22.12.12

Die Region

Landkreis Stade: Alte Baukunst und viel Natur

Wer Landkreis Stade hört, dem fällt zuerst das Alte Land mit seiner Blütenpracht im Frühling und zudem auch den einzigartigen Obsthöfen ein.

Von Rachel Wahba
Foto: Fabian Schindler
Restaurierte Kaufmannshäuser säumen heute den Stader Hafen. Der Schwedenspeicher ist zum Museum umgebaut
Restaurierte Kaufmannshäuser säumen heute den Stader Hafen. Der Schwedenspeicher ist zum Museum umgebaut

Landkreis Stade ist: am Lühe-Anleger einen Pott Kaffee von Erika trinken und Pötte oder Mopeds gucken. Der Anleger an der Elbe ist Treffpunkt für Biker, Shipspotter und gewöhnliche Elbegucker. Hier fließt die Lühe in die Elbe, von hier aus legt die Lühe-Schulau-Fähre ab und verbindet die Stader mit dem schleswig-holsteinischen Wedel. Hier genießt man die ersten Sonnenstrahlen im Frühling, und Erika kocht weit und breit den besten Kaffe, den sie an ihrem Imbisswagen ausschenkt. Würde eines Tages Her Majesty the Queen an Erikas Tresen treten und um einen Tee bitten, würde Erika sie glatt duzen. Denn hier wird jeder geduzt. Unaufgeregt sind die Menschen im Landkreis an der Elbe.

Wer Landkreis Stade hört, dem fällt zuerst das Alte Land mit seiner Blütenpracht im Frühling und den einzigartigen Obsthöfen ein. Bis heute sind sie Zeichen alter Baukunst und des Wohlstands der Obstbauern. Wobei der Name Altes Land nichts mit dem Alter zu tun hat. Olland ist die plattdeutsche Bezeichnung für Europas größtes zusammenhängendes Obstanbaugebiet. Die Niederländer haben das Alte Land mit Entwässerungsgräben ab dem 12. Jahrhundert bebaubar gemacht.

Endlose Sandstrände

Aber der Landkreis Stade hat viel mehr zu bieten. Weiter stromabwärts entlang der Elbe im Kehdinger Land liegt die "Copacabana": Die Elbinsel Krautsand ist irreführend. Dabei ist Krautsand lange keine Insel mehr. Das Festland bei Drochtersen hat die vorgelagerte Insel nach und nach eingemeindet. Geblieben sind endlose Sandstrände. Wer im Sommer einen Tag am Strand genießen möchte, sollte einen Wochentag außerhalb der Ferienzeiten wählen. Die Strände sind bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen beliebt.

Seit Jahrhunderten profitieren die Menschen von der Elbe. Für die Obstbauern bringt der Fluss das Wasser für ihre Plantagen. Aber ebenso leben sie mit den Gefahren, die der Strom mit sich bringt. Die große Sturmflut von 1962 ist hier noch sehr gegenwärtig. Wer mit den Menschen spricht, bekommt eine Ahnung davon, wie tief hier die Angst vor der nächsten Elbvertiefung sitzt. Die Angst vor höheren Fluten, denen ihre Deiche nicht gewachsen sind, und die Angst vor der Versalzung des Elbwassers. Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle im Nordkreis. Die Elbstrände, idyllische Dörfer, viel Natur und verträumte Elbhäfen, das Kehdinger Land und ausgezeichnete Radwanderwege locken Touristen. Die Kehrseite der Medaille: Der Nordkreis stirbt langsam aus. Junge Menschen ziehen weg, weil sie in Kehdingen keine Arbeit finden. In Oederquart hat die erste Grundschule im Landkreis Stade die Notbremse gezogen und wegen sinkender Schülerzahl die Schließung beantragt. Wer für wenig Geld eine Immobilie kaufen will, wird hier fündig. Bis die beiden für die wirtschaftliche Entwicklung in diesem Landstrich so wichtigen Autobahnprojekte A 20, die Küstenautobahn von Schleswig-Holstein über die Elbe bei Drochtersen bis zur A 1, und die A 26 von Drochtersen nach Hamburg gebaut sind, dauert es noch viele Jahre. Hauptverbindungsstrecke nach Hamburg ist die zweispurige B 73, ein Albtraum vieler Pendler.

Pulsierendes Leben in der Kreisstadt

In der Kreis- und Hansestadt Stade hingegen pulsiert das Leben, nicht zuletzt dank der S-Bahn-Verbindung nach Hamburg. Historische Baukunst gibt eine Ahnung vom früheren Reichtum und der bewegten Vergangenheit dieser Hansestadt an der Schwinge, einem Nebenfluss der Elbe. Der Strom brachte den Reichtum, der nicht allzu lange währte. Im Jahre 1601 aus der Hanse ausgeschlossen, 1643 endgültig von den Schweden eingenommen, 1712 den Dänen zugefallen und 1715 in Hannoveraner Besitz übergegangen, bietet Stade anschaulichsten Geschichtsunterricht. Erst im Jahr 2009, anlässlich der Feierlichkeiten zum 800. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte, bekam die Stadt ihren Hansetitel zurück. Touristen bekommen nichts davon zu spüren, dass sich Stadtrat und Verwaltung im historischen Rathaus die Köpfe darüber zerbrechen, wie Stade sein Stadtsäckel auffüllen könnte. Wie viele andere Kommunen im Landkreis lebt auch Stade auf Pump. Nichts ist zu merken von den Geldsorgen in den Straßencafés am alten Fischmarkt, beim Bummel über den Stader Wochenmarkt oder im Stader Stadthafen. Der Schwedenspeicher zeigt die derzeit einzige umfassende kulturgeschichtliche Ausstellung zur Hansezeit in Norddeutschland. Überregional bekannt ist das Stader Kunsthaus. Ein Tipp für Freunde guter Kultur auf kleiner Bühne: die Seminarturnhalle. Freunde des guten Kabaretts können hier vielversprechende Nachwuchstalente in historischen Gemäuern erleben. Insgesamt begleitet einen die Historie in dieser Stadt auf Schritt und Tritt.

Verfehlte Stadtplanung

Aber Stade ist nicht nur schön und historisch: Abseits der Fachwerk-Romantik liegt das Altländer Viertel, ein sozialer Brennpunkt. Viele Nationen leben in dieser heruntergekommenen Siedlung. Alle bisherigen Versuche der Stadt, hier mehr Lebensqualität zu schaffen und die Situation zu entschärfen, sind bislang kläglich gescheitert. Die meisten Jugendlichen absolvieren hier kaum den Hauptschulabschluss. Das Altländer Viertel ist ein klassisches Beispiel für die verfehlte Stadtplanung früherer Jahrzehnte, die auch in Stade für eine Gettobildung gesorgt hat.

Auf der B 73 Richtung Hamburg lohnt ein Abstecher zum Schloss Agathenburg. Das Schloss wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg von Hans Christoph von Königsmarck gebaut. Aurora Marie Gräfin von Königsmarck, eine der schillerndsten Persönlichkeiten ihrer Zeit, ist hier aufgewachsen. Der schwedische Generalgouverneur der Herzogtümer Bremen und Verden ließ seinerzeit seinen Landsitz am Geesthang mit Blick auf das Elbtal erbauen.

Von der EU ausgezeichnet: Natura 2000

Ein Dorf weiter, in Dollern, lebt Egon Hagenah. Der Mann gehört zu den Menschen, die ihren Nachnamen der Herkunft ihrer Familie zu verdanken haben. Alle zwei Jahre treffen sich etwa 200 Menschen mit dem Nachnamen Hagenah in Hagenah im Landkreis Stade. Der pensionierte Eisenbahner kennt seine Heimat wie kein Zweiter, hat er doch an der Dollerner Dorfchronik mitgearbeitet.

Darin räumen er und sein Koautor Wolfgang Döpke auch mit Weisheiten auf, die Generationen von Schülern in der Dorfschule vorgesetzt bekamen. Im Jahre 1793 brannte das ganze Dorf ab. Angeblich konnte der Brand nicht gelöscht werden, weil alle Männer bei der Heuernte waren. Die Wahrheit: Das große Feuer brannte im April, niemand war bei der Ernte. Das Ganze war eine Legende.

Landkreis Stade ist auch: stundenlang im Neukloster Forst spazieren zu gehen, dem größten und schönsten Buchenwald zwischen Elbe und Weser. Bis zu 200 Jahre alt ist der Baumbestand, mehr als 370 Pilzarten wachsen in diesem Gebiet. 40 Kilometer Wanderwege führen durch den 323 Hektar großen Wald. Einem Teil, dem Neukloster Holz (241 Hektar), hat die EU das Prädikat "Natura 2000" verliehen.

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