21.01.13

Schleswig-Holstein

Schulleiter: Ein ungeliebter Job im Norden

45 Stellen sind in Schleswig-Holstein unbesetzt, vor allem in kleinen Schulen auf dem Land. Es wird immer schwerer, Bewerber zu finden.

Von Matthias Popien und Alexander Sulanke
Foto: Birgit Jaklitsch
Hamberge Grundschule ohne eigenen Direktor
Paul Friedrich Beeck ist Bürgermeister des Dorfes Hamberge bei Lübeck. Die örtliche Grundschule hat keinen Leiter

Kiel/Hamberge. 45 schleswig-holsteinische Schulen sind derzeit führungslos - 45 von 839 allgemeinbildenden Schulen im Land. Grund: Es wird immer schwieriger, Bewerber für die Position des Schulleiters zu finden. Bernd Schauer, der Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), weiß, woran es liegt. "Die Tätigkeit eines Leiters ist in den vergangenen Jahren immer anspruchsvoller geworden, und das Plus beim Gehalt ist gerade bei den kleinen Grundschulen kaum der Rede wert", sagt er. "Wenn die Schule weniger als 80 Kinder hat, dann bekommt der Leiter gerade mal 147 Euro pro Monat mehr als der normale Lehrer."

Die Grundschule in Hamberge (Kreis Stormarn) vor den Toren Lübecks ist so eine Schule. 77 Kinder sind dort angemeldet. Es gibt jeweils eine Klasse pro Jahrgangsstufe. Aber seit den vergangenen Sommerferien keine Schulleiterin mehr. "Unsere ist an eine größere Schule gewechselt", sagt Paul Friedrich Beeck, der Bürgermeister. Wenn er über die örtliche Grundschule spricht, dann gerät er schnell ins Schwärmen. "Schnuckelig klein" sei sie, biete aber alle Annehmlichkeiten einer großen Grundschule. Für die Kinder jedenfalls, für Schulleiter eher nicht. "Die Tätigkeit wird ja kaum besser vergütet als die eines normalen Lehrers", sagt Bürgermeister Beeck. Aus Gesprächen mit der bis jetzt letzten Schulleiterin Sylvia Langnau weiß er: "Trotzdem ist mit dem Amt ein immenser Verwaltungsaufwand verbunden. Und dann die ganze Verantwortung." Da überlege ein Lehrer vielleicht doch, ob er nicht lieber einfach Lehrer bleiben wolle.

Die Hamberger Schule hat jetzt erst einmal einen - externen - kommissarischen Leiter bekommen: Stefan Beeg, eigentlich Rektor der Matthias-Claudius-Schule in der sieben Kilometer entfernten Kleinstadt Reinfeld. Offenbar haben sich viele Menschen in dem 1400-Einwohner-Ort schon damit abgefunden, dass aus dem Interimsschulleiter ein dauerhafter Teilzeitschulleiter wird. "Mit ihm haben wir es ziemlich gut getroffen", meint Daniela Horstmann, die Vorsitzende des Schulelternbeirats.

Ebenso wie der Bürgermeister hat auch sie vernommen, dass infolge der Vakanz darüber nachgedacht werde, die Grundschule kurzerhand zu einer Außenstelle der Reinfelder Schule zu machen. Beeck sagt, er könne mit einem Teilzeitschulleiter Beeg gut leben. "Wie es langfristig weitergeht, muss der Schulrat entscheiden", sagt er.

Der heißt Michael Rebling, sitzt in der Kreisverwaltung in Bad Oldesloe und sagt: "Ich bin sehr gern Schulleiter gewesen. Es ist ein forderndes Amt, in dem man viele Gestaltungsmöglichkeiten hat." In acht der 34 Grundschulen in seinem Zuständigkeitsbereich ist das Thema Schulleiterfindung gerade aktuell oder zumindest aktuell gewesen. Eine Stelle sei nun wieder besetzt, in zwei weiteren Fällen laufe das Wahlverfahren. Aber auch er räumt ein: "Wir haben gerade bei kleineren Schulen das Problem, dass wir nicht so schnell Bewerber von außerhalb finden." Vielleicht, meint auch Schulrat Rebling, liege das an der Besoldung.

Ein anderes Dorf, eine andere Schule, aber dieselbe Situation: Auch in Grönwohld gibt es eine kleine, schnuckelige Grundschule, auch hier ist die Chefposition seit dem Sommer 2012 zu besetzen. "Die Stelle ist ausgeschrieben gewesen", sagt Ralf Breisacher, der Bürgermeister. "Ob Bewerbungen eingegangen sind, ist mir allerdings nicht bekannt." Trotzdem sei er zuversichtlich, dass es bald gelingen werde, die Stelle neu zu besetzen.

GEW-Mann Schauer will die Situation nicht dramatisieren, aber er hält die Zahl der Vakanzen für zu hoch. "Manchmal dauert es ein Jahr, bis ein neuer Chef gefunden, ist, und das ist einfach zu lange", sagt er. "Der Schulleiter ist schon wichtig, er vertritt die Schule nach außen und prägt so auch ihr Bild."

Nach Schauers Erfahrungen sieht es bei den Gymnasien und Gemeinschaftsschulen besser aus. "Dort wird in der Regel relativ schnell ein Nachfolger gefunden. Ausnahmen lassen sich meist dadurch erklären, dass es in der Schule irgendwelche Sondersituationen gibt, die die Bewerber abschrecken."

Auch eine Regelung im Schulgesetz dürfte die Suche nach Schulleitern erschweren. Der in vielen Betrieben und Verwaltungen übliche und normale Karriereweg ist Lehrern nämlich versperrt. Ein stellvertretender Schulleiter darf sich nicht für den Führungsposten bewerben, wenn sein Chef in Ruhestand geht. Ein "Aufrücken", zum Beispiel vom Vize der Schule zum Direktor derselben Schule, ist in der Regel nicht möglich. "Das wird nur in Ausnahmefällen gemacht", sagt Thomas Schunck, Pressesprecher des Kieler Bildungsministeriums. Das bedeutet: Wer Chef werden will, muss die Schule wechseln. Wer das tut, muss oft auch den Wohnort wechseln - mit all den Nachteilen für die Familie. Denn in vielen Städten gibt es nur ein Gymnasium.

Einer der Ausnahmefälle liegt dann vor, wenn eine Stelle zweimal ausgeschrieben war, ohne dass der Posten besetzt werden konnte. "Auf die dritte Ausschreibung dürfen sich auch Lehrer aus der Schule selbst bewerben", sagt der Stormarner Schulrat Rebling. Thomas Schunck erklärt das ungewöhnliche "Aufrücker"-Verbot damit, dass es wenig ratsam sei, einen Kollegen plötzlich zum Chef zu machen. Im Übrigen sei die Zahl von 45 Vakanzen nicht ungewöhnlich. Noch sei es stets gelungen, einen freien Schulleiterposten neu zu besetzen.

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