefantasien sind wohl auch ein Grund für die starken Kurszuwächse. "Es gibt durchaus Anfragen, aber die Gespräche sind immer sehr schnell beendet. Herr Basler will die Mehrheit des Unternehmens langfristig in Familienbesitz halten", sagt Finanzvorstand Mehl.

Auftragsberg schnell abarbeiten

Als Verantwortlicher für das operative Geschäft haben er und seine Vorstandskollegen derzeit viel damit zu tun, das Luxusproblem der Basler AG zu lösen und den Auftragsberg schnell abzuarbeiten. Sonst könnten Kunden sich wegen der langen Lieferzeiten womöglich nach anderen Anbietern umschauen. Deshalb wird in Ahrensburg derzeit im Drei- statt im Zwei-Schicht-System produziert, das Unternehmen sucht neue Mitarbeiter für ein knappes Dutzend unbesetzter Stellen in der Fertigung. "Den Platz für eine kurzfristige Ausweitung der Kapazitäten haben wir", versichert Hardy Mehl.

Auf lange Sicht aber werden die gemieteten Gebäude zu klein, wenn es bei 15 Prozent Wachstum pro Jahr bleibt. Deshalb sind die Basler AG und die Stadt Ahrensburg gerade dabei, Flächen für eine Expansion zu schaffen. Auf einem Nachbargrundstück könnte in drei bis vier Jahren eine neue Produktion entstehen. Für die Bewältigung des aktuellen Auftragsüberhangs käme die zwar viel zu spät, aber es gibt Hoffnung, dass sich das Luxusproblem der Basler AG zumindest nicht weiter verschärft: Der Eingang neuer Aufträge ist in den vergangenen Wochen auf das übliche Maß gesunken.

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