Stormarn
Reinbek

Lehrer am Limit – so läuft es in Reinbek

Viele lieben ihren Beruf, doch die Anforderungen wachsen ständig. Abendblatt sprach mit Pädagogen der Gemeinschaftsschule Mühlenredder

Reinbek. "Wenn ich früher nach meinem Beruf gefragt wurde, kam die Antwort: Deinen Job möchte ich haben. Werde ich heute gefragt, heißt es: Deinen Job möchte ich nicht machen", erzählt Agnes-Marie Vittinghoff. Sie ist Lehrerin an der Gemeinschaftsschule Mühlenredder in Reinbek. Das Image eines vollzeitbezahlten Halbtagsjobs sei passé. Ursachen seien gestiegene Anforderungen, ein wachsender Verwaltungsaufwand und soziale Aufgaben. Vittinghoff: "Vor Jahren war Schule noch reine Wissensvermittlung. Heute wird von uns Ernährungsberatung, Aufklärung im Umgang mit Medien, Integration, Drogenprävention und soziale Betreuung der Kinder erwartet. "

Agnes-Marie Vittinghof unterrichtet Mathematik und Physik. Unterrichtsvorbereitungen, Teamgespräche, Hausaufgabenbriefe, Konferenzen, Sonderprojekte, Elterngespräche gehörten zum Alltag. Dazu kommen Ausflüge, Berufsberatung und Weiterbildung. Aber auch Vorbereitungen für Vergleichsarbeiten und die Untersuchung wie Pisa. Trotzdem liebt Vittinghoff ihren Job. "Ich würde mich immer wieder für diesen Beruf entscheiden. Wenn ich sehe, dass ein Schüler später auch beruflich seinen Weg macht, dann macht mich das glücklich, das ist mein Motor."

Auch mit Kleinkriminellen und Süchtigen haben Lehrer zu tun

Die Kinder spüren das: "Hier bringt Schule Spaß", sagt der zehn Jahre alte Finn. Eine bunt gemischte Gruppe von Kindern wird von Vittinghoff und Corinna Brunner im Team unterrichtet. "Zusammen können wir uns den Kindern gezielter widmen", sagt die Mathelehrerin. Die einen sind erst kürzlich aus einem anderen Land gekommen, beherrschen die Sprache nicht. Andere haben Schwierigkeiten, auf die die Lehrer rücksichtsvoll eingehen. Die elf Jahre alte Asma Nabisade etwa kam vor einem Jahr aus Afghanistan. Schon schwärmt sie von den Lehrern: "Sie hören uns zu."

Corinna Brunner unterrichtet Sport, Deutsch und Englisch. Sie ist seit 16 Jahren im Beruf und stolz, wenn sie von der letzten Abschlussklasse erzählt, die sie mit Agnes-Marie Vittinghoff begleitet hat. Zum Dank haben die Schüler einer Flexklasse eine Lobeshymne an die Lehrer geschrieben. Es sind Schüler, die erhöhten Förderbedarf haben. Sie werden nicht in ein Zeitfenster gepresst, haben ein zusätzliches Jahr Zeit, ihren Abschluss zu erreichen. "Das sind die Momente, die uns immer wieder zeigen, wie wichtig der Beruf ist."

Doch die 46-Jährige weiß genauso um die Belastung, die die Aufgaben mit sich bringen. "Wenn wir von schwierigen häuslichen Situationen erfahren, ist das belastend", sagt Corinna Brunner. "Hier an der Gemeinschaftsschule haben wir einen Spiegel der Gesellschaft", berichtet auch Matthias Schlimmer. Der Sonderschullehrer ist seit 18 Jahren im Beruf. Seine Ausbildung bringt es mit sich, dass er vermehrt mit Problemfällen konfrontiert ist. Er kann den Lehrern Hilfsmittel an die Hand geben, um schwierige Situationen mit Problemschülern steuern zu können. "Machen wir uns nichts vor – auch wir haben Boarderliner, Kleinkriminelle und Süchtige." Das seien zwar Ausnahmen, aber: "Unsere Herausforderung ist, mit schwierigen Schülern konfliktfrei umzugehen, sodass sie überhaupt dazu bereit sind, zur Schule zu gehen. Voraussetzung dafür ist eine gute Schüler-Lehrer-Beziehung", sagt der Vize- Schulleiter der Amalie-Sieveking-Schule. Auch er nehme manche Probleme mit nach Hause. "Der Beruf führt einen schon manches Mal an die eigenen Grenzen." Doch die Chance, junge Menschen in ihrer Entwicklung und auf ihrem Werdegang zu begleiten, sei die tägliche Motivation. "Mit dem Beruf wachsen wir – auch ich würde immer wieder Lehrer werden wollen."

Klare Regeln helfen im Umgang, sagt der Schulleiter

Katharina Graw ist die Koordinatorin von DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache). "Lehrer sind heutzutage auch Sozialarbeiter", sagt sie. In DaZ-Klassen sind viele Flüchtlingskinder. Eine besondere Herausforderung sei, sich Autorität zu verschaffen. Nicht mit Worten, sagt sie, "sondern mit Gesten und der Stimmlage funktioniert es." Bei Dirk Böckmann laufen alle Fäden zusammen. Als Schulleiter gilt sein Augenmerk nicht nur den Schülern, sondern ebenso den Lehrern. "Das A und O ist, sich Respekt zu verschaffen. Und das läuft am besten über Regeln."

Doch ihm ist klar, dass die Pädagogen auch mentale Unterstützung brauchen. Aus dem Team heraus, oder von externen Stellen. "Krankenkassen und das Ministerium bieten Programme an, die Lehrern helfen sollen, mit den Belastungen umzugehen. Polizisten, Feuerwehrleute, Psychologen – in diesen Berufen gehört Supervision berufsbegleitend dazu, bei uns nur auf Anforderung." Seinen Beruf habe er sich anders vorgestellt. "Dennoch, ich würde den Weg immer wieder gehen. Die meisten Schüler verhalten sich toll."

So sieht es auch Agnes-Marie Vittinghoff, die sich nach jeder Woche wieder auf den Montag freut, wenn sie erneut vor der Klasse steht, um die Kinder auf ihrem Weg in die Zukunft zu begleiten. Was den wachsenden Druck angeht, so setzt sie wie viele andere Stormarner Pädagogen große Hoffnung in das Versprechen, das Landespolitiker von CDU, SPD und FDP kürzlich beim Bildungsgipfel der Abendblatt-Regionalausgabe machten. Tobias Koch, Martin Habersaat und Anita Klahn hatten zugesagt, sich für eine personelle Verstärkung der Schulen einzusetzen.

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