05.12.12

Prozess

Mutter will Babys aus Angst vor Ehemann getötet haben

Die 43-Jährige soll ihre zwei Säuglinge ausgesetzt und so getötet haben. Ihr Ehemann habe die Schwangerschaft abgelehnt.

Foto: dpa
Säuglinge getötet - Prozess gegen Mutter beginnt
Eine Schaukel im Garten vor dem Haus der Familie. Im Zeitraum von 1996 bis 2001 soll die Mutter zwei ihrer Säuglinge ausgesetzt haben

Stade. Auf einem Dachboden im kleinen Ostertimke werden im Sommer zwei tote Säuglinge gefunden. Die Mutter steht jetzt vor Gericht. Am ersten Prozesstag deutet sich eine Familientragödie an, bei der Alkohol, Finanzprobleme, Streit und wenig Liebe eine Rolle spielen.

Zwei Babys hat eine Mutter gleich nach deren Geburt auf dem Dachboden ihres Wohnhauses versteckt. Mehr als zehn Jahre blieben die toten Kinder im niedersächsischen Ostertimke (Kreis Rotenburg/Wümme) unentdeckt. Beim Aufräumen fand der Vater im Sommer die verwesten Leichen. "Der Gedanke daran erfüllt mich mit tiefer Trauer", ließ die 43 Jahre alte Angeklagte ihren Verteidiger am Mittwoch zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Stade verlesen. Die mehrfache Mutter gab in der Erklärung die ihr vorgeworfenen Taten zu. Sie habe die Schwangerschaften verdrängt und sei bei den Geburten betrunken gewesen.

Die zierliche Angeklagte mit langen dunkelbraunen Haaren wirkt gefasst. Vor dem Blitzlichtgewitter schützt sie sich mit einem aufgeklappten Aktendeckel. Ihr jetziger Ehemann und Vater eines gemeinsamen zwei Jahre alten Sohnes ist als Beistand vom Gericht zugelassen. Er kommt in den Saal, nachdem ihn die Fotografen verlassen haben und setzt sich neben seine Frau. Unter dem Tisch halten die beiden Händchen.

Als erster Zeuge wird der Vater der toten Babys und Ex-Ehemann gehört. Seine Ehe nennt der Angeklagten ein "Arrangement". "Es war nicht die große Liebe von meiner Seite aus", sagt der 46-Jährige. Acht Wochen nachdem sich die beiden 1993 kennengelernt hätten, habe seine Frau ihm gesagt, dass sie schwanger sei. Dann hätten die beiden geheiratet. 1994 wurde ein Junge geboren, sieben Jahre später ein Mädchen. "Von Anfang an gab es Geldsorgen", sagt der Mann. Er bestätigt die Aussagen der Angeklagten, nach dem Sohn keine weiteren Kinder mehr gewollt zu haben.

Er habe für zwei Kinder vor seiner Ehe Alimente zahlen müssen. "Ich hatte ja schon drei, das konnten wir uns finanziell nicht leisten." Es habe immer wieder Streit um Geld und um die Alkoholprobleme seiner Frau gegeben. Geschlagen habe er sie aber nicht. "In den 15 Jahren hat es vielleicht mal eine Ohrfeige gegeben."

Sie habe sich "wahnsinnig" auf das erste Kind gefreut, berichtet die Angeklagte. Ihr Mann habe auf die Schwangerschaft nicht positiv reagiert und gesagt, wenn er noch ein weiteres Kind kriege, würde er sich einen Strick nehmen. Mit dem Alkohol habe sie kurz nach der Geburt des Sohnes angefangen. "Ich hab' da schon mächtig getrunken." Seit 2009 sei sie nach einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik trocken.

Als der 46-Jährige schildert, wie er die erste Babyleiche auf dem Dachboden findet, stockt er immer wieder und kämpft mit den Tränen. Der Dachboden sei nur schwer zugänglich. "Für mich waren da keine Sachen, die ich brauchte", sagt er. Eigentlich habe er alles so in einen Container werfen wollen. Aber eine Bekannte habe dann gefragt, ob auch Kinderkleidung dabei wäre, die man spenden könne. Dann habe er dort oben ein Kühlbox geöffnet, innen sei ein blauer und darin ein gelber Plastiksack gewesen. Immer wieder unterbricht er seine Schilderung. Er habe nur von außen getastet. "Ich hatte Angst da rein zu gucken." Dann habe er die Polizei gerufen.

Bei seinen Schilderungen schluchzt die Angeklagte hemmungslos und bricht am Tisch fast zusammen. Der Richter unterbricht für kurze Zeit die Verhandlung, der Ehemann führt die 43-Jährige aus dem Saal.

Am Nachmittag sollten noch drei Polizeibeamte befragt werden. Für den Prozess sind weitere sechs Verhandlungstage angesetzt. Die nächste Sitzung ist am 13. Dezember.

(dpa/dapd)
Fälle der vergangenen Jahre:
  • Februar 2012

    Eine 28-Jährige aus Brandenburg soll ihr Neugeborenes erstickt haben. Ermittler entdecken das tote Mädchen in einer Plastiktüte in Hohen Neuendorf

  • Januar 2011

    In Bremen bringt eine 20 Jahre alte Auszubildende in ihrem Badezimmer ein Baby zur Welt. Sie tötet das Kind direkt nach der Geburt. Später beichtet sie die Tat beim Frauenarzt

  • Juli 2010

    Eine junge Polizistin ersticht in Verden ihr Kind nach der Geburt mit einer Schere. Von der Schwangerschaft wusste niemand, auch ihr Verlobter nicht. Die Frau wollte den Mann nicht verlieren, sie wird wegen Totschlags zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt

  • Mai 2008

    In einer Gefriertruhe in Wenden in Nordrhein-Westfalen werden drei Babyleichen entdeckt. Vor Gericht gesteht die 44-jährige Mutter, die Kinder nach deren Tod dort versteckt zu haben

  • April 2007

    Im Tiefkühlschrank einer Erfurter Wohnung werden zwei tote Säuglinge gefunden. Eine 35-Jährige gesteht die Tat, die Babys passten nicht zu ihren Berufsplänen

  • Juli 2005

    In einer Garage im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd werden neun Babyleichen entdeckt. Sie liegen in einem mit Sand gefüllten Aquarium, in Eimern und Blumenkübeln. Die Mutter wird wegen Totschlags zu 15 Jahren Haft verurteilt

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