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Bad Oldesloe

Flüchtlinge müssen neben Prostituierten wohnen

Miet- und Sozialberater Gerd-Günter Finck sagt: „In diesem Haus muss eine Familie aus Syrien seit zehn Monaten leben, obwohl Prostituierte hier ihrem Gewerbe nachgehen

Foto: Finn Fischer / HA

Miet- und Sozialberater Gerd-Günter Finck sagt: „In diesem Haus muss eine Familie aus Syrien seit zehn Monaten leben, obwohl Prostituierte hier ihrem Gewerbe nachgehen

Eine Flüchtlingsfamilie musste zehn Monate lang neben Prostituierten-Wohnungen leben. Syrische Kinder wurden von Freiern belästigt.

Bad Oldesloe.  Auf den Klingelschildern stehen Vornamen wie Coco oder Selene. Der von Mia ist mit einem kleinen Herzchen versehen. Vor allem abends bekommen die jungen Nachbarinnen der Familie Abraham (Name geändert) häufig Männerbesuch. Das syrische Ehepaar ist mit seinen beiden Töchtern (14, 16) und seinem Sohn (5) vor dem Krieg im Heimatland geflohen, wohnt jetzt in einem Haus im Oldesloer Gewerbegebiet am Stadtrand. Das Gebäude hat sogar eine eigene Internetseite, auf der stolz verkündet wird: Es ist die "geilste Adresse in Oldesloe".

Gleich mehrere Frauen gehen hier ihrem horizontalen Gewerbe nach. Ein freies Apartment neben den Prostituierten-Wohnungen mietete die Stadtverwaltung im Herbst 2015 an. Seitdem ertrugen die Abrahams zunächst still und leise den Besucher-Verkehr. Doch auf Empfehlung einer Sachbearbeiterin des Jobcenters bat die Familie schließlich den Miet- und Sozialberater Gerd-Günter Finck im Familienzentrum Oase um Hilfe. "Vor allem die beiden Töchter der Familie wurden immer wieder von Freiern belästigt", sagt Finck, der sich des Falles angenommen hat. Es habe eindeutige Angebote gegeben. "Es hätte auch mehr passieren können", sagt er gegenüber dem Abendblatt. Für die Familie jedoch sorgte allein die Gefahr, dass es nicht bei verbalen Einschüchterungen durch Freier bleiben könnte, für große Sorge und eine sehr belastende Situation. Und das seit zehn Monaten.

Finck kämpft immer wieder für die Rechte von Migranten

Im September hatte die Stadtverwaltung die Wohnung angemietet und der fünfköpfigen Familie zugewiesen. Für sie war der Alltag neben den Liebesdamen irgendwann dann so unerträglich, dass sich die Familie Hilfe suchte. Gerd-Günter Finck prüfte den Fall. Nun weist er gegenüber dem Abendblatt auf den Straftatbestand "jugendgefährdenden Prostitution" hin. Nach Paragraph 184 g Strafgesetzbuch dürfen Kinder und Jugendliche nicht durch Prostitution negativ beeinflusst werden. Hinzu komme, dass bei der Anmietung von Gebäuden für Flüchtlinge auf eine "sozialverträgliche Durchmischung" geachtet werden muss. So steht es auch in einer Vorlage der Verwaltung für den Bildungs-, Sozial und Kulturausschuss vom 13. April 2016. "Das ist hier offensichtlich nicht der Fall", sagt Finck, der als Mitglied des Vereins Mieter helfen Mietern und dem Verein für Integration und Toleranz (FIT) immer wieder für die Rechte von Migranten kämpft.

Günter Finck sieht darin einen klaren Fall von Kindeswohl-Gefährdung. Also wandte sich der engagierte Oldesloer umgehend an die Stadtverwaltung. Auf das Schreiben, das der Redaktion vorliegt, und das am 27. April bei der Behörde einging, gab es erst drei Wochen später eine Antwort. Am 19. Mai hieß es, für die Familie sei eine Ausweichunterkunft gefunden worden.

Familie kann am 1. Juli in eine neue Wohnung ziehen

Das Abendblatt hat nachgehakt: "Wir haben für die Familie eine neue, zentrale Wohnung, die ab 1. Juli bezogen werden kann", sagte Bürgeramtsleiter Thomas Sobczak am Mittwoch. Und er erklärte, wie es zu der ursprünglichen Zuweisung gekommen war, so: "Die Stadt hatte 2015 große Mühe, Wohnungen für die Flüchtlinge zu finden." Es habe wenig Spielraum gegeben, so der Mann, in dessen Fachbereich die Zuweisung in Bad Oldesloe fällt. Ferner handele es sich "um eine reguläre Wohnung, es war erst einmal nicht unrechtmäßig. Aber natürlich auch nicht ideal."

Auch die Oldesloer SPD-Fraktion hatte die Verwaltung auf den Fall aufmerksam gemacht, nachdem sie einen Hinweis von Ehrenamtlern aus Ahrensburg bekommen hatten. "Das ein Unding", sagt die Fraktionsvorsitzende Maria Herrmann, die sich ebenfalls in der Flüchtlingsarbeit engagiert. "Grundsätzlich sehe ich Wohnungen in Gewerbegebieten kritisch, von Hausmeister-Wohnungen einmal abgesehen." Aber Flüchtlinge, die sich in die Gesellschaft integrieren sollen, an solch einem Ort unterzubringen, das sei "äußerst unsensibel". Laut Verwaltung sollen in dem Gebäude im Gewerbegebiet keine Flüchtlinge mehr untergebracht werden. Familie Abraham wartet derweil noch auf den Umzug.

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